Nach-Gedacht_ Trumps Triumph

Veröffentlicht:

Nach-Gedacht_ Trumps Triumph
Datum: 12.11.2016, 09:13

schrillen Auftritten und schlechten Songs Erfolg zu haben sowie ernstgenommen zu werden, wobei ersteres in dem Maße gelingt wie das zweite scheitert. Höchst zweifelhaft ist es jedenfalls, ob die 23-Jährige jemals etwas Sinnvolles für die Kultur oder ihr Land getan hat. Warum nahm „Geili Miley" also für sich in Anspruch, den künftigen amerikanischen Präsidenten Donald Trump als Auswanderungsgrund zu nennen, oder besser gesagt, warum transportieren die Medien in politischer Absicht diesen geistigen Auswurf? Letztlich steht sie damit nicht nur in einer Reihe mehr oder weniger verzichtbarer Kulturträger, sondern auch im Schulterschluss mit der Garde deutscher Politiker, die ihren künftigen Bundespartner und Quasi-Vorgesetzten gleich nach der Wahl mit Beleidigungen überschütteten.

Der durchaus verdiente Rockpoet Neil Young will nun in die Heimat Kanada zurück, nachdem er sein Leben lang in den USA gute amerikanische Dollar verdient hat. Vielleicht erinnert er sich auch nur an die Lynyrd-Skynyrd-Hymne „Sweet Home Alabama“, in der ihm Sänger Ronnie Van Zant unmissverständlich mitteilte, dass man eines Mister Young zumindest in den Südstaaten nicht bedürfe. Auch Barbra Streisand, wenn sie sich an ihre Vor-der-Wahl-Aussage noch erinnern sollte, wollte auswandern, mal nach Kanada, mal nach Australien, je nachdem, wem sie das Interview gab. Für beide gilt, dass sie sich beeilen müssen, um noch zu Lebzeiten den Fängen des Donald Trump zu entkommen.

Was befürchten diese Leute eigentlich, wenn sie ihr Land im Stich lassen? Internierung, Gehaltskürzungen? Schlechteres Wetter? Nein, sie wollen sich dem Mainstream anbiedern, sind sie ja auch ein Teil desselben. Sie geben vor, mutig voranzugehen, indem sie flüchten, dabei sind Mut und Flucht geradezu klassische Antagonismen. Intuitiv singt man so das sprichwörtliche Lied – und ist das nicht auch die Grundprogrammierung eines Popkünstlers? -, das einen im Apparat nach vorne bringt. Schlimm ist nur, dass man in der Niedergangsgesellschaft damit Unbedarften den Kopf verdreht und Verleumdungen den Boden bereitet.

Meine Prognose: Von denen, die am Mittwoch das kanadische Internet-Einwanderungsportal (angeblich) zum Absturz brachten, wird kaum einer diesen Schritt wirklich vollziehen. Besonders nicht die Prominenten, denn sie wollen Ihr Geld auch weiter in dem Land verdienen, das nun eben von einem Donald Trump regiert werden wird.

Deutschland „profitiert“ von diesem Prominenten-Exodus sogar irgendwie, schließlich hat sich Matt Damon als Neuberliner angekündigt. Auch ein Hannes Jaenicke (wer ist das?) hat angedroht, zurück in die Heimat zu machen. Eher krisenneutral ist da die Sängerin Cher, die bis zum Jupiter will. Wir wünschen ihr, dass es dort bessere Gesichtschirurgen gibt. In Südafrika freuen sie sich sicher überschwänglich auf einen Späteinwanderer Samuel L. Jackson. Zusammengefasst: die USA werden auch nach diesem Aderlass noch weiter existieren können.

Dennoch sei die Frage gestattet, ob es auch nur die Andeutung einer Gehirnwindung voraussetzt, ein ganzes Land mit seinem politischen Führer gleichzusetzen. Mich schüttelt die analoge Vorstellung, die Alpen, die Havelseen, Bayern München und Hertha BSC oder tolle TV-Sendungen wie Tatortreiniger und Weissensee alle unter dem Oberbegriff Angela Merkel subsumieren zu sollen. Diese neuen Republikflüchtlinge erinnern doch eher an moderne Syrer oder Afghanen, die ihr Land verlassen, wenn dieses ihre Hilfe am meisten braucht.

