Windkraft – eine maximalinvasive Technologie
Windkraft – eine maximalinvasive Technologie
Datum: 27.05.2015, 14:14
Als ich anhob, von einem Besuch bei einer Veranstaltung von Windkraftgegnern zu erzählen, unterbrach er mich, um mir von seinen eigenen Erfahrungen mit „diesen Leuten“ zu berichten. Mit denen man seiner Meinung nach nicht gut diskutieren könne. Spürbar war seine Verwirrung angesichts der Vielzahl an Argumenten und der Vehemenz und Deutlichkeit, mit der diese vertreten werden. Denn schließlich müsse man die Windenergie doch ausbauen, wolle man politisch verankerte Ziele wie Energiewende und Klimaschutz erreichen. Aber „diese Leute“, so sein Fazit, könne man nicht mehr erreichen und nicht mehr überzeugen. “Was aber…”, entgegnete ich, “…wenn Sie diese Leute auch nicht überzeugen sollten? Die könnten schließlich mit ihrem Widerspruch richtig liegen.” Der Abgeordnete schaute mich entgeistert an.
Zu der Veranstaltung, die ich besuchte, hatte der FDP Stadtverband Burgdorf eingeladen. In Niedersachsen haben die dort in großer Stärke im Landtag vertretenen Liberalen die Windkraft als Thema entdeckt. Man etabliert sich als Partner lokaler Initiativen von Gegnern eines weiteren Ausbaus, hört ihnen zu, trägt ihre Argumente in den Landtag und hilft ihnen bei der landesweiten Vernetzung. Von daher konnte ich mir im Vorfeld ausmalen, in welche Richtung die Reden und Diskussionen gehen würden. Technologiefeindlichkeit ausgerechnet bei der FDP? Für mich natürlich ein Grund zum Eingreifen. Ein lauer Frühlingsabend versprach zudem eine geringe Teilnehmerzahl und damit die Gelegenheit, ausführlich zu Wort zu kommen. Also legte ich mir zwei, drei ziemlich fiese und provokante Fragen für den angekündigten umweltpolitischen Sprecher der FDP-Landtagsfraktion Gero Hocker zurecht und machte mich auf.
Erstens war der vorgesehene Saal dann mit gut hundert Gästen brechend voll. Zweitens lag der geschätzte Altersdurchschnitt weit unter dem Erwartungswert. Drittens waren viele Anhänger auch anderer Parteien gekommen, darunter zahlreiche aktive Kommunalpolitiker, die sich im Verlauf der Debatte entsprechend zu erkennen gaben. Viertens schließlich überraschte mich Gero Hocker mit einem sehr ausgewogenen Eingangsstatement. Keine Spur von Technophobie, womit meine vorbereiteten Argumente sämtlich hinfällig wurden. So kann man sich täuschen.
Hocker beschrieb den neuen Windenergieerlaß der niedersächsischen Landesregierung und stellte als zentralen Kritikpunkt seiner Fraktion die mangelnde Information und Beteiligung der Bürger vor Ort heraus. Von diesem Ansatz ausgehend entwickelte er im Verlauf seines Vortrages eine allgemeingültige Kritik an der Energiewende. Er rückte die notwendige bedarfsgerechte Erzeugung von Strom in den Mittelpunkt und geißelte den Umfang an Subventionen, der über das EEG an die Betreiber von beispielsweise Windkraftwerken fließe. So könne die Energiewende kein Erfolgsmodell werden. Seiner Überzeugung nach sollten Angebot und Nachfrage die Preise bestimmen.
Dabei ging es ihm genau nicht darum, die Windenergie zum Feindbild aufzubauen und in Zukunft vollständig zu verhindern. Er wünschte sich vielmehr einen schnell wieder eingeführten Wettbewerb der Energieträger untereinander.
