Die Energiewende als Lernerfahrung

Veröffentlicht:

Die Energiewende als Lernerfahrung
Datum: 29.04.2015, 09:31

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert sie mit folgenden Worten:

Deutschland mache derzeit bei der schnellen Umstellung der Energieversorgung eine “Lernerfahrung”, sagte Merkel am Sonntagabend bei der Eröffnung der Hannover-Messe. “Wir sind im Augenblick in einer kritischen Phase, in der der Anteil der erneuerbaren Energien aus der Nische heraus zur Hauptsäule unserer Energieversorgung geworden ist”, sagte die Kanzlerin. Die Folgen der Umstellung würden das Land noch viele Jahre beschäftigen.

Zwar geht die Kanzlerin in ihren Ausführungen auf Themen wie Kosten und Versorgungssicherheit ein, die Interpretation, sie hätte als Physikerin einen technischen Blick auf die Situation, wäre aber vorschnell. Man wird nicht Kanzler in diesem Land, wenn man nicht primär seinem Instinkt für Stimmungen und Emotionen folgt. Weniger entscheidend ist dabei die Haltung der Gesamtbevölkerung. Auf die Multiplikatoren kommt es an, auf Meinungsführer in Wissenschaft, Wirtschaft und Medien. Denn diese sind es am Ende, die die Haltung breiter Wählerschichten beeinflussen. Weil ihnen mehr und bessere Kommunikationskanäle zur Verfügung stehen, als dem einfachen Bürger und weil man ihnen aufgrund ihrer Stellung, ihrer Kompetenz und Expertise weit eher zuhört.

Wenn sich in diesen Kreisen die Atmosphäre ändert, wenn die ursprüngliche Sympathie für die deutsche Energiepolitik nicht nur abflaut, sondern sich immer mehr in ihr Gegenteil verkehrt, dann spürt jemand wie Merkel die Gefahr. Und reagiert mit Aussagen wie in Hannover, die eine politische Kehrtwende zwar noch nicht unmittelbar vorbereiten, aber doch als möglich erscheinen lassen.

Energie und die Stromversorgung einer Industrienation sind komplexe Themen. Es dauert Zeit und erfordert intensive Einarbeitung, bis man die Auswirkungen einer Entscheidung wie das Einleiten einer Energiewende durch die Verabschiedung des EEG im Jahr 2000 wirklich durchdrungen hat. Diese „Lernerfahrung“ hat sich nun bei zu vielen Protagonisten eingestellt, als daß man sie noch länger ignorieren könnte.

So spielten die Grenzen des physikalisch machbaren bis vor einigen Monaten kaum eine Rolle. Ich erinnere mich noch gut an einen Vortrag eines Professors für Energietechnik bei einer Veranstaltung im Rahmen des damaligen „Bürgerdialogs zur Energiewende“ im Jahr 2011. Erstmals erlebte ich öffentlich, wie aus berufenem Munde der Hinweis auf die erforderliche Stabilisierung der Netzfrequenz durch die rotierenden Schwungmassen der großen Turbinen in den konventionellen Kraftwerken erfolgte. Die Fragezeichen in den Gesichtern der wenigen anwesenden Bürger, Politiker, Wirtschafts- und Medienvertreter waren größer als der Saal. Das Problem ist einem Laien auch schwer zu vermitteln, selbst hier bei uns ist noch kein erläuternder Artikel dazu erschienen. Daß die Hinwendung zu volatilen Quellen wie Sonne und Wind am Ende daran scheitern könnte, war lange nur wenigen bewußt. Nun aber diffundiert das Argument unaufhaltsam in die Debatte hinein und zieht Aufmerksamkeit auf sich. Erst jüngst benannte es einer der führenden deutschen Elektrochemiker, Prof. Frank Endres von der TU Clausthal, in einem Interview mit dem Deutschen Arbeitgeberverband:

Ein Wechselstromnetz wird über die Frequenz geregelt, in Deutschland sind das 50 Hz. Dazu laufen die Turbinen in Kohle-, Kern- und Wasserkraftwerken phasensynchron mit einer konstanten Umdrehungsgeschwindigkeit. Die “Kunst”, ein Netz stabil zu halten, besteht nun darin, Frequenz und Phase aller Kraftwerke aufeinander anzupassen, und zwar auch bei wechselnder Last.

