Frau müsste man sein

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Frau müsste man sein
Datum: 22.10.2014, 10:30

Einer, der dem Direktionsleiter unterstellten anwesenden Bereichsleiter leitet seine Antwort mit dem Satz ein: „Zuerst einmal erkläre ich die Spielregeln, denn es gibt aus meiner Sicht nichts schlimmeres, als wenn man in einem Spiel verliert, nur weil man die Spielregeln nicht kennt.“Dann äußert er sich zum Thema „Diversity“, worunter derzeit im Konzern hauptsächlich Frauenförderung verstanden wird. Er mahnt: „Der Vorstand hat festgestellt, dass es ein Problem im Unternehmen gibt. Es sind zu wenig Frauen in Führungspositionen. Für jede freie Stelle ist es deshalb Pflicht zu prüfen, ob es nicht eine kompetente Frau für die Besetzung gibt. Mit der wird es dann auf jeden Fall ‚erst einmal versucht‘.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Und ich habe von einer kompetenten Frau gesprochen – nicht davon, dass sie die Beste sein muss.“ Ein Raunen geht durch die Reihen der Mitarbeiter, man merkt ihnen ihre Verstimmung an. Daraufhin fordert der Bereichsleiter die Teilnehmer auf, sich im Saal umzusehen und fragt, wie wenig Frauen es hier gebe.  Dann  zählt er auf, in welcher Anzahl Frauen im Vergleich zu Männern im letzten Jahr in Führungspositionen aufgestiegen sind.                                                                                                                                                          

Abgeschlossen wird das Thema mit der Bemerkung des Bereichsleiters: „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass in der Vergangenheit immer die besten Bewerber aufgestiegen sind.

Schließlich  gibt es noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Ein Mitarbeiter erkundigt sich nach Karrierechancen in Verbindung mit einem Auslandsaufenthalt in China. Weitere Fragen gibt es nicht. Soweit der Bericht.

Natürlich war der Frauenanteil im Saal sehr gering. Nur: Wie sollen aus einer größeren Anzahl von Männern mehr Frauen aufsteigen? Das heißt doch expressis verbis: Wer Frau ist, steigt auf jeden Fall auf. Wer aber Mann ist, hat zu warten, bis es genug Frauen gibt, die in Führungspositionen sitzen.

Vielen der meist männlichen Mitarbeiter scheint es erst einmal die Sprache verschlagen zu haben, ob solcher Äußerungen einer Führungsperson. In ihren Gesichtern steht die Frage geschrieben: Wenn plötzlich für einen innerbetrieblichen Aufstieg das Frausein statt Leistung zählt, welche Chancen hat dann noch ein Mann? Und welche Motivation hat ein Mann zukünftig noch, Leistung zu erbringen?  Wie sieht es aus mit der persönlichen Karriereplanung? Was ist das für eine Spielregel, nach der von vorne herein klar ist wer gewinnen wird? Welches Spiel ermuntert unter diesen Voraussetzungen zum Mitmachen? Abgesehen von der offensichtlichen Männerdiskriminierung ist es nicht auch eine Diskriminierung der auf diese Weise eingestellten Frauen??

Bedrückend ist die Stimmung, als sich die Versammlung auflöst.

Beitrag erschien auch auf: agensev.de

Sven von Storch

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