Das bestätigte auch der zweite FDP-Vertreter im Podium mit dem Satz, die FDP wolle die Windenergie nicht verhindern. Was den mir völlig unbekannten, aber offensichtlich verdienten Parteisoldaten Dieter Lüddecke, der als „Ehrenvorsitzender“ der FDP in der Region Hannover geführt wurde, ansonsten qualifizierte, blieb im gesamten Verlauf der Veranstaltung unklar. Wiederholt rief er aus, man solle doch das Geld lieber in die Entwicklung von Speichertechnologien stecken, statt in die Subventionierung der Windräder. Andere Länder täten das ja auch. Welche Länder das seien und welche Speicher er meine, hätte ich ihn gerne gefragt. Aber da das Interesse des Publikums am Austausch mit den Referenten sehr hoch war, kam ich nicht mehr zu Wort. Für Herrn Lüddeckes Aussage interessierte sich schlicht niemand.
Ganz anders stellte sich dies beim eigentlichen Hauptredner des Abends dar. Dr. Thomas Carl Stiller, Mediziner und Mitbegründer des Bündnisses „Ärzte für Immissionsschutz“, begann seine Ausführungen mit der provozierenden und verstörenden These, die Energiewende gefährde in der aktuellen Ausgestaltung nachweislich die Gesundheit der Bevölkerung.
Wäre dem tatsächlich so, wäre natürlich die Energiewende sofort und unmittelbar zu beenden. Leider vergaß Herr Stiller im Verlauf seines durch eine Folienpräsentation unterstützten Vortrages, die Beweise und Belege anzuführen.
Der Arzt meinte natürlich das Thema Infraschall. Damit sind Schallwellen mit einer Frequenz unterhalb der Hörschwelle von 16 Hertz gemeint, die durch die gesetzlichen Vorgaben (TA Lärm) nicht berücksichtigt und daher auch bei WKA nicht gemessen werden. Man könne diesen Schall zwar nicht hören, aber spüren. Die Indizien für eine gesundheitliche Relevanz würden durch aktuelle Forschungsarbeiten wachsen. Von Schlaflosigkeit über Kopfschmerzen bis hin zu einem erhöhten Risiko von Herz-Kreislauf- oder gar Krebserkrankungen malte Stiller ein umfassendes Bedrohungsszenario. Und verstieg sich am Ende zu der Forderung, der weitere Ausbau der Windenergie müsse zumindest so lange angehalten werden, bis ihre Unbedenklichkeit eindeutig belegt sei. Es gäbe derzeit keine Studie, die zu diesem Resultat käme.
Weil es keine Unbedenklichkeitserklärung für die Windenergie gibt, dürfen wir sie nicht nutzen? Das ist das Vorsorgeprinzip in Reinkultur. Man ersetze einfach in diesem Satz „Windenergie“ durch „Gentechnik“, durch „Nanomaterialien“ oder auch durch „Kernenergie“, um zu erkennen, welchen Irrweg diese Argumentation darstellt. Indizien sind eben keine Beweise. Und wie wenig vertrauenswürdig viele medizinische Studien sein können (zu geringe Fallzahlen, mangelhafte Analyse sich überlagernder Effekte), ist durch jüngste Beispiele aus der Pharmakologie ja gut bekannt.
Zudem wer die Karte Infraschall spielt, auch unerwünschte Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen hat. Was ist mit Straßen und Bahnlinien, mit Fabriken und Flughäfen? Auf eine diesbezügliche Frage eines Besuchers konnte Stiller nur achselzuckend antworten, man müsse natürlich alle potentiellen Quellen betrachten. Da führt am Ende auch der Weg vieler Windkraftgegner zur Deindustrialisierung.
