Ein Wort zum Begriff der "Islamisierung"

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Es ist so einfach. Wo Träger einer Kultur aussterben, stirbt die Kultur aus. Dabei müssen nicht einmal die Menschen verschwinden, sondern ihre Überzeugungen. Wo Träger einer Kultur leben, wird diese gedeihen. Ein aktuelleres Beispiel: Schon der katholische Ire Kennedy war manchem der weißen angelsächsischen Protestanten, die das Sagen hatten, ein Dorn im Auge. Wenn derzeit immer mehr katholische Latinos in die USA einwandern, um dort zu leben, werden die USA katholischer. Dieser Prozess wird dort auch breit diskutiert, durchaus kontrovers.

Wenn kürzlich die FAZ in einem Leitartikel schreibt, dass in Deutschland auf lange Sicht muslimische Feiertage, muslimische Wohlfahrtsverbände, muslimische Kleidung, ja sogar muslimische Dörfer nichts anderes als schlichte  „Verfassungsrealität“ sind, dann mag das stimmen. Dann stimmt aber auch, dass Deutschland eine Islamisierung erlebt. Die Rückzugsgefechte der freiheitlichen Gesellschaft, wie wir sie noch kannten, die Demonstrationen (wie die in Dresden) verbietet und Karikaturenausstellungen (wie die von Greser und Lenz in Hanau) absagt, deuten in dieselbe Richtung. Es geht um einen Komparativ: Deutschland wird islamischer. Das Bestreiten dieses einfachen Sachverhalts ist schädlich, weil es eine adäquate Reaktion auf ihn verhindert.

Wo viele Christen leben, kommt es zu einer Verchristlichung der Gesellschaft. Das wissen islamische Staaten, weshalb sie alles dagegen tun. Dabei ist das Christentum zuallererst ein Glaube, nicht einmal eine Religion; doch wird der Glaube irgendwann unweigerlich gesellschaftlich spürbar und sichtbar. Selbst noch in unserem säkularen, glaubenslosen Staat scheint die Tradition des Christentums überall durch. Wenn Muslime irgendwo leben, wo es vorher keine Muslime gab, kommt es naturgemäß zu einer Islamisierung; dies umso mehr, als der Islam eine politische Religion ist, die auf jeden Fall unmittelbar sichtbar und spürbar wird, auch wenn der einzelne Moslem kein direktes politisches Interesse hat.

Es hat einfach keinen Sinn, schlichte Wahrheiten zu leugnen. Vor 50 Jahren gab es praktisch keine Muslime in Deutschland; zur Zeit leben hier zwischen 3,8 und 4,3 Millionen, davon sind etwa 74% sunnitisch, 13% alevitisch und 7% schiitisch. Der Anteil an der deutschen Bevölkerung beträgt also etwa 5%. Zum Vergleich: Es gibt etwa 300000 bis 350000 Menschen buddhistischen Glaubens in Deutschland, das sind etwa 0,4%, und etwa 100.000 Hindus (0,1%). Angesichts dieser Fakten von einer Bedrohung zu reden, ist Unsinn, deutet aber auf ein gering ausgeprägtes Selbstbewusstsein hin. Dieses rührt von der deutschen Vergangenheit her, mehr noch vom heute leider allgegenwärtigen Relativismus, der es gleichsam verbietet, an die Überlegenheit unserer modernen freiheitlichen Zivilisation zu glauben und entsprechend klare Vorgaben zu machen, und es hat wohl auch mit dem religiösen Glaubensverlust zu tun. Eine Vogel-Strauß-Politik nützt niemandem: Die Islamisierung im genannten Sinn ist Fakt. Es geht nur noch darum, welchen Islam Deutschland erträgt, ein Deutschland, das, so scheint es, außer einem blutleeren „Verfassungspatriotismus“ so gut wie nichts an eigener geistiger Substanz mehr aufweist. Es geht darum, als was Deutschland sich sieht und definiert; es muss geistig zu sich finden, dann wird sich die Realität dem auch nähern.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Anselm Neft

@ropow: Ich sehe erst jetzt Ihren Kommentar. Nun ja, gut Ding will Weile haben. Also zurück zur Islamisierung des Abendlandes. Sie schreiben:

"Dass nämlich mit einer Islamisierung die zunehmende Einflussnahme einer mittelalterlichen Politideologie mit chauvinistischem Imperialismus, theokratischem Rassismus, patriarchalisch-repressiver Gesellschaftsstruktur mit extremer Misogynie und einer, erst nach Herstellung einer weltweiten Umma endenden Verherrlichung von Gewalt mit Ausrichtung auf ein Paradies mit 72 Jungfrauen und „ewiglicher Erektion“ verbunden ist."

