Im Wahn liegt Wahrheit

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Im Wahn liegt Wahrheit
Datum: 03.12.2016, 10:52

sei von Rechtsradikalen überfallen worden, ist das nicht nur politisch ein Skandal, sondern auch ein Ausdruck dessen, dass Menschen unter bestimmten Umständen moralisch und kognitiv den Kontakt zur Realität verlieren können. Hier hatte der Politiker seinen Ängsten und Wahnvisionen eigenhändig den Sprung in die Realität ermöglicht, natürlich auch mit dem Hintergedanken, damit ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu treten.

Einen ganz anderen Fall dieses psychologischen Formenkreises produzierte Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, der sich den Schutz von Bäumen, Tieren und der Weltmeere auf die Ego-Fahne geschrieben hat. Unter anderem unterstützt er eine Organisation, die Yachtbesitzer über die Schäden aufklärt, die sie im Meer anrichten können. Dies hinderte ihn aber nicht daran, mit seiner 90 Meter langen Yacht in ein geschütztes Korallenriff zu rammen und es dabei weitgehend plattzumachen. Das ist dann eben nicht nur dumm gelaufen, sondern auch ein Ausdruck der Spreizung von altruistischer Selbstdarstellung und egoistischer Selbstverwirklichung. Und solcher Wahn ist letztlich ein konstituierendes Merkmal der Machtergreifung des neuen Milieus des Niedergangs.

Dabei entfaltet sich bei der Leugnung der Realität und der Konstruktion einer alternativen Virtualität ein beeindruckendes Spektrum von naiv bis infam. Einige Beispiele mögen das illustrieren. Schlicht dreist präsentierte sich die Cicero-Autorin Petra Sorge nach den Vorfällen von Köln bei ihrem Plädoyer für die Presserichtlinie, nach der die kulturelle Herkunft von Straftätern zu verschweigen sei. „Debatte hatte einen enormen Hitzegrad erreicht. Und im Ergebnis zeigt sich: Fast alle Befürchtungen waren unbegründet. Vollkommen.“ Nebenbei: Allein die oxymorone Kombination von „fast“ und „vollkommen“ beschreibt die Kompetenz der Autorin.

Beliebt ist auch die Methode des „Schönens“, etwa wenn die Süddeutsche Zeitung aus einem straffälligen 20-jährigen Afghanen einen „Azubi“ macht. Nicht groß ist da der Abstand zum Fälschen. Wir erinnern alle den in der Türkei „angespülten“ toten Flüchtlingsjungen, der nachweislich dort erst fotowirksam drapiert wurde, nachdem er das Opfer der Gier seines wirtschaftsflüchtigen Vaters geworden war, dem eine Zahnarztbehandlung in der Türkei zu teuer schien.

Dazu passt das jüngste Bild vom kleinen, reichlich eingestaubten Omran in Syrien, das um die Welt geschickt wurde, um Empörung über angebliche oder tatsächliche russische Luftangriffe zu erzeugen. Die Medien interessierte dabei nicht, dass der Fotograf ein Sympathisant jener Islamisten ist, die kurz zuvor einen 12-jährigen palästinensischen Jungen hingerichtet hatten. Compact schreibt dazu: „Sein Facebook-Profil ist vollgepackt mit Bildern, die ihn bestens gelaunt mit den Männern zeigen, die dem verängstigten Jungen unter lauten „Allahu-Akbar“-Schreien auf der Ladefläche eines Kleintransporters mitten am Tag langsam die Kehle durchschnitten.  Das Bild des später als Mahmoud Issa identifizierten palästinensischen Jungen, ging nicht um die Welt.“

Da wären wir schon beim Verschweigen, wie es praktiziert wurde, als eine Handgranatenattacke auf ein Flüchtlingsheim in Villingen erst ohne weitere Kenntnis der Umstände als Folge von Fremdenhass verkauft wurde, bis sie sich nicht mehr als Konflikt unter Sicherheitsunternehmen verheimlichen ließ. Nur in den wenigsten Medien erschien der nicht ganz unwesentliche Zusatz, dass es bei den Tätern um Osteuropäer gehandelt hatte.

