Naomi Klein im Spiegel_ Wie recht sie hat!

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Naomi Klein im Spiegel_ Wie recht sie hat!
Datum: 03.03.2015, 16:53

Welche Antwort hätte ein Klimaskeptiker wie ich auf die Frage nach der Gestaltung einer wirklich wirksamen Klimaschutzpolitik?

Wenn man sich mit der Zukunft beschäftigt, ist das Denken in „was wäre wenn“-Szenarien alltägliche Praxis. In meinem Fall stellt sich diese Frage nicht nur hypothetisch. Ich werde in meinem beruflichen Umfeld sehr häufig mit dem Thema konfrontiert. Eingeschlossen die Einladung zur Mitwirkung in diversen Gremien und Kommissionen, die ich noch jedes Mal mit dem Hinweis ablehnte, nicht Lösungen für ein Problem vorschlagen zu können, das nicht existiere. Was dann regelmäßig mit der Aufforderung bzw. der Maßgabe gekontert wurde, sich doch bitte trotzdem einzubringen, eine andere Perspektive könne schließlich nur hilfreich sein.

Als Ideen hatte ich aber nur die üblichen Verdächtigen zu bieten: Reduzierung der Landnutzung durch Konzentration von Funktionen (also eine weitere Förderung der Verstädterung und der Verödung ländlicher Räume), Effizienz- und Effektivitätssteigerung in der Landwirtschaft durch die Grüne Gentechnik, Nutzung von Energieträgern höherer Energiedichte (Kernkraft), Substitution der Kohle durch Erdöl und Erdgas (mittels effizienterer Fördermethoden, vulgo Fracking) und natürlich die Schaffung von Freiräumen für Anpassungsmaßnahmen statt der Verengung von Optionen durch Vermeidungsziele. Alles nicht so wirklich ökologistisch und daher auch alles nicht mehrheitsfähig.

Eine derartige Politik hätte sicher einen hohen Symbolwert. Es wäre ein pragmatischer Weg, mit der Klimafrage umzugehen, ein amerikanischer sozusagen. Aber erreicht man auf diese Weise eine substantielle und anhaltende Emissionsminderung?

Der aktuelle Spiegel (Ausgabe 9/2015) thematisiert die festgefahrene Situation in der Klimapolitik. Auf dem Titel prangt eine brennende Erdkugel mit der Unterzeile „Der verheizte Planet“. Der zugehörige Artikel ist natürlich wieder einmal geprägt von Oberflächlichkeit und Einseitigkeit. Auch werden Dinge miteinander verknüpft, die bei näherem Hinsehen nicht miteinander in einem Zusammenhang stehen. Die Auswahl und Darstellungsweise der Diagramme (etwa zur Temperatur, zum Meeresspiegel und zu den Naturkatastrophen) ist erkennbar manipulativ. Geschenkt. Ein Meinungs- und Kampagnenblatt wie der Spiegel darf das. Science Skeptical ist ja auch ein höchst einseitiger Meinungsblog, da kann ich professionelle Journalisten nicht dafür schelten, wenn sie uns nacheifern. Spannend ist die Kernaussage der Spiegel-Autoren nämlich tatsächlich.

Seit mehr als 25 Jahren wird Klimapolitik mit hoher Intensität betrieben, regional, national und international. Vor allem der Klimazirkus auf UN-Ebene, der in 2015 einem neuen Höhepunkt entgegensteuert, erfreut sich großer öffentlicher Wahrnehmung. Aber gebracht hat das alles nichts. Zwischen 1990 und 2013 konstatiert der Spiegel einen Anstieg der globalen Kohlendioxid-Emissionen um 56%. Ein Ende dieser Entwicklung sei nicht absehbar. Um letzteres zu begründen, entmystifiziert man endlich auch einmal die Energiepolitik von Ländern wie China, Indien und den USA, die eben keinesfalls „grün“ ist. Auch „Peak Fossil“ wird durch ein Edenhofer-Zitat  negiert, nach dem eben nicht die fossile Energie knapp sei, sondern der Deponieraum in der Atmosphäre. Selbst die deutsche Energiewende hat am Ende nichts anderes bewirkt, als höhere Kosten für steigende Emissionen bei sinkender Versorgungssicherheit. Die gegenwärtige Klimapolitik ist krachend gescheitert. Sagt der Spiegel. Ich stimme dem zu. Denn die Fakten sind eindeutig.