Das ist mir nach dem Studium der vergleichenden Rekigionswissenschaft nicht neu. Und sicher gibt es salafistische, wahabitische und andere ultra-orthodoxe radikale Milieus im Islam die a) sehr aggressiv zu expansieren versuchen und b) auch in Deutschland anzutreffen sind. Dass aber diese Millieus nennenswert größer werden und einen pro-islamistischen Einfluss auf unsere Verfassung nehmen, müssen Sie mir bitte einmal belegen. Sollten Sie aber wie der obige Text Muslimsein und Radikalismus einfach unhinterfragt in eins setzen und obendrein ein Einknicken der Bundesregierung vor dem radikalen Islam behaupten, ohne ein plausibles Beispiel zu liefern, betreiben Sie hier schlicht Hetze. Und ich denke für solche Menschen wurde der Text geschrieben, denn ich vermag durchaus Kontext zu lesen.

In dem F.A.Z. Artikel auf den der Herr Professor (in was eigentlich?) Bezug nimmt, steht übrigens "vielleicht wird es eines Tages muslimische Dörfer geben". Und dass eine Religionsgemeinschaft ihre Feiertage praktiziert, ist vom Protestanten über den Katholiken, Juden, Griechisch-Orthodoxen und Muslimen in einem Land das Religionsfreiheit garantiert natürlich "Verfassungsrealität". Was Ihnen und dem Artikelschreiber schwer fällt -- vermutlich wollen Sie es auch gar nicht -- ist die Differenzierung zwischen Islamisierung von Paralellgesellschaften und Gesellschaft als ganzer sowie zwischen Muslimen und radikalen Muslimen. Mit der kühnen Behauptung "Der Islam ist eine politische Religion" wird einfach eine bestimmte Lesart des Koran als einzige gesetzt, so wie es die Fundamentalisten tun.

Gravatar: ropow

Die Aussagen im Artikel sind eigentlich leicht verständlich: Wenn es stimmt, dass in Deutschland auf lange Sicht einige der genannten sichtbaren Zeichen der Sharia „Verfassungsrealität“ sind, dann stimmt es auch, dass Deutschland eine Islamisierung erlebt. Und die gezogene Schlussfolgerung ist auch eindeutig (und ohne Vorbehalt): „Die Islamisierung im genannten Sinn ist Fakt.“

Dass man überhaupt darüber reden muss, hat der Autor in Ihrem Fall wohl voreilig als bekannt vorausgesetzt: Dass nämlich mit einer Islamisierung die zunehmende Einflussnahme einer mittelalterlichen Politideologie mit chauvinistischem Imperialismus, theokratischem Rassismus, patriarchalisch-repressiver Gesellschaftsstruktur mit extremer Misogynie und einer, erst nach Herstellung einer weltweiten Umma endenden Verherrlichung von Gewalt mit Ausrichtung auf ein Paradies mit 72 Jungfrauen und „ewiglicher Erektion“ verbunden ist.

Dagegen stehen in Deutschland nur mehr die Reste eines vom Glaubensverlust geschwächten Christentums und die durch politische Anbiederung an zukünftige Mehrheitswähler permanent ausgehöhlten Ideale der Aufklärung, so die leicht verständliche Argumentation.

Selbst wenn in Deutschland „konfuzianische“ oder „shintoistische“ Dörfer in Zahl und Umfang so rasant zunähmen (was sie nicht tun - es fehlt dazu einfach der „göttliche Auftrag“) wie mehrheitlich muslimische Enklaven innerhalb und außerhalb deutscher Großstädte, dann würde das nur eine zunehmende Verbreitung von Ideologien mit ausgeprägter Ahnenverehrung, dem Streben nach Harmonie, menschlicher Solidarität und insbesondere nach Bildung (!) bedeuten. Ihr Vergleich ist daher irreführend und verharmlosend.

Dieser Artikel wurde offensichtlich für Menschen geschrieben, die nicht nur Text sondern auch Kontext lesen können. Vielleicht hätten Sie besser etwas anderes lesen sollen.

Gravatar: Anselm Neft

Ich fasse die Nicht-Argumentation dieses Artikels einmal zusammen:

1. Wenn in einem FAZ-Leitartikel steht, dass auf lange Sicht u.a. "muslimische Kleidung Verfassungsrealität sein wird", mag das stimmen (also noch unter Vorbehalt).

2. "Deutschland wird islamischer. Das Bestreiten dieses einfachen Sachverhalts ist schädlich, weil es eine adäquate Reaktion auf ihn verhindert." (Plötzlich sind die diversen Angaben des nicht näher identifizierten FAZ-Artikels ein Faktum, das man nicht leugnen kann.) Aber warum wird Deutschland islamischer, wenn es z.B. muslimische Dörfer gäbe? Chinatown hat auch nicht zur schleichenden Konfuzianisiersung New Yorks geführt und die Parallelgesellschaft der Japaner in Düsseldorf nicht zur Shintoisierung der Rheinmetropole. Und was wäre denn die ädaquate Reaktion auf die attestierte Islamisierung Deutschlands?

