Der Winter ist für alle da

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Der Winter ist für alle da
Datum: 18.02.2017, 10:36

Im Winter bleibt man als Verkehrsteilnehmer am liebsten zu Hause. Im November verwandelt Dauerregen das Laub in glitschigen Matsch. Der Dezember ist dunkel und weihnachtsfiebrig. Im Januar liegt Schnee, und aus dem wird nicht selten Glatteis. Im Februar fegen kalte Winterwinde. Im März können auch längere Tage die Kälte nicht vertreiben, die sich inzwischen in die Knochen vorgearbeitet hat. Und nur der Vollständigkeit halber: Oktober und April sind meist auch nicht viel besser. Das wissen besonders die Radfahrer, weshalb sie sich für 5-6 Monate im Jahr kollektiv von den Straßen zurückziehen und lieber auf ihr Auto oder die öffentlichen Verkehrsmittel verlassen.

So wie im Sommer furchtbare Dürre die Landwirtschaft bedroht, so herrscht im Winter eine fruchtbare Radfahrerdürre. In der Zweiradmetropole Berlin habe ich in den letzten Monaten aufmerksam die Straßen – große wie kleine, befahrene wie einsame – beobachtet und festgestellt, ja, es gibt noch Radfahrer, aber sie sind so selten wie ein Treffer im Lotto. Kürzlich, frischer Schnee war gefallen und die Fahrbahnmarkierungen nicht mehr zu erkennen, da konnten die Autofahrer auf Neuköllns wichtigster Hauptverkehrsstraße wieder zwei Spuren benutzen, illegal zwar, denn sie befuhren auch den inzwischen auf ihr altes Territorium gemalten schönen breiten Radfahrweg, aber hätten sie es nicht getan, wäre in dem Schneetreiben der Berufsverkehr völlig zusammengebrochen. 

Geschädigt wurde niemand, denn es gab keinen einzigen Radfahrer weit und breit. Jedenfalls nicht auf seinem Rad. Was wir also eigentlich bräuchten, sind Radfahrwege, die sich nur bei schönem Wetter ausklappen, damit die andernfalls stärker geforderten Busse und die dann selber wieder Auto fahrenden Temporärradfahrer immer möglichst so viel Platz haben, wie sie in ihrem aktuellen Medium verbrauchen. Straßenland ist nämlich nicht beliebig vorhanden, wie uns Umweltaktivisten weismachen wollen, sondern ein knappes Gut, das entweder nach Vernunftskriterien oder nach ideologischen Prinzipien verteilt wird. Ich befürchte aber, dass die neue rot-rosa-grüne Regierung in Berlin, sich als erstes weiter um die Einrichtung von Unisex-Toiletten kümmern wird statt sich für meinen Vorschlag zu interessieren.

Es ist ein bisschen wie mit der Energiewende. Wenn wir den Strom brauchen, weht entweder kein Wind oder es scheint keine Sonne, weshalb große Kraftwerke weiter die Stromversorgung garantieren müssen. Ideal wäre natürlich, die doch so umweltbewussten Menschen würden nachts oder bei Windstille ihre Verbraucher abschalten oder eben auch im Winter Rad fahren, aber irgendwie klappt das noch nicht. So werden also Überkapazitäten im Verkehr wie in der Elektrizitätsversorgung bereitgestellt und damit genau das Gegenteil von Umweltschutz erreicht.

Natürlich bedeutet dieser Mangel an Umweltnutzen auch das Gegenteil von Effektivität und Wirtschaftlichkeit. Denn, von Momenten frischen Schneefalls einmal abgesehen, wirkt der zumindest in Berlin massiv betriebene (Auto-)Straßenrückbau, der die verfügbare Verkehrsfläche für den überörtlichen wie den Wirtschaftsverkehr massiv beschneidet, leider unabhängig von Wetter- und Witterungslagen permanent. Der Verlust an Leistung pro verfügbarer Fläche, der nach dem zu erwartenden Volksentscheid für Milliardenbeträge noch forciert werden soll , wird die Berliner Verkehrsprobleme noch potenzieren. Die sonstigen schädlichen Auswirkungen für Umwelt und Volkswirtschaft bei der persönlichenVorteilsnahme von Radfahrern sollen heute einmal ausgeklammert bleiben.

Tja, der Winter hat seine Schattenseiten, aber wie man sieht, strebt die Welt nach Ausgewogenheit: Unter chaotischen Bedingungen zieht wieder Ordnung ein, wenn die größten Chaoten sich als erste zurückziehen. Jedenfalls für sechs Monate im Winter, aber zum Glück ist auch im Sommer nicht immer schönes Wetter.

Mehr von Konrad Kustos gibt es hier: https://chaosmitsystem.blogspot.de

Sven von Storch

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