Auch Naomi Klein leugnet diese Realität nicht. Ganz im Gegenteil baut sie auf dieser Datenlage die Argumentation ihres neuesten Buches auf. Unter dem Titel „Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima“ wird die bekannte linke kanadische Globalisierungskritikerin und Umweltaktivistin ab März auch in deutscher Sprache auf mehr als 700 Seiten ihre Auffassung verbreiten. Was den eigentlichen Anlaß für den Spiegel-Titel bietet. Auf mehr als drei Seiten erhält sie durch ein weitgehend von kritischem Nachhaken befreites Interview Gelegenheit, für sich und ihre Position zu werben. Und dabei – vielleicht für viele Protagonisten der Klimadebatte überraschend – die Katze aus dem Sack lassen. Klimaschutz hat mit Umwelt- und Naturschutz eben nicht das Geringste zu tun. Klimaschutz ist eine wirtschaftspolitische, ja eine zutiefst ideologische Frage. Der Wunsch nach einem wirksamen Klimaschutz ist automatisch mit dem Wunsch nach einem Systemwechsel, nach einer Abkehr vom Kapitalismus verknüpft. Denn in einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft, in einer liberalen Freihandelsökonomie kann Klimaschutz prinzipbedingt nicht etabliert werden. Als Klimaskeptiker habe ich das schon immer so gesehen. Tatsächlich stand diese Erkenntnis am Beginn meiner Skepsis.

Die physikalische Wahrheit können wir nicht verändern, so Klein gegenüber dem Spiegel. Da hat sie recht. Der Treibhauseffekt ist eine physikalische Wahrheit. Auf dessen Grundlage aber die Entwicklung des Klimas für Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte vorhersagen zu wollen, ist nicht mehr Physik, sondern Astrologie. Aus diesen Vorhersagen dann auch noch abzuleiten, in welcher Weise solche Entwicklungen die menschliche Gesellschaft betreffen werden, ist vollendete Esoterik. Wenn aber der gegenwärtige Zustand, so zumindest suggeriert es der Spiegel, bereits die Klimakatastrophe ist, dann kann man in der Tat nur noch von einem nichtexistenten Problem ausgehen und den nächsten Punkt auf der Tagesordnung betrachten. Die Zukunft ist eben keine physikalische Wahrheit. Sondern Prognose, Szenario oder – wie im Falle der Klimakatastrophe – interessengelenkte Prophetie.

Die physikalische Wahrheit können wir nicht verändern – und deswegen kann man eben ein Stromnetz nicht auf Basis volatiler Quellen geringer Energiedichte betreiben, ohne die Versorgungssicherheit zu minimieren – bei gleichzeitigen Kostensteigerungen. Die physikalische Wahrheit können wir nicht verändern – und deswegen müssen wir nicht nur bei der Elektrizitätserzeugung, sondern auch bei Wärme oder Treibstoffen auf Energiespeicher zurückgreifen, die uns seitens der Natur bereitgestellt werden, damit der Aufwand den Ertrag nicht übersteigt. Und dafür bietet dieser Planet eben nur die fossilen Kohlenwasserstoffe in ausreichender Menge und ausreichender Verfügbarkeit. Was auch immer man anstellt, an irgendeiner Stelle jeder Wertschöpfungskette wird daher auf Erdöl, Erdgas oder Kohle zurückgegriffen. Auch für den Stahl der Windkraftwerke, für den Zement der Staumauern, für das Glas der Solarzellen oder den Treibstoff der Traktoren auf den Biomasse-Äckern. Andernfalls würde es sich ökonomisch nicht lohnen, würde es der Markt nicht ermöglichen. Auf Subventionen kann man immer nur eine begrenzte Zeit zurückgreifen, denn auch diese wollen irgendwann wieder erwirtschaftet sein. Dies ist die Ursache für das Versagen der gegenwärtigen Klimapolitik.

