Die Energiewende als Vorbild für die Welt_

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Die Energiewende als Vorbild für die Welt_
Datum: 19.02.2014, 13:21

Die Energiewende ist nicht nur ein zentraler Baustein deutscher Klimawandelvermeidungsphantasien. Sie wird – zumindest in der politischen Kommunikation – auch als Instrument zur Sicherung zukünftiger Wertschöpfungsmöglichkeiten unserer Wirtschaft verkauft.

So führte Sigmar Gabriel auf dem Berliner Energy Forum am 10.02.2014 aus:

Das Ziel ist keineswegs, nur den Klimaschutz und die Ökologie im Blick zu haben. Wir glauben vielmehr, dass wir mit der Energiewende auch ein erhebliches Potenzial für Wachstum und den Neuaufbau von Industrie und Arbeitsplätzen schaffen können. Darüber wollen wir in den kommenden Wochen und Monaten auch mit unseren europäischen Partnern verstärkt in die Diskussion kommen.

Wenn man sich der Diskussion über Sinn und Unsinn von Dekarbonisierung einer- und über Sinn und Unsinn des Ausstiegs aus der Kernenergie andererseits verweigert, reduziert man seine Wahrnehmungs- und Entscheidungsmöglichkeiten in riskanter Weise. Das Alternativszenario, in dem andere Länder diesem Ansatz nicht folgen, kann nicht mehr in das Kalkül einbezogen werden. Man ist festgelegt auf die Vorstellung, die Energiewende würde automatisch zu einem Exportschlager, weil in naher Zukunft weitere relevante Wirtschaftsräume des Planeten zwingend dem deutschen Vorbild nachzueifern hätten.

Noch einmal sei dazu unser Wirtschaftsminister zitiert:

[...] wollten wir zeigen, dass eine leistungsfähige Industriegesellschaft wie die deutsche Klimaschutz und Erneuerbare Energien miteinander verbinden kann, damit wir international Nachahmer finden. Die deutsche Energiewende wäre gescheitert, wenn sie nur unter den ökonomischen Rahmenbedingungen Deutschlands funktionieren würde. Sie ist nur dann als erfolgreich zu bezeichnen, wenn wir zeigen, dass Industriegesellschaften ganz generell in der Lage sind, Klimaschutz und Erneuerbare Energien mit einer erfolgreichen Entwicklung der Industriegesellschaft zu verbinden.

Es wäre fies und vielleicht auch übertrieben, an dieser Stelle den Satz vom “deutschen Wesen”, an dem die “Welt genesen” solle zu zitieren. Deswegen erspare ich mir das. Gabriels Ausführungen beinhalten aber den Plan, durch die Subventionierung der NIEs (neue ineffiziente Energien wie Biomasse, Photovoltaik und Windenergie) einen Vorsprung für die deutsche Industrie zu schaffen, der schließlich durch Exporte Pionierrenten erwirtschaftet. Schließlich, so Gabriel weiter:

Wir wollten neue Technologien entwickeln; einen neuen Wachstumspfad herbeiführen und dabei auch neue Arbeitsplätze erzeugen. Das ist in den letzten Jahren in großem Umfang in Deutschland gelungen. Wir haben inzwischen etwa 300 000 neue Arbeitsplätze in unserem Land im Bereich Erneuerbare Energien geschaffen. Nur mal zum Vergleich: Der höchste Stand in der Kernenergie an Arbeitsplätzen waren etwa 30 000. Das heißt, wir haben inzwischen im Bereich Erneuerbare Energien etwa das Zehnfache dessen erreicht, was wir im Bereich Kernenergie jemals hatten. Und diese Arbeitsplätze liegen vor allen Dingen in ganz klassischen deutschen Industriefeldern: in der Elektrotechnik, im Stahl, im Maschinenbau, in der Kunststoffproduktion, in der Chemie. Die Grundbedingung für eine erfolgreiche Energiewende ist mithin das Beherrschen der zugrunde liegenden industriellen Kapazitäten. Und deswegen ist Deutschland für die Energiewende vermutlich auch ein ausgesprochen gut ausgerüstetes Land, weil wir diese Industriestrukturen in unserem Land in großem Umfang vorhalten.