In Deutschland werden ca. 30 GW Grundlast benötigt, um diese Bedingung zu erfüllen. Weder Windkraft- noch Solaranlagen können rund um die Uhr eine konstante Grundlast liefern, von der Phasensynchronität ganz zu schweigen. Will man dieses Ziel erreichen, muss man das Netz so umbauen, dass Speicher zwischen 20 und 100 TWh vorhanden sind und davon gespeiste elektronische virtuelle Schwungräder die Funktion der Turbinen übernehmen. Das wäre ein Komplettumbau der Stromversorgung, technisch bei Weiterentwicklung der Elektrotechnik sogar vorstellbar.

Wenn man in Deutschland alle Möglichkeiten, Pumpspeicherkraftwerke zu bauen, nutzt, erreicht man vielleicht 0,15 TWh an Speicherkapazität, das ist natürlich viel zu wenig. Es bleiben dann nur noch chemische und elektrochemische Speicher übrig, die in der Größenordnung bis 100 TWh sogar denkbar sind.

Im “power to gas” Ansatz stellt man mit dem Überschuss-Strom Wasserstoff her und wandelt den in Methan um, der im Erdgasnetz gespeichert wird. Flauten möchte man so mit Gaskraftwerken überbrücken, wenn sich denn jemand finden lässt, der Gaskraftwerke baut und betreibt. Die modernsten Gaskraftwerke Irsching 4 und Irsching 5 werden nun ja abgeschaltet.

Andere Ansätze sollen Brennstoffzellen zur Rückverstromung von Wasserstoff nutzen.

Das ist technisch alles vorstellbar, nur wird der dann zu zahlende Strompreis alleine aufgrund der Alterung der Anlagen oder chemischen Verbindungen irgendwo zwischen 1 und 2 EUR pro kWh liegen. Ich erwarte, dass in einem solchen Szenario auch Batterien (Akkus) für die Netzstabilität erforderlich sind, weil die Elektrolyseanlagen ein stabiles Netz benötigen. In jedem dieser Szenarien werden die wiederkehrenden Kapitalkosten (wegen Alterung) den Strompreis auf weit über 1 EUR/kWh treiben – das wäre unvermeidbar. Der Traum vom kostenlosen Strom, wenn erst einmal genügend Windkraft- und Solaranlagen aufgestellt sind, wird für unabsehbare Zeit ein Traum bleiben.

Seine weiteren Ausführungen, insbesondere zu elektrochemischen Speichern, seien an dieser Stelle ebenfalls zur Reflektion empfohlen.

Nicht nur dieses Argument, sondern auch viele andere technische Aspekte führen in der Summe zu „Lernerfahrungen“ – sogar in der Finanzwirtschaft.

Als Beispiel mag der Debattenbeitrag von Björn Peters dienen, Leiter des Investment-Bereichs Infrastruktur und natürliche Ressourcen bei Deutsche Asset & Wealth Management:

Eine Umfrage der Fachzeitschrift BIZZ im Dezember 2014 unter führenden Investoren der Finanzbranche zur Frage, welche Energie-Investments im Jahr 2015 lukrativ werden, führte zum Ergebnis, dass keiner von den Befragten in Deutschlands Energie-Infrastruktur investieren möchte. Das ist bedenklich, da die Politik auf die Finanzbranche setzt, wenn es darum geht, die Kosten der Energiewende zu schultern, da die Energiebranche die finanziellen Herausforderungen alleine nicht bewältigen wird. Warum halten sich Investoren so stark zurück?

[…]

Wir neigen alle seit Jahrzehnten dazu, Energiepolitik aus einer ideologischen Brille heraus zu betreiben – erst wurde Kernenergie als die Lösung aller künftigen Probleme angesehen, später verteufelt und nur noch Erneuerbare akzeptiert. Dabei wurde jede Energietechnik in der einen oder anderen Form staatlich unterstützt und vielleicht ist das auch legitim. Wenn wir jetzt noch ein Energiekonzept entwickeln, das eine ehrliche Antwort auf die Frage gibt, wie viel Sonne und Wind der deutsche Strommarkt überhaupt verträgt, dann ist die Finanzbranche wieder bei der langfristigen Finanzierung der Energiewende dabei.

Welch‘ unerhörte Forderung! Sonne und Wind in einem neuen Energiekonzept begrenzen, statt sie weiter auszubauen? Das könnte am Ende der erste Schritt zu der Erkenntnis sein, sinvollerweise auf Sonne und Wind auch gleich ganz zu verzichten. Schließlich sind sie für eine funktionierende Energieinfrastruktur eigentlich nicht nur nicht notwendig, sondern sogar kontraproduktiv.