Ein weiteres, für mich neues Argument, war Stillers Hinweis auf die Zusammensetzung der Rotorblätter aus faserverstärkten Kunststoffen. Im Falle eines Brandes könnten Windkraftanlagen nicht gelöscht werden. Die Feuerwehr gelange bei Riesen mit mehr als 100 Metern Nabenhöhe schlicht nicht mehr an den Ort des Geschehens. Das Windrad brennt also „kontrolliert“ ab und verteilt ungehindert Faserstaub in der Umgebung. Der dann, ähnlich wie Asbest, als krebserregend eingestuft werden müsse. Nun sind allerdings faserverstärkte Kunststoffe ein wichtiges Material für den Bau von Luftfahrzeugen aller Art und beginnen ihren Einzug auch in andere Bereiche des Fahrzeugbaus – von der Eisenbahn über die Nutzfahrzeuge bis hin zum PKW. Auch hier droht das Vorsorgeprinzip mit dem Totschläger „krebserregend“ eine ganze Materialklasse mit den dazugehörigen Wertschöpfungsketten zu vernichten.
Ach ja, auf den „Elektrosmog“ kam Stiller dann auch noch zu sprechen. Glücklicherweise nur kurz.
Welche unheiligen Allianzen die Windenergie induzieren kann, belegten die kurzen aber bemerkenswerten Ausführungen des Vertreters der örtlichen NABU-Gruppe. Bodo Kutzke meinte ebenfalls, man müsse den Bau neuer Windräder begrenzen. Am liebsten wäre ihm eine vollständige Fokussierung auf das Repowering an bereits bestehenden Standorten. Im Wald dürfe man ohnehin keine WKA errichten, insbesondere wegen der Fledermäuse. Überhaupt sei die Windenergie hinsichtlich ihres Einflusses auf die Ökosysteme (Flächenverbrauch und Gefährdung von Arten) ähnlich wie die Bioenergie zu betrachten. Eigentlich, und das sagte er tatsächlich, müsse man die Energiewende jetzt anhalten. Sie sei nicht „vom Ende her gedacht“. Inwieweit diese Haltung von den höheren Funktionärsebenen des NABU geteilt wird, sei dahingestellt.
Ein mittlerweile mit anderen Dingen beschäftigter FDP-Politiker hat mir einmal gesagt, es wäre nicht klug, gegen das Vorsorgeprinzip und die Idee von Nachhaltigkeit zu argumentieren. Man müsse vielmehr die Begriffe übernehmen und mit eigenen Inhalten füllen, um dem Gegner kein leichtes Angriffsziel zu bieten.
Ich kann dieser Taktik nichts abgewinnen. Man sollte natürlich darauf hinweisen, wie inkonsequent die Gegenseite ihre Dogmen pflegt. Wenn das Vorsorgeprinzip für die eine Technologie Anwendung findet, dann hat es auch für die andere zu gelten. Gentechnik und Windenergie dürfen nicht unterschiedlich behandelt werden. Wenn beide krank machen könnten, wären eben beide zu verbieten, obwohl man es in beiden Fällen nicht belegen kann. Da scheint es mir geboten, diesen verfehlten Umgang mit Risiken insgesamt abzulehnen und nicht, die eine selektive Wahrnehmung durch die andere zu ersetzen.
Mir persönlich sind die Fledermäuse völlig egal – und übrigens auch alle anderen fliegenden und nicht-fliegenden Lebewesen. Wer durch Windenergie und Biomasse in seinem Bestand bedroht wird, stellt eben aufgrund seiner nicht ausreichenden Anpassungsfähigkeit eine evolutionäre Sackgasse dar. Niemand garantiert den Tieren und Pflanzen in unserer Landschaft für immer unveränderte Rahmenbedingungen, nicht der Mensch, nicht irgendein Gott und nicht die Evolution. Wir dürfen die Umwelt gemäß unseren Zwecken formen und nutzen, wir müssen es sogar, alles andere wäre verantwortungslos gegenüber uns selbst.
Wenn also Windenergie sinnvoll ist, dann sollten wir sie ausbauen. So sehr wir nur können. Das gilt für alle anderen Energietechnologien auch.