3. Früher gab es viel weniger Muslime als heute in Deutschland. Es gibt auch mehr Muslime als Buddhisten oder Hindus. Richtig. Aber nun der Hirnsprung: Daraus folgt (unlogischerweise): In Zukunft wird es noch mehr Muslime geben. Also muss man von einer Islamisierung reden.

Was der Artikel nicht erwähnt, ist, dass die Zahlen muslimischer Einwanderer nach Deutschland sowie die Geburtenraten muslimischer Bürgerinnen und Bürger leicht rückläufig sind (siehe den langen Eintrag "Einwanderung" bei wikipedia und Beiträge der Lügenpresse ;0)) Allerdings sind auch die Geburtenraten der Biodeutschen stagnierend bis leicht rückläufig und die Austrittszahlen aus den beiden christlichen Kirchen weiterhin hoch. Es lässt sich also von einer Überalterung Deutschlands und vermutlich von einer schleichenden Dechristianisierung reden. Was das nun mit den Muslimen zu tun hat, erkklärt dieser Artikel nicht. So wie er überhaupt nichts erklärt, sondern Behauptungen als Fakten ausgibt, was nicht nur eines Professoren unwürdig ist. Was soll dieses ständige "gefühlte Wissen" denn zu sachlichen Debatten beitragen?

Gravatar: Crono

Als Atheisto spielen Sie jetzt schon den Propheten? Gibt es so ein Job bei den Gutmenschen?

Gravatar: Adorján Kovács

Dass die liberale, relativistische, atheistische, "freigeistige" Gesellschaft langsam von innen zerfällt, müsste Ihnen auch aufgefallen sein. Philosophen wie Zizek und Habermas sehen klar, dass es ohne Religion nicht geht. Der Islam wird in diesem Jahrhundert keinen Glaubensverlust erleiden, das ist sicher. Was in 100 Jahren sein wird, kann niemand sagen (und interessiert mich wenig). Aber was heute nötig ist, das schon.

Gravatar: Freigeist

"Religiöser Glaubensverlust". Hoffentlich künftig mehr davon. Auch bei Muslimen wird dies eintreten, langsam aber sicher.

Gravatar: Markus Estermeier

Danke Herr Kovacs.
So unaufgeregt hätte ich gerne politische und öffentlichrechtliche Diskusionen zu diesem Thema.

Gravatar: ropow

Sie sollten etwas mehr Verständnis für die Politiker Deutschlands haben. Die zunehmende Zahl der Muslime und die damit verbundene Verbreitung der mittelalterlichen Gewaltideologie Islam in Deutschland stellt sie schließlich vor ungeheure Argumentationsprobleme.

Einerseits sehen sie die Zukunft dieses Landes schon aus demographischen Gründen voller muslimischer Dörfer mit vielen muslimischen Wählern darin, so dass allein ihre Karriereplanung es schon verlangt, sich diesen anbiedern zu müssen:

“Mittelfristig werden wir ohne Muslime keine Wahlen mehr gewinnen.” - Martin Neumeyer

Andererseits dürfen Politiker die autochthonen Deutschen nicht vorzeitig verprellen, sonst verlieren sie ihre Macht zu früh, noch bevor - wie sie meinen - die gepamperten muslimischen Wähler sie in ihren Positionen bestätigen würden. Für diese autochthonen Wähler - und nur für diese - hat man die Formel „es gibt keine Islamisierung“ (nicht einmal eine angebliche - „nachgewiesenermaßen“) schließlich entwickelt, die bei diesem Spiel auf Zeit mit allen (medialen) Mitteln durchgehalten werden soll.

Ihr Beitrag ist dabei nun aber wahrlich nicht hilfreich.

Am Ende kommen Sie noch auf die Idee, die autochthonen Deutschen hätten gar ein Recht (!) darüber zu bestimmen, ob sie nun schleichend im eigenen Land marginalisiert werden wollen - oder überhaupt durch Immigration ihre Löhne gedrückt, ihr Sozialsystem bis zum Bersten belastet, sie durch eine hohe Sockelarbeitslosigkeit gefügiger gemacht werden dürfen und ob - sogar mit der damit verbundenen Auferstehung des religiösen Mittelalters - es ermöglicht werden soll, dass Parteien mit zu wenig Unterstützung in der eigenen Bevölkerung durch eingebürgerte Ausländer endlich „den Stimmenanteil bekommen, den sie brauchen, um diese Republik zu verändern” (Daniel Cohn-Bendit).

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