Die physikalische Wahrheit können wir nicht verändern, also müssen wir die politische Wirklichkeit verändern, so lautet das vollständige Zitat. Und es ist wahr. Wirksam kann Klimaschutz im Sinne der Vermeidung von Emissionen nur sein, wenn man das System an sich ändert. Wachstum und Wohlstand, Wertschöpfung und die Erzeugung von Mehrwerten durch Arbeitsteilung, Handel und Wettbewerb dürfen nicht mehr Ziele und auch nicht mehr Methoden sein, an denen sich unsere Gesellschaft orientiert und organisiert.

Das Wirtschaftssystem, das wir erschaffen haben, hat nun einmal die globale Erwärmung erschaffen, sagt Naomi Klein. Korrekt – wenn man sich dabei auf einen Anstieg der mittleren globalen Temperaturanomalie um etwa 0,8 Grad in den letzten 100 bis 120 Jahren bezieht. Und weiter führt sie aus: …, das auf Wachstum basierende Wirtschaftsmodell führt zwangsläufig zu mehr Verbrauch und mehr CO2-Ausstoß. Korrekt. Aber der Kern unseres Bruttosozialproduktes sind Konsum, Import, Export. Da brauchen wir Schrumpfung, alles andere wäre Selbstbetrug. Korrekt. Die gegenwärtige Klimaschutzpolitik ist nichts anderes: Selbstbetrug. Sie wolle den Markt nicht töten, sagt Klein, aber was sie fordert, Steuerung, Planung, Regulierung, Wachstumsverzicht, läuft genau darauf hinaus.

Welche Antwort hätte also ein Klimaskeptiker wie ich auf die Frage nach der Gestaltung einer wirklich wirksamen Klimaschutzpolitik? Letztlich keine andere als Naomi Klein auch. Eine vollständige und allumfassende Abkehr vom Kapitalismus, von der Marktwirtschaft wäre erforderlich. Dies meint nicht nur den Handel mit Geld, sondern den Handel mit und die Herstellung von allen nur denkbaren Gütern. Die oben angesprochenen Ideen, Kernkraft, Erdgas, Gentechnik wären am Ende wirkungslos. Weil sie allerlei Rebound-Effekte induzieren, durch die jeder Effizienzgewinn mit noch mehr Wachstum und damit einem absolut steigenden Verbrauch einherginge. Gefragt ist der Übergang zu einem System, in dem solche positiven Rückkoppelungen grundsätzlich unterbleiben.

Das hätte ich den vielen Klimaschützern in meinem beruflichen Umfeld eigentlich schon immer sagen können: Wirksamer Klimaschutz gelingt nur, wenn wir alle nach Hause gehen und uns autark versorgen. Gemüse aus dem eigenen Garten, Eier von den eigenen Hühnern, Wolle für selbstgewebte Stoffe von den eigenen Schafen. Wasser aus dem Brunnen und zum Heizen Holz aus dem nahen Wald. Wirksamer Klimaschutz verlangt eine große Transformation der gesamten Gesellschaft hin zu einer mittelalterlichen Suffizienzwirtschaft. Und damit das dann auch so bleibt, sollten Innovationen nicht mehr stattfinden.

Naomi Klein liegt richtig. Sie eröffnet damit die Debatte, die ich als Klimaskeptiker eigentlich schon immer führe. Es geht letztendlich nicht um naturwissenschaftliche Fragen. Es geht letztendlich nicht um den Treibhauseffekt, um Wolken oder Aerosole. Es geht einzig um den verantwortbaren Umgang mit Risiken. Darf man ein potentielles Risiko (die Klimakatastrophe) durch eine reale Gefahr (die umfassende Abkehr von der Marktwirtschaft) ersetzen?

Naomi Klein liegt richtig. In der Beschreibung des Problems. Ihre Lösung hingegen würde den Menschen weit mehr schaden, als ein Klimawandel es jemals könnte.

Zuerst erschienen auf science-skeptical.de

Sven von Storch

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