Es gibt eine Reihe von Punkten, die Gabriel nicht berücksichtigt. Ob er sie aus Unwissenheit ignoriert oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen:

     

  • Die Energiewende selbst gefährdet den Industriestandort Deutschland durch hohe Energiekosten, die gerade die Grundstoffindustrie hart treffen. Dazu sei noch einmal auf das Papier der Deutschen Bank verwiesen, in dem eine schleichende Deindustrialisierung bereits ausgemacht wird.
  • Windkraftwerke, Solarzellen und Biogasanlagen sind keine Hochtechnologien. Es handelt sich hier um klassische Low-Tech-Applikationen, die keine besonderen technischen Herausforderungen beinhalten. Sie können von eigentlich allen Industrie- und Schwellenländern rasch kopiert und selbst gebaut werden. Das Beispiel China zeigt dies deutlich. Als ob die Chinesen jemals auf die Idee kämen, bei uns Windräder zu kaufen. Oder gar Solarzellen. Glauben wir ernsthaft, Biogasanlagen nach Brasilien exportieren zu können? Oder in die USA? Im Moment ist es doch eher so, daß international tätige Konzerne, beispielsweise aus Japan, sich hier in Deutschland ansiedeln, um den Markt für NIEs mit eigenen Systemen vor Ort zu bedienen. Die Energiewende ermöglicht, befeuert durch staatliche Subventionen, vor allem Importe nach Deutschland hinein.
  • Wir waren in den 1970er und 1980er Jahren auf dem Weg, eine international führende Rolle in der Kerntechnik zu erringen, eine echte Hochtechnologie. Diese Chance wurde politisch erstickt. Glaubt man denn ernsthaft, Länder wie Frankreich oder England, die USA oder Rußland, Südkorea oder Japan würden kurz- oder mittelfristig diesem Vorbild nacheifern? Auch die Chinesen verfolgen in dieser Branche ganz andere Ziele.
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Tatsächlich entwickelt sich die Energiewende zu einem internationalen Flop. Länder wie Australien, Kanada und Polen – und in ersten Ansätzen sogar England – haben nicht nur begonnen, die Notwendigkeit von Dekarbonisierung zu hinterfragen. Sie lernen tatsächlich, wie Spiegel Online heute berichtet, von der deutschen Energiepolitik. Nur nicht ganz so, wie sich das die Bundesregierung vorstellt:

Deutschland gilt als abschreckendes Beispiel

Der Premier lässt sich nicht beirren. Ihm kommt dabei zupass, dass in Deutschland die Kosten der Energiewende explodiert sind. Das einstige Vorbild Bundesrepublik wird als abschreckendes Beispiel angeführt. “Wir können es uns nicht leisten, dem Modell Deutschlands zu folgen”, wird Ron Boswell, Senator des Bundesstaates Queensland, in der Zeitung “The Australian” zitiert. Deutschland habe wegen des Ausbaus erneuerbarer Quellen mit die höchsten Energiepreise in der Welt. “Wir sollten besser von den Vereinigten Staaten lernen”, meint Boswell, dort sei Energie gut dreimal billiger als in Australien.

Berechtigt ist der Hinweis zu Beginn des Artikels, Australien habe eigentlich viel günstigere geographische Voraussetzungen für die Nutzung von Wind und Sonne. Man denke an die lange Küstenlinie ebenso, wie an die hohe Sonnenscheindauer im Landesinneren. Wenn man dort dem deutschen Vorbild trotzdem nicht folgen möchte, ist das eine sehr ernstzunehmende Entwicklung. Die Energiewende könnte sich schon sehr bald in vollem Umfang als internationaler Rohrkrepierer erweisen.

Das hat auch sein Gutes. Wenn die Energiewende in diesem Aspekt scheitert, wird es zunehmend schwieriger, sie trotz ihrer offensichtlichen Probleme zu verteidigen. Vielleicht geht sie gar als  abschreckendes Experiment in die Geschichtsbücher ein, das niemand mehr erneut versuchen möchte.

Beitrag erschien auch auf: science-skeptical.de

Sven von Storch

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