Auf der Reichstagsgalerie – sommerliche Meditation zur Lage der Nation
Auf der Reichstagsgalerie – sommerliche Meditation zur Lage der Nation
Datum: 13.08.2015, 11:12
Wenn eine ehemalige FDJ-Funktionärin für Agitation und Propaganda, auch nach der Wende sich darin treu bleibend, stets das Opportune zu wählen und widerstandslos die Nähe zur Macht zu suchen, es dank günstiger politischer Fügungen und mehr noch dank chronischen Unterschätztwerdens bis zur Bundeskanzlerin gebracht hätte; wenn sie in diesem Amt alle Positionen, für die ihre Partei einst stand, nach und nach über Bord würfe, Konkurrenten „ihr Vertrauen ausspräche“, um sie kurz darauf eiskalt abzuservieren; wenn sie zu allen wichtigen Fragen der Nation entweder beharrlich schwiege oder nur inhaltsleere, nicht zitierfähige Phrasen zum Besten gäbe; wenn ihre Partei das Symbol dieser Nicht-Kommunikation, das vor dem adrett zugeknöpften Hosenanzug zur Rautenform vereinte Händepaar, wie zum Hohn auf Häuserwänden gigantisch plakatierte; wenn die Dame dann daran ginge, unter Androhung des „Scheiterns Europas“ und damit auf der Klaviatur der „German Angst“ listig spielend, das Volksvermögen ihres Landes an eine demokratisch nicht legitimierte, vor Strafverfolgung immune, über Nacht ins Leben gerufene Behörde im fernen Brüssel auszuliefern; wenn sie diese Maßnahme flankierte durch ein gnadenloses Spardiktat gegenüber den armen, unter Zins- und Zinseszinsdruck ächzenden Völkern im Süden Europas, alle Alarmsignale, alle Hilfeschreie aus diesen Zonen beharrlich ignorierend; wenn sie dies alles nicht etwa, der schäbigen Wahrheit entsprechend, als planvolle Zerstörung Europas zugunsten eines kurzfristigen und daher nur vermeintlichen deutschen Vorteils deklarierte, sondern als den einzig gangbaren, „alternativlosen“ Weg seiner Rettung; wenn dies schließlich mit einer Unerbittlichkeit geschähe, dass selbst der als Rebell gegen diese unmütterlichste „Mutti“ aller Zeiten angetretene junge griechische Ministerpräsident sich am Ende, kopfgewaschen, in einem Akt beispielloser Selbsterniedrigung vor ihr danksagend in den Staub würfe und sich als ihr guter Stiefsohn zu erkennen gäbe – wer wollte dann daran zweifeln, dass das Volk, über die Maßen empört und geradezu angewidert von diesem Schmierenstück zu Hunderttausenden auf die Straßen strömte, auf einem Meer von Transparenten und in nicht endenden Sprechchören die Absetzung der nichtswürdigen Regentin und sofortige Neuwahlen forderte, diesem unmissverständlichen Volkswillen dann auch entsprochen werden müsste und die darauf folgenden Wahlen ein geradezu vernichtendes Ergebnis für die Kanzlerin und ihren charakterlosen Wahlverein erbrächten, der schon tags darauf nichts mehr von ihr wissen wollte?
Da es aber nicht so ist; eine hochintelligente Naturwissenschaftlerin und absolut integre Pfarrerstocher glücklicherweise den Weg in die Politik gefunden hat; entgegen aller Wahrscheinlichkeit an allen männerbündlerischen Hindernissen vorbei das mächtigste Amt im Staate wie traumwandlerisch erringen konnte; in ihrem sanften Regierungsstil, dem mythischen gelben Kaiser gleich, einer komplex gewordenen Welt klug und umsichtig Rechnung trägt, flexibel auf neue Gegebenheiten reagiert und alten ideologischen Ballast beherzt über Bord wirft, den immer leiser werdenden Protest dagegen souverän ignorierend; ihre Kompromissbereitschaft, gepaart mit einem beharrlichen Willen zur gütlichen Einigung ihr den verdienten Respekt, ja die Hochachtung der übrigen europäischen Staatenlenker längst eingebracht hat; die Augen aller wohlmeinenden Europäer hoffnungsvoll auf sie gerichtet sind, auf dass sie und sie allein den Weg aus der Krise des Kontinents weise; alle halbwegs Einsichtigen ihr das Privileg der großen Staatsfrau realistischerweise zugestehen, das positive Recht zu beugen, wo es der großen Sache dient, die vor der höheren Instanz der Geschichte gerechtfertigt ist; selbst schärfste Kritiker ihr auch nur einen Hauch persönlicher Vorteilnahme zu unterstellen sich niemals erdreistet haben; der junge griechische Ministerpräsident schließlich nicht ohne Grund sein Rebellentum in der Berührung mit ihr abgeworfen hat wie eine kindische Marotte, reumütig und schicksalsergeben das Los seines Volkes in ihre Hände legend – da dies so ist (und Presse, Funk und Fernsehen künden ohne Unterlass nur davon, wie könnte man also daran zweifeln?), gehen in Deutschland allabendlich Millionen Lichter aus und Millionen Häupter betten sich in dem wohligen Gefühl zur Ruhe, dass zwar vieles besser laufen könnte in diesem Land, dass aber dank unser mütterlich sorgenden Kanzlerin der Unbill der Welt vor den Staatsgrenzen halt macht und wir uns mit Fug und Recht eine Insel der Seligen nennen dürfen, auf der nicht nur das Recht, sondern die Pflicht herrscht zum Schlaf der Gerechten.
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