Familien leben – ohne das Mantra „Vereinbarkeit“

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Familien leben – ohne das Mantra „Vereinbarkeit“
Datum: 13.05.2016, 12:35

Von den klassischen Medien kaum wahrgenommen, häufen sich in letzter Zeit Beiträge im Netz, die das Mantra der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kritisch hinterfragen.………..Und das nach Jahren propagierter Regierungspolitik der Machbarkeit, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen.

Rollen leben – statt Rollentausch

Regierungsorientierte Umfragen zur Work-Life Balance unterstützten in den letzten Jahren einen vermeintlichen Trendsettern wie „Immer mehr Väter wollen Zeit für die Familie“. Das scheint zu gelingen, man hat den Eindruck, dass für viele Mütter nach der Geburt heißt: raus aus dem Kreissaal, rein in den Beruf.

Aber da gab es kürzlich zwei Professorinnen. Sie versuchten den Nachweis über einen vermeintlich stattgefundenen Rollentausch zu finden, und das mit einer Umfrage in Familien, in denen Frauen die Haupternährer sind, und Männer – wiederum vermeintlich - die Frauenrolle übernommen haben. Voller Erstaunen stellten sie nach der Auswertung fest: trotz des Trends „Rollentausch“ fand kaum eine Arbeitsverlagerung der klassischen Hausfrauentätigkeit auf den Mann statt. Ein unerwartetes Ergebnis, da nicht vorab geplant…..

Deutet dieses Umfrageergebnis und die zunehmende Zahl von kritischen Stimmen zur Vereinbarkeit auf eine verfehlte millionenschwere Frauenförderung? Es hat den Anschein:

Versuchsprogramm „Vereinbarkeit“

Die Frauenpolitik, mittlerweile eine Art „Staatsideologie“ (Michael Klein), initiierte und finanzierte mit unzähligen Projekten jahrzehntelang die Stärkung und Gleichstellung der Frauen. Die Gleichstellung von Mann und Frau wurde nach überwiegender Auffassung durch die gesetzlich dokumentierte Gleichberechtigung weitestgehend erreicht. So nicht die Meinung der „Radikalfeministinnen“ (Norbert Bolz). Sie nutzen bis heute die bundesweit entstandene Infrastruktur der Gleichstellungsbeauftragtinnen für ihren eigenen Machtausbau in der Politik, in der Gesellschaft und – zunehmend – in der Wirtschaft aus. Stets mit der Begründung, die Gleichstellung der Frau sei noch längst nicht erreicht.

Nur in Haushalt und Kindererziehung taten sich die Gleichstellungs-Funktionärinnen mit Umsetzung ihres Modells „Rollentausch“ schwer. Es fehlten bislang die vorzeigbaren Beweise eines Durchbruchs im Rollenverhalten der Eltern – trotz eines professionellen Marketings in den Medien. Die bisherigen Aktionen des Frauenministeriums hatten Elemente eines bundesweit angelegten Großversuchsprogramms „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf, mit den Testpersonen Vater und Mutter. Fotoserien mit Elementen aus der Produktwerbung machten den Anfang: Vater mit Kleinkind im Brustsack am Herd oder im Sandkasten, Mutter, bzw. Frau im grauen Businessanzug bei einer Power-Point Präsentation im Konferenzraum, oder die Ministerin im Stuhlkreis einer KiTa. Mit solchen Bildern sollte offensichtlich ein Mainstream, ein Trend gezielt auf das Unterbewusstsein junger Eltern kreiert werden. Die Begleitmusik dazu lieferten Mantras („Hidden Agendas“) wie „Immer mehr Männer wollen in die Teilzeit gehen!“ Ständige „Immer mehr“ - Wiederholungen – auch für Frauen - eines virtuellen Trends in Politik und Medien sollten Unentschlossenen das Gefühl vermitteln, dazu zu gehören. Und zwar dann , wenn ich mit den klassischen Rollenbildern breche und solche Mainstreambilder in meiner Familie umsetze. Das Umdenken hat bereits in der Gesellschaft stattgefunden: Früher stellte man der Mutter nach der Geburt die Frage beispielsweise nach dem Namen des Kindes, heute fragt man die Mutter, wann sie denn wieder arbeiten würde…….

Das Regierungsprogramm Vereinbarkeit täuscht einen Trend vor, der mangels erkenntnistheoretischer Belege kaum vorhanden ist. Solche Aktionen, die über das Unterbewusstsein den Menschen indoktrinieren sollen, erinnern stark an Instrumente aus der Werbebranche im Sinne von Bedürfnisweckung, ja sogar, noch greulicher, an die sogenannten Agitprop-Programme in der DDR.

Als Haupthindernis für einen (Wieder-)Einstieg der Frauen in die Berufswelt der Männer sahen Protagonisten wie Beauvoir, Schwarzer und Badinter, schon sehr früh die Mutterrolle. Solche ein Paradigmenwechsel setzt allerdings einen gesellschaftlichen, längerfristigen Prozess und ein Umdenken in der Wirtschaft voraus.

Gender Mainstreaming

Die Geschichte der Ideologien zeigt Umerziehungsprogramme auf, die versucht haben, gewünschte gesellschaftliche Prozesse auf dem Verordnungswege „ex cathedra“ zu verkürzen. Das sogenannte „Gender Mainstreaming“ (GM) war und ist ein solches (ungeschriebenes) Programm, konkreter: eine Losblattsammlung von Hypothesen. Es lieferte vor rd. 20 Jahren feministisch orientierten Gruppen ein Instrumentarium, um u.a. Mann und Frau für einen Rollentausch Mann-Frau vorzubereiten. Dieses käme einer kulturellen Revolution gleich. Wir sind nicht weit entfernt davon: das GM-Instrumentarium beeinflußt – kaum wahrnehmbar – Parlament und Regierung. Unzählige Gesetze in Verwaltung und Wirtschaft bereiten den Einstieg der Frau in Männerpositionen vor. Prominentes Beispiel ist die 30% - Frauenquote für die Wirtschaft. In den politischen Institutionen ist bereits schon eine fast 50% - Quote erreicht, weniger auf Grund von individuellen Entscheidungen, als auf politischen Vorgaben.

Dilemma „Familienmanagement“

„Work-Life-Balance“ bedeutet tägliches, ja stündliches Managen eines normalen 24-h-Tages von Mutter und Vater. Dabei mutierte der Reproduktiv-Faktor „Kind“ zu einem Störfaktor, der dem Produktiv-Faktor „Vater und Mutter“ häufig entgegensteht (Günter Buchholz). Das „Outsourcen“ des eigenen Kindes in die Fremdbetreuung wird häufig mit der notwendigen Sozialisierung des (Klein-)Kindes begründet, stellt aber meistens eine notwendige Folge der mütterlichen Abwesenheit dar. Überdies verlangt der Bring- und Holservice gerade für das Kind ein professionelles Zeitmanagement beider Eltern.

Der letzte Erzieherinnenstreik offenbarte die Abhängigkeit der „modernen“ Familie von staatlichen Leistungen. Und: das Kind wurde zum Spielball elterlicher Egoismen und politischer Interessen. Die Gefühlswelt der Kinder war in allen Aktionen häufig nur Nebensache. Der Streik zeigte allerdings etwas Positives: die Potentiale der klassischen Familie, wie die Großeltern, als sichere Auffangposition für entnervte Eltern.

Über dem Familienmanagement berufstätiger Eltern schwebt zudem in kritischen Situation als Damoklesschwert die drohende Trennung der Ehepartner - überwiegend ausgelöst von den Frauen – verbunden mit einem wenig thematisierten, radikalen Einschnitt für das weitere Leben des Kindes.

Der große Frust

Die in letzter Zeit zunehmend kritischen Online - Beiträge überregionaler Printmedien (beispielsweise FAZ, ZEIT, SPIEGEL) offenbaren: staatliche Propaganda vermochte es nicht, die Eltern zu einem Rollentausch zu bewegen, mit der Ausnahme vorwiegend freiberuflicher Eltern. Die kritischen Beiträge berichten über Phänomene wie „Burn Out“ - Phänomene, herrührend aus einer möglichen kontinuierlichen Überforderung von Vater und Mutter, allem und jedem gerecht zu werden.

Die kognitive Dissonanz zwischen Wunsch (geäußert in Umfragen) und Handeln (in realiter) zeigt zwei Welten:

  • Die widerspruchsfreie „schöne neue Welt“ staatlicher Propaganda, die Welt der „immer-mehr“ – Mantras mit Vorzeigefamilien in Hochglanzbroschüren und

  • Die reale Welt, in der Familien einen nervenzerrenden Zeit- und Finanzmanagement versuchen, halbwegs über die Runden zu kommen.

Regierungsfreundliche Studien („GenderStudies“) bzw. Umfragen versuchen, fehlende Erfahrungen und Vorbilder für den Rollentausch zu verschleiern, anstatt die gefrusteten Familien in ihren Sorgen und Nöten ab zu holen. Frust gilt als tabu.

Die Erkenntnis der meisten Autorinnen bzw. Zweiflerinnen liegt deswegen auf der Hand: es scheint letzten Endes nur um ein „entweder/oder“ in jungen Familien zu gehen: entweder steht in den ersten zwei bis drei Jahren des Kindes die Sorge um das Kind im Mittelpunkt, oder die Frau (und ihr Partner) verzichtet auf Familie. Je geringer das Familieneinkommen, um so mehr wird diese Entscheidung allerdings auf Basis des verfügbaren Netto-Familieneinkommen entschieden. Seltsamerweise findet dabei der allgemeine Kosten/Ertrags Vergleich beim Wiedereinstieg der Mutter wenig Beachtung: Häufig entspricht das Netto- Teilzeiteinkommen in etwa der Fixkostensumme monatlicher Autokosten inklusive KiTa Gebühren……

Mann/Frau im gesellschaftlichen Prozess

Der bundesweite, staatliche verordnete Versuch eines Rollentausches und die drauffolgende Frustphase junger Eltern legen die Vermutungen nahe:

  • Familienpolitik, konkreter: die Vereinbarkeit, kann nicht (top down) verordnet werden

  • Das Rollenspiel Mann/Frau bzw. Vater/Mutter ist seit eh und je das Ergebnis persönlicher Arrangements und eines gesellschaftlichen Prozesses (bottom up).

Zukünftige Familienpolitik muss wieder Teil eines gesellschaftlichen Prozesses werden, eines Prozesses, der auch die wirtschaftliche und kulturelle Wirklichkeit für die Familien abbildet. Auf diese Weise kann sich ein neues – individuell geprägtes - geschlechterpolitisches Arrangement zwischen Mann und Frau (Gerhard Amendt) entwickeln. Der staatliche Einfluß sollte dazu ein Angebot von Leitplanken liefern. Sie stellen die kindliche Frühbetreuung in der Familie und ein berufliches Wiedereinstiegsprogramm für die Mutter sicher. Eine solche Rollenteilung von Mann und Vater, sowie zwischen Frau und Mutter, wird damit wieder ein Teil der Natur des Menschen. 

Sven von Storch

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