Wie Gutmenschen Vermögen vernichten

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Wie Gutmenschen Vermögen vernichten
Datum: 02.02.2010, 09:50

Der Internationale Währungsfonds warnte ebenfalls: Die Finanzstabilität  bleibe in vielen Staaten zerbrechlich.  Er sieht die Reparaturarbeiten als bei weitem  noch  nicht als beendet an. Eine Normalisierung der Kreditvergabe stehe noch aus. Normale Verhältnisse herrschen nur politisch. Leider, denn diese Normalität besteht darin, dass die staatliche Verschuldung in immer noch höhere Höhen vorstößt und dass zu verfehlter Wirtschafts-  und Sozialpolitik noch mehr Verfehlungen hinzukommen.

Die Finanzkrise aus der Sicht von Hans-Olaf Henkel

Auch Hans-Olaf Henkel wird nicht müde, die Verfehlungen auszubreiten und zu geißeln. Sein jüngstes Buch „Die Abwracker“ ist nun schon sein (seit 1998) siebentes Sachbuch, das diese übelschwere Thematik mit den anderen sechs in vielfältigen Variationen umkreist. Der Titel klingt reißerisch, ist aber wohl nicht wie sonst meistens die marktschreierische Erfindung des Verlages zum Fördern des Verkaufs. Denn Henkel selbst verwendet das Wort auch im Text. Und mit der staatlich gezahlten Abwrackprämie für Autos 2009 haben sich die Politiker der „Großen Koalition“ von CDU/CSU und SPD den Namen Abwracker sogar ausdrücklich verdient. Aber wohl noch treffender hätten Autor und Verlