Wirtschaftswoche_ DFR eine der spektakulärsten Neuentwicklungen
Wirtschaftswoche_ DFR eine der spektakulärsten Neuentwicklungen
Datum: 27.08.2013, 14:59
Leider ist es auch dieses Mal etwas weniger aufregend, denn die am Montag (26.08.2013) erscheinende gedruckte Ausgabe der Wirtschaftswoche kann man schon als digitale Ausgabe online erwerben. Daher liegt mir der angekündigte Artikel zur Kernenergie bereits heute vor.
Auf immerhin sechs Seiten wagen in diesem die Autoren einen Blick auf aktuelle technische Entwicklungen, ergänzt durch bunte Grafiken und Tabellen. Rein optisch ist das Ding gelungen.
Inhaltlich startet man mit dem Verweis auf den Film “Pandoras Promise“. Zwiespältig, denn ich halte einen Wettkampf der Ängste (“Klimakatastrophe” gegen “Strahlentod”) für kontraproduktiv. Obwohl es sicher eine gute Idee ist, die inneren Widersprüche des Ökologismus zu thematisieren. Aus dieser Einführung leitet man über zu modernen Konzepten für neue Reaktoren, die inhärente Sicherheit versprechen, also die Unmöglichkeit einer Kernschmelze (“Super-GAU”) aus physikalischen Gründen.
Angesprochen werden:
- der Flüssigsalzreaktor durch seinen prominenten Vertreter “Dual Fluid Reaktor” DFR
- kleine, kompakte Reaktoren am Beispiel des mPower-Systems von Babcock & Wilcox (man beachte auch Günter Keils Übersicht hier bei uns)
- mit Teilchenbeschleunigern betriebene Transmutationsanlagen (“Rubbiatron”) am Beispiel der geplanten Anlage im belgischen Myrrha
Zum DFR schreibt man folgendes:
Eine der spektakulärsten Neuentwicklungen kommt ausgerechnet aus Deutschland: der Dual Fluid Reaktor (DFR). Ihm haben sich Physiker des privaten Instituts für Festkörper-Kernphysik (IFK) in Berlin verschrieben. Die Idee solcher Flüssigsalzreaktoren wurde in den Fünfzigerjahren geboren – und teilweise getestet.
Das besondere an diesem Reaktortyp: Er wird nicht mit festen Brennstäben bestückt. Der Brennstoff, aufbereitete Uransalze, fließt stattdessen in einer Schmelze durch den Reaktorraum. Sie transportiert die Hitze von einigen Hundert Grad Celsius, die durch die Kernspaltung entsteht, zu einem Wärmetauscher, der heißen Dampf für die Stromproduktion erzeugt.
Im weiteren wird auf die besonderen Vorteile der Flüssigsalztechnologie im allgemeinen und des DFR im besonderen eingegangen:
- die Möglichkeit, Spaltprodukte während des Betriebs aus dem Flüssigsalz zu entfernen
- die Möglichkeit zur Transmutation langlebiger Brut- und Spaltprodukte
- die hohe Effizienz des DFR durch den zusätzlichen wärmeübertragenden Bleikreislauf
- die inhärente Betriebssicherheit, da eine Änderung der Geometrie des Reaktorkerns durch passive Systeme bei einem Störfall zu einem unterkritischen Zustand führt
- die Möglichkeit, die produzierte Wärme nicht nur zur Strom-, sondern auch zur Kraftstoffproduktion zu nutzen
Der Artikel zeigt, daß die (private) Blogosphäre tatsächlich Einfluß auf die Berichterstattung in den großen Mainstream-Medien nehmen kann. Denn er ist natürlich eine Reaktion auf den Proteststurm, der sich anläßlich des Ausschlusses des DFR von den Greentec-Awards nach gewonnener Online-Abstimmung erhob. Über ihre Tochtermarke “Wiwo Green” ist die Wirtschaftswoche ja Medienpartner dieser Veranstaltung. Die teils heftige Kritik, der man sich auch als Jurymitglied ausgesetzt sah, bewog die verantwortlichen Redakteure zunächst zu einer entsprechenden Stellungnahme im Diskussionsforum von Wiwo-Green und nun auch zu diesem Text im Printmagazin.
Dabei widerlegt man die inhaltlichen Vorbehalte der Greentec-Macher gegenüber dem DFR in vollem Umfang. Was zu der Frage führt, warum dies nicht zu einem Umdenken der Veranstalter führt und ob die anderen Jurymitglieder (bspw. Pro 7, vertreten durch das Team von Galileo) lernfähig sind.
Natürlich gebietet die Reporterehre, sich nicht mit einem Anliegen gemein zu machen, sondern neutral und kritisch das Für und Wider darzustellen. Im Vergleich zur üblichen Umweltberichterstattung, in der Meinungsmache die Aufklärung deutlich überwiegt, stellt der Artikel auch in dieser Hinsicht eine wohltuende Ausnahme dar.
Es werden aber – neben dem allgemeinen Verweis auf hohe Entwicklungsaufwände und -risiken – drei konkrete Aspekte herausgegriffen, die man bei genauerem Hinsehen als nicht entscheidend oder gar unbegründet zurückweisen muß:
Die Materialfrage beim DFR bzw. bei Flüssigsalzreaktoren allgemein: Das Team vom IFK ist in zahlreichen Texten ausführlich auf dieses Thema eingegangen (u.a. auch hier bei uns). Aus meiner Sicht zeigen schon die Entwicklungen am ORNL aus den 1960er Jahren ausreichend Lösungsmöglichkeiten auf.
Die Kosten: Am Beispiel des neuen französischen Kernreaktors in Flamanville wird behauptet, Strom aus Windenergieanlagen könne preiswerter hergestellt werden, als solcher aus Kernkraftwerken. Dabei bleibt unberücksichtigt, daß die genannten 8 Cent pro Kilowattstunde nur für Onshore-, nicht aber für die von der Bundesregierung und den norddeutschen Küstenländern propagierte Offshore-Energie gelten. Letztere ist weit teurer. Dann hat man mit Flamanville (geschätzt 10 Cent pro Kilowattstunde) ein im internationalen Vergleich sicher extremes Beispiel herausgesucht. Schließlich ist bei der Berechnung von Investitions- und Betriebskosten über die geplante Laufzeit immer zu beachten, daß Kernkraftwerke letztere meist deutlich übertreffen, während Windmühlen diese fast nie erreichen (was im Moment in Deutschland durch das Repowering überdeckt wird). Und man sollte immer Gleiches mit Gleichem vergleichen. Ein Windkraftwerk kann ohne Stromspeicher keine verläßliche Versorgung garantieren. Die Speicherkosten aber sind in den 8 Cent nicht enthalten.
Die Reichweite von Uran: Gerade Flüssigsalzreaktoren können mit dem überreichlich vorhandenen Thorium betrieben werden (der eigentliche Brennstoff, Uran 233, wird dann erst im Reaktorkern erzeugt). Wie sagt Kirk Sorensen so schön: “We will never run out. It is simply too common.”
In dem Artikel fehlt nicht nur der Verweis auf Thorium, auch die anderen Entwicklungslinien der vierten Generation neben dem Flüssigsalzreaktor werden nicht angesprochen. Aber dem Leser wird deutlich, daß Fukushima keinesfalls das Ende der friedlichen Nutzung der Kernenergie darstellen muß, sondern vielmehr Auftakt für ihre Renaissance auch in Deutschland sein kann. Vielleicht widmet sich die Wirtschaftswoche dem Thema auch weiterhin. Sie wird es ganz sicher, wenn jetzt viele Menschen das Heft kaufen und über die üblichen Kanäle On- wie Offline konstruktive Rückmeldungen geben. Dazu sei hiermit aufgerufen. Als erster Autor zeichnet Dieter Dürand (dieter.duerand@wiwo.de).
P.S.: Gegen die erstinstanzliche Entscheidung im Hauptsacheverfahren, der Ausschluß vom Wettbewerb sei rechtens (wodurch die erwirkte einstweilige Verfügung zunächst unwirksam wird), hat das IFK umgehend Einspruch am Berliner Kammergericht eingelegt. Es geht also weiter.
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