Aus deutscher Sicht braucht das Land jedenfalls keinen Außenminister Steinmeier, der diplomatisch, demokratisch und menschlich unakzeptabel die fällige Grußbotschaft an den Gewinner Trump demonstrativ weglässt. Es bedarf keines Vizekanzlers Gabriel, der als Botschaft an den neuen mächtigsten Mann der Welt ehrabschneidend verlauten lässt, dieser sei „Vorreiter einer neuen autoritären und chauvinistischen Internationalen", der ein „Rollback in die alten, schlechten Zeiten" wolle. Vielleicht spricht Gabriel über die Zeiten, in denen sich die Menschen von ihren Politikern noch vertreten gefühlt haben? Sein sozialdemokratischer Parteivize Ralf Stegner schaffte es, kongenial noch einen draufzusetzen: „Wenn die Abgehängten und Frustrierten einem Milliardär, Steuervermeider und Lügner folgen, haben auch die progressiven Kräfte versagt."

Diese Aussage muss man geradezu zelebrieren. Die Hälfte von 320 Millionen Menschen haben sich also durch Wahl oder Enthaltung nach Meinung des Herrn Stegner, seines Zeichens deutscher Spitzenpolitiker, als Abgehängte und Frustrierte erwiesen. Eine besonders bezeichnende Aussage für die Führungskraft einer Partei, deren selbsterklärtes Ziel es einmal war, sich für die Abgehängten und Frustrierten einzusetzen. Im Anschluss fällt auf, dass Stegner den Begriff „Milliardär“ im Dreiklang einer Beleidigung verwendet; ist das nun ein intellektueller Offenbarungseid oder ein Ausdruck von linksradikalem Hate Speech? Eher wohl beides, denn auch den zweiten Begriff „Steuervermeider“ kann er nicht ernsthaft als Vorwurf gemeint haben. Er denkt sicher an einen Steuerbetrüger, wobei dies nicht auseinanderhalten zu können, ebenfalls erhebliche geistige Kurzatmigkeit offenbart. Und reden wir am Ende gar nicht über den Begriff „Lügner“, denn ein Präsident der Vereinigten Staaten wird sich nicht die Mühe machen, einen regionalen Politikfuzzi wegen dieser Beleidigung zu verklagen.

Der Rest der Szene aus Reichstag und Bundeskanzleramt beschränkte sich auf die üblichen tendenziösen verbalen Hohlformen wie „schockiert, entsetzt (Özdemir) und erschüttert (Von der Leyen)“. Özdemir immerhin erklärte, woher sein Entsetzen stammt und was man dagegen unternehmen wolle: Mit Blick auf mögliche Wahlerfolge des Front National in Frankreich oder Geert Wilders in den Niederlanden (und wohl auch der AfD, die laut Tagesschau angesichts des Wahlergebnisses „unverhohlene“ Freude zeigte.) sagte er, Europa müsse jetzt enger zusammenrücken und die „Boxhandschuhe auspacken", um die „offene Gesellschaft zu verteidigen“. Ja, ja, mit Boxhandschuhen fängt es an, wenn die offene Gesellschaft aufhört zu existieren.

Nicht durch die Qualität ihrer Aussage, sondern durch die Exponiertheit ihrer Position sei noch unsere Bundeskanzlerin zitiert, die sich nun in ihrem eigenen Realitätstunnel als oberste Verteidigerin der freien Welt sehen kann. Sie gratulierte Trump nach der Wahl, nicht ohne ihn in unsäglicher und unangemessener aggressiver Arroganz auf seine demokratischen Verpflichtungen hinzuweisen. Wir alle können nur hoffen, dass Trump erstens nicht nachtragend sein möge und zweitens ein Land nicht wie gewisse oben zitierte die Kultur Schaffende mit seiner Führung verwechselt.

Mehr von Konrad Kustos gibt es hier: http://chaosmitsystem.blogspot.de/

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.