Nur ist Windenergie eben nicht sinnvoll. Was durch viele gute Argumente aufgezeigt werden kann. Es besteht keine Notwendigkeit, mit Infraschall, Elektrosmog und krebserregenden Kohlefasern in Spekulationen abzugleiten.
Zur Ehrenrettung der Veranstaltung und insbesondere zur Ehrenrettung des Herrn Stiller sind zwei seiner Thesen anzuführen, die mich überzeugt haben.
Da wäre die soziale Spaltung vor Ort. Vom Windkraftausbau betroffene Dörfer zerfallen häufig in zwei sich befehdende Gruppen. Denn es gibt auch immer Profiteure. Vor allem Landwirte, die sich über die langfristige Verpachtung von Flächen ein schönes Zubrot sichern. Ein solcher hat sich bei der Veranstaltung auch zu Wort gemeldet. Die Reaktionen im Saal belegten die Validität der Stillerschen Ausführungen.
Ein weiterer eher psychologischer Aspekt betrifft die Bedrängung. Hintergrund der Versammlung war ja der neue Windkrafterlaß der niedersächsischen Landesregierung, der es ermöglicht, Rotortürme bis auf einen Abstand der doppelten Nabenhöhe (2H) an die Wohnbebauung heranzurücken. Was das bedeutet, sowohl für die schon gängige 100-Meter-Klasse als auch für die zu erwartenden 200-Meter-Boliden, verdeutlicht die Abbildung. Wer will so leben? Es scheint nicht abwegig, daß ein solcher täglicher Anblick die Menschen buchstäblich krank machen könnte. Reden wir an dieser Stelle nicht vom Infraschall, sondern lieber vom Schattenwurf und von nächtlicher Befeuerung. Der Wertverlust des Eigenheims käme als direkt bezifferbarer individueller Schaden hinzu.
Für 10H plädiert die niedersächsische FDP, für 10H plädieren auch Kommunalpolitiker der Union, die anwesend waren und sich ebenso zu erkennen gaben, wie ein für 10H plädierender Linker(!). Diese parteiübergreifende Einigkeit in der Sache macht Hoffnung. Denn die letztendliche Entscheidung über die konkrete Umsetzung des Erlasses treffen in Niedersachsen die jeweiligen Kommunen.
Die Energiewende ist eine Lernerfahrung. Nicht nur für Bundes- und Landespolitiker, sondern auch für die kommunale Ebene mit großer Nähe zur Bevölkerung. Die gut hundert Gäste der Veranstaltung boten hierfür ein schönes Beispiel. Denn wie man merken konnte, sehen sich viele erst jetzt zu einer Beschäftigung mit dem Thema angeregt oder gezwungen. Jetzt, wo die Energiewende sich dem eigenen Vorgarten nähert. Die Menschen beginnen zu verstehen, was die Nutzung volatiler Energieflüsse geringer Flächendichte wirklich bedeutet: Einen maximalinvasiven Eingriff in ihre unmittelbare Umgebung und damit in ihr tägliches Leben.
Eigentlich will man doch nur Strom. So billig wie möglich und bedarfsgerecht in gewünschter Menge zum gewünschten Zeitpunkt. In diesen beiden Aspekten hat die Windkraft deutliche Nachteile. Sie ist teuer, es gäbe sie nicht im gegenwärtigen Umfang, ohne die Subventionierung durch das EEG. Und sie ist volatil, noch mehr oder noch größere Windräder erhöhen gerade nicht die Versorgungssicherheit.
Auch diese Punkte kamen auf der Veranstaltung in den Ausführungen Hockers und in vielen Wortmeldungen aus dem Publikum ausführlich zur Sprache. Diese Punkte habe ich dem anfangs erwähnten Landtagsabgeordneten mit auf den Weg gegeben. Und ihn sehr nachdenklich gemacht. Denn auch er wohnt in einem Häuschen auf dem Land.
Beitrag erschien auch auf: science-skeptical.de
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