Ich bin ein Veganer
Ich bin ein Veganer
Datum: 08.09.2015, 13:11
Ich habe meine Ernährung umgestellt. Auf Salat. Auf den Salat, den man zwischen zwei Brötchenhälften steckt. Mit einem Fleischklops in der Mitte. Sie finden diesen Witz albern? Ich auch. Aber irgendeiner lacht immer, wenn ich mich mit diesen Sätzen in die Mittagspause verabschiede.
Schließlich gibt es ein Vorbild. Auch unser Schwimmweltmeister Marco Koch folgt diesem Konzept. Nur meint er es tatsächlich ernst. „Vegan plus Fleisch“ heißt sein Erfolgsrezept. Sie fragen sich, was das für eine Ernährung sein soll? Ich auch. Die Erklärung lieferte er nach dem Gewinn der Goldmedaille mit den Worten: „Ich will gleich noch zu Burger King“.
Sie meinen, bescheuerter geht es nicht mehr? Dachte ich auch. Aber „vegan plus Fleisch“ ist bei weitem noch nicht perfekt. Wer es richtig machen und die Umwelt ebenso wie seine Gesundheit ruinieren möchte, der darf doch kein Fleisch essen! Der hat mindestens auf vegetarisches, wenn nicht gar veganes Fleisch umzusteigen.
Sie denken, das wäre Unsinn? Da kennen Sie Landwirt Ansgar Meydorf aus Schüttorf noch nicht. Er bietet „vegetarisches Schweinefleisch“ an. Nein, es handelt sich nicht um eine besonders raffinierte Tofu- oder Sojasimulation, sondern um das Fleisch von echten Schweinen. In dieser Publikation finden Sie auf Seite 34 seine Geschichte:
Die Wohlstandswelt lechzt nach Alternativen zu tierischen Produkten. Und während längst auch abseits vom Prenzlauer Berg die Supermärkte ihre Regalflächen für Tofu und andere Pflanzenfaserprodukte erweitern, bahnt sich die wirkliche Revolution in der Grafschaft Bentheim an: Das Fleisch der alten Rasse „Bunte Bentheimer“ war immer bekannt, weil es fettarm ist. Jetzt gelang erstmals eine komplett vegetarische Züchtung: Ein Schwein ganz aus Pflanzenfleisch, sozusagen.
Ein Schwein aus Pflanzenfleisch – ja, das muß einem erst einmal einfallen. Bauer Meydorf setzte seinen Plan mit zielgerichteter Konsequenz um:
In einem ersten Schritt habe er die Tiere seiner Zucht seit 2006 auschließlich pflanzlich gefüttert, ab 2010 dann, unterstützt von einem veganen Lebensmittelproduzenten aus dem Landkreis Diepholz, sogar vegan. […] „Jetzt“, sagt Meydorf nicht ohne Stolz, „ist die Zucht erstmals soweit, dass das Fleisch der Schweine direkt zu vegetarischen Produkten verarbeitet werden kann.“
Am Kommunikationskonzept muß er wohl noch feilen. Lieber Ansgar Meydorf, vegan ernährte Schweine liefern eben nicht nur vegetarisches, sondern sogar veganes Fleisch. Also gleich eine ganze Qualitätsstufe höher. Damit auch ich am Ende inbrünstig und voller Stolz verkünden kann: Ich bin ein Veganer.
Denn diese Idee wird sicher Schule machen: Vom veganen Schwein zu veganen Rindern scheint es mir nicht mehr weit. Man komme mir jetzt nicht mit tierphysiologischen Argumenten. Auch das Huhn hat ein Recht auf eine rein auf pflanzlichen Proteinen basierende Fütterung. Oder möchte jemand unseren Fleischlieferanten verbieten, sich ökologisch korrekt und gesundheitsbewußt zu ernähren? Wer Wild auf seinem Teller schätzt, genießt veganes Fleisch ohnehin schon seit längerem. Und wenn der hiesige Wolf seinen Speiseplan mit dem ein oder anderen Haustier anreichert, darf er ja nicht Gefahr laufen, möglicherweise fleischliches statt pflanzliches Fleisch zu verzehren.