Die Alarmsignale für die Kanzlerin reißen damit noch nicht ab. Wenn selbst ein Konzern wie Siemens vom Glauben an die gute Sache abfällt, dann wird es richtig ernst. Dabei sah sich das Flaggschiff der deutschen Industrie bislang doch eher als Profiteur der mit der Energiewende verbundenen staatlichen Subventionen und hatte nach dem Ausstieg aus der Kernenergie nichts Eiligeres zu tun, als seine Nuklearsparte abzustoßen. Nun aber macht Siemens-Chef Joe Kaeser Witze über Energiewende – titelt die FAZ und schreibt dazu:

Lustig machte sich Kaeser über die deutsche Energiewende. Wer je die Energiepolitik eines Landes bestimmen müsse, müsse einfach das Gegenteil von dem machen, was in Deutschland gemacht werde. Deutschland subventioniere erneuerbare Energie mit einer Garantiesumme von knapp 500 Milliarden Euro. Er hoffe, dass es wenigstens gelinge, den Export von Windkraftanlagen zu beflügeln. Die Förderung von Photovoltaik in Deutschland findet er so sinnvoll wie den Anbau von Ananas in Alaska.

Es ist natürlich nicht die einzelne Aussage, die etwas bewirkt. Es ist die Summe der Kritik, die sich nicht nur in den drei oben benannten Beispielen, sondern in zahllosen veröffentlichten Meinungsäußerungen und Stellungnahmen der jüngsten Zeit äußert. Wenn, wie sich nun zeigt, Wissenschaft, Finanzwirtschaft und produzierendes Gewerbe unisono in eine Richtung argumentieren, werden Prozesse in Gang gesetzt, die nach und nach auch weitere gesellschaftliche Gruppen erfassen.

Bis hin zu den Gewerkschaften. Von denen zwei der mächtigsten, die IG Bergbau, Chemie und Industrie und die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, am vergangenen Samstag immerhin 15.000 Demonstranten vor dem Kanzleramt versammeln konnten (EIKE berichtet hier). Vordergründig, um gegen geplante zusätzliche Belastungen für die Kohleverstromung in Deutschland zu demonstrieren. Tatsächlich aber richtet sich dieser Protest gegen die Kernaspekte der deutschen Energiepolitik. Denn es ist das erklärte und politisch beschlossene Ziel der Energiewende, nicht nur aus der Kernkraft, sondern aus Gründen des Klimaschutzes eben auch aus der Braunkohle auszusteigen. Dies zu verstehen stellt eine „Lernerfahrung“ dar, für die selbst die Gewerkschaften nicht mehr allzu lange benötigen werden.

Es scheint clever von der Kanzlerin, den mit der Umsetzung der Energiewende betrauten SPD-Minister Gabriel auf diese Weise in einen Konflikt mit seiner Kernwählerschaft zu treiben. Aber der Ansatz könnte am Ende auf sie selbst zurückfallen. Bald mag der mögliche Kanzlerkandidat keinen anderen Weg mehr sehen, als Klimaschutzziele zu verwässern und die Energiewende zu bremsen. Wichtige Bundesländer wie NRW oder Bayern hätte er möglicherweise auf seiner Seite. Selbst die Union scheint gespalten. Der Konsens über eine auf Emissionsminderung ausgerichtete Klimapolitik hält eben nur, solange man die Auswirkungen nicht spürt.

Könnte die Kanzlerin neben wichtigen Multiplikatoren auch den politischen Rückhalt verlieren? Zuzugeben, sich in der Energiepolitik umfassend geirrt zu haben, ist einer Angela Merkel natürlich nicht gegeben. Sie würde das auf ihre einzigartig verklausulierte Weise erledigen. Die „Rahmenbedingungen“ für eine „zukunftweisende“ Energieversorgung zu „berechenbaren“ Kosten hätten sich verändert, könnte sie ausführen. Und einmal mehr so tun, als wäre es ihr Verdienst, das frühzeitig erkannt zu haben. Politik ist eben auch, sich in „alternativlosen“ Zeiten rechtzeitig Alternativen offen zu halten. Bei der Eröffnung der diesjährigen Hannover Messe hat die Kanzlerin damit begonnen. Diese Art der Lernerfahrung kennt sie ja zur Genüge.

Beitrag erschien auch auf: science-skeptical.de

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.