Subtiler ist die Methode der gelenkten Assoziation. Nehmen wir das Beispiel eines ursprünglich friedlichen Protestes gegen ein Flüchtlingsheim, über den ein Kommentator zu einem früheren Kustos-Text im Portal der „Freien Welt“ berichtete. „…es erst mit der Polizei Stress gab, als die Antifa auftauchte. Die Anwohner griffen nicht die Polizei an, hatten auch keine Böller, die Antifa, die dann kam, aber schon. Nächsten Tag in der Zeitung war aber nur von einer Demo von Asylgegnern die Rede und dass es Zusammenstöße mit der Polizei gab, Böller geworfen wurden usw. Die Antifa existierte im Bericht überhaupt nicht! Doch nichts war gelogen! Es stand ja nicht da, dass die Anwohner Böller geworfen hätten oder Zusammenstöße gehabt hätten.“ Gerne werden durch assoziative Verknüpfung auch Politiker, Journalisten, Autoren und kritische Bürger in die Nähe (vermeintlicher) Extremisten gerückt.

Manch einer mag sagen, es handelte sich hier um nicht zu verallgemeinernde Beispiele. Doch sind sie tatsächlich beliebig ergänzbar und gewinnen allein dadurch empirische Bedeutung. Vor allem aber hat die Tatsache, dass es derart absurde Vorfälle in derartiger Häufung überhaupt geben kann, allein Beweiskraft genug.

Es ist ja nicht so, dass in solchen Fällen immer ein böser Vorsatz der Manipulation zu Grunde liegt. Die Schere im Kopf der Autoren, Redakteure und der zahllosen mobbenden und diskriminierenden großen und kleinenMachtausüber des Alltags, die nur wahrnehmen, was in ihr Weltbild passt, erledigt den Job meist besser als jede Zensurbehörde. Diese Meinungsmultiplikatoren leben längst in einer Welt, die sich nicht mehr an realen Maßstäben zu orientieren hat. Nicht das Sein bestimmt ihr Bewusstsein, sondern fortan das Bewusstsein das Sein. Und betroffen sind dann natürlich nicht nur die Produzenten solcher „Wahrheiten“, sondern auch deren Konsumenten.

Dieses neue Milieu kann sich als idealistisch ausgeben, weil es im philosophischen Sinne tatsächlich idealistisch ist, also den eigenen Ideen mehr Bedeutung zumisst als der Wirklichkeit. Die Grenze zum Pathologischen wird da angesichts fehlender realer Rückkopplungen schnell fließend. Wie ließe sich sonst erklären, dass es in Brandenburg seit 2005 ein „Willkommensprojekt“ mit mehr als 450 ehrenamtlichen Botschaftern gibt, das sich „um Akzeptanzsteigerung bemüht“. Deren Chefin sich verständnisvoll gibt, man müsse „die Ängste der Bürger schon ernstnehmen.“ Interessant wird das längst anderswo gewohnte Neusprech dabei erst, wenn man weiß, dass dieses Willkommensprojekt sich auf Wölfe bezieht. Hunderte von Menschen sind also mit großem Engagement beschäftigt, gefährliche Raubtiere in menschlichem Siedlungsgebiet anzusiedeln. Ohne Not wird eine Gefahr für Mensch und Haustier erzeugt, getrieben von Romantik und falscher Tierliebe.

Das wahnhafte Bemühen um die nun im Allgemeinbewusstsein angekommenen Hippie-Ideale „Love, Peace und Surrender“, auf Deutsch also um die Aufgabe natürlicher Interessen, stattdessen die Unterordnung als ethischer Standard oder kurz: das politisch Korrekte muss sich dann auch um demokratische oder zivilisatorische Spielregeln keine Gedanken mehr machen. Praktiziert wurde diese Nonchalance beispielsweise in der Apotheken-Zeitung „Baby & Familie“, wo unter dem Titel „Gefahr von Rechts“ die Eltern von kleinen Kindern und deren Kindergärtner ausführlich informiert wurden, wie man am Verhalten der Kinder „rechte Eltern“ ausfindig machen könne.

Unter der Anleitung von Diplom-Sozialarbeitern, „Rechtsextremismusforschern“ und einer „Expertin“ der Amadeu-Antonio-Stiftung, also der derzeit obersten Zensurbehörde der Republik mit besten Kontakten zur Regierung und zur Antifa, setzt es dann Ratschläge wie: „Kinder rechter Eltern sind nicht unbedingt anders als Kinder anderer Eltern. Sie fallen manchmal erst nach längerer Zeit auf, zum Beispiel, weil sie sehr still oder sehr gehorsam sind.“ Oder: Sie tragen „vielleicht bestimmte Kleidermarken“, denn „Kinder solcher Eltern tragen keine amerikanischen Schriftzüge auf ihrer Kleidung“. „Jemand, der sich damit nicht auskennt, bemerkt dies nicht unbedingt“, warnen die ideologischen Unheilstifter, ein deutlicher Hinweis seien aber „akkurat geflochtene Zöpfe und lange Röcke“. Der Artikel ist entsprechend durchillustriert mit Frauen und Mädchen mit geflochtenen blonden Zöpfen im BDM-Stil.

Soll man sich nun über diese völlig realitätsfremde Dummheit fremdschämen, die offensichtlich einem Wahn Folgenden bedauern oder eher darüber nachdenken, welcher Geist der Denunziation, Bespitzelung und Aufkündigung des sozialen Friedens inzwischen selbst an der Basis Eingang gefunden hat. Richtig gruselig wird es, wenn dort von einer Mutter berichtet wird, die ins Fadenkreuz dieser neuen Inquisition geriet. „Es gab viele Gespräche mit der Mutter, in deren Verlauf sie immer einsichtiger wurde.“ Der Ausdruck DDR 2.0 für unsere neue Bundesrepublik dürfte bald zu einem Euphemismus schrumpfen.

Da gesamtgesellschaftlich die Realität zunehmend gegen das Virtuelle ausgetauscht wird, ist, wie schon eingangs der Schweriner Politiker demonstriert hat, das Bewegen im Wahn durchaus eine Karrieremöglichkeit – solange man sich dann nicht doch irgendwo mit der Rest-Realität verheddert. In einer Epoche, in der das Erfahrungswissen in dem Maße an Bedeutung verliert, wie Theorien und Behauptungen zur Richtschnur unseres Denkens werden, können sich die Lügen gegenseitig stabilisieren, ohne dass es groß auffällt. Das Wesen des daraus entstehenden neuen kollektiven Wahns ist es also, dass die Betroffenen alles in schönster Ordnung sehen. Sie können nicht anders, weil schon ihre Lernschaltkreise fehlprogrammiert sind - und nur so lassen sich all die schrecklich absurden Dinge erklären, die um uns herum geschehen.

Wen wundert es, wenn sich herausstellt, dass all dieser Wahnsinn durchaus auch Methode hat. Der Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und der Rechtswissenschaftler Cass Sunstein haben ein Buch über das „Nudgen“ geschrieben. Es geht dabei um das Entwickeln von Methoden, das Verhalten von Menschen auf vorhersagbare Weise zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen oder ökonomische Anreize verändern zu müssen. Damit der Leser dies nicht sofort als besonders perfide Sonderform der Manipulation erkennt, wird jede Menge virtuelle Ethik gleich mitgeliefert. Die Autoren nennen ihre Methode der Unterdrückung ohne erkennbaren Zwang „libertären Paternalismus“.

Auch hier stoßen wir wieder schon im Begriff auf die virtuelle Verschleierung ganz konkreter Unterdrückungsmechanismen.  Ausgehend von der banalen Erkenntnis, dass menschliche Entscheidungen nur begrenzt rational sind, gelte es das Gemeinwohl zu fördern, indem die Menschen „paternalistisch“ beeinflusst werden. Schwuppdiwupp wird so real Böses in virtuell Gutmenschliches verwandelt. Schließlich, so die beiden streng wissenschaftlich Wahnsinnigen, sei diese Form der Bevormundung durchaus freiheitlich, da ja jedem Menschen die Möglichkeit offen stehe, sich für einen anderen Weg zu entscheiden.

Wieder einmal zeigt sich, dass Experten die Katalysatoren des grassierenden Wahns sind. Ich werde mich nicht entblöden, meinen Lesern zu erklären, warum diese Irren einer neuen Form der Diktatur, die auch ohne solche ideologische Begleitmusik unaufhaltsam auf dem Weg zu sein scheint, das Wort reden. Für jeden noch im Hier und Jetzt Verankerten dürfte dies auch so auf der Hand liegen. Der Wahn schließt sich um unsere Gesellschaft wie ein Schwarzes Loch: tödlich, finster und unentrinnbar. So wird der Weg über die Klippe zum Wert an sich, die Gesellschaft des Niedergangs rehabilitiert den Zauberlehrling. Der Wahn wird zur Wahrheit. Am Ende kann jeder Wahn, nur weil er vorgibt, möglicherweise Gutes bewirken zu können oder zu wollen, zu etwas Wünschenswertem mutieren. Und alles Bewahrende, dass sich diesem Zug ins Nirgendwo entgegenstellt, ist dann eben ein Angriff auf den zum Fortschritt erklärten Irrsinn und muss als Werk des Teufels der Inquisition anheimfallen.

Mehr von Konrad Kustos gibt es hier: http://chaosmitsystem.blogspot.de

Sven von Storch

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