Es gibt keine Chance mehr, dem Ökologismus zu entrinnen. Nicht bei der Ernährung und schon gar nicht beim Urlaub. Das oben zur Illustration verwendete Bild zeigt eine Buffetbeschriftung aus dem Hotel, in dem ich ein paar entspannte Wochen verbracht habe. Fast entspannt, möchte ich sagen. Erstens gab es Bauer Meydorfs veganes Fleisch dort noch nicht. Und zweitens wollte ich es mal so richtig krachen lassen. Gegenüber dem Klima. Richtig viel Sonne (also ununterbrochen) und richtig krachende Wärme (also vierzig Grad und mehr im Schatten – jeden Tag) darf es nicht nur an der türkischen Riviera geben, denke ich. Auch Nord- und Ostsee haben sich das verdient. Aber meinen guten Vorsatz, ein richtiges Klimaschwein zu sein, hat man leider übel durchkreuzt.
Da steigt man – rein zum Spaß – in ein Flugzeug, das enorme Mengen an Kerosin hoch oben in der Atmosphäre verbrennt. Und lernt durch Werbefilme und Flyer leider sofort etwas über zahlreiche Auszeichnungen und Gütesiegel, die der Fluglinie für ihr ökologisch korrektes Verhalten verliehen wurden. Da steigt man in einer massentouristisch orientierten Aufbewahrungsstätte ab und hat sich damit abzufinden, während seines Aufenthaltes nicht nur das Klima, sondern auch noch die Artenvielfalt geschützt zu haben.
Weil man dort Montags auf die Zimmerreinigung und den Handtuchwechsel verzichtet. Nicht etwa, um dadurch Geld zu sparen. Nein, so denken die türkischen Hoteliers natürlich nicht.
Mehr als ein dutzend Pools. Aberwitzige Mengen an Wasser, die allabendlich zur Beregnung der Gartenanlagen dienten. Unmengen an Abfällen, die die Touristen erzeugen. Die Stromrechnung der Herberge (Festbeleuchtung, Klimatisierung und vieles andere) mag ich mir schon gar nicht ausmalen.
Es nützt ja nichts. Ich war ökologisch korrekt unterwegs. Wenn das alle sagen, Fluglinie, Veranstalter und Hoteleigentümer, dann war das ganz sicher so. Immerhin gab es ja Hinweisschilder am Strand, die um Rücksicht auf die Vermehrungsstrategien irgendwelcher Schildkröten baten. Damit die Gäste auch wirklich den Strand umgraben, um Eier zu finden. Waren vielleicht keine veganen Kröten und daher nicht so wichtig.
Ob Ernährung, Klima oder Artenschutz: Nicht die Ideologie formt den Menschen. Es ist andersherum: Menschen passen die Ideologien ihrem Alltag an. Sie dehnen und zerreden die Gebote bis zur Unkenntlichkeit, um sie praxistauglich in das eigene Leben integrieren zu können. Demokratien sind so robust, weil sich in ihnen jeder Bürger daran beteiligen kann – und nicht nur eine kleine elitäre Führungsschicht. Da verlieren am Ende Dogmen wie „Nachhaltigkeit“ und „Vorsorge“ jeden Sinn und stehen für alles und nichts. Oder eben – bei 80 Millionen Bürgern – für 80 Millionen unterschiedliche Konzepte. Diese Verwirrung äußert sich in Argumentationen, die Kernenergie als Klimaschutzinstrument preisen, den Emissionshandel als Marktwirtschaft und die Energiewende als kapitalistisches Meisterstück.
Auf diesem Nährboden kann der Pauschaltourismus als Umweltschutzaktivität der Mittelschicht verkauft werden, ohne damit Gelächter zu provozieren. Das reduziert auch den Neid auf die Reichen und Berühmten mit ihren Privatflugzeugen, ihren Garagen voller spritschluckender Sport- und Geländewagen und ihren luxuriösen Anwesen. Denn nur die können am Ende in die höchste Liga aufsteigen und von allen beklatschte und bewunderte UN-Klimabotschafter werden.
Ich muß mich halt mit „veganvegetarischer Ernährung plus Fleisch“ begnügen. Wer das albern findet, ist aus der Zeit gefallen.
Zuerst erschienen auf science-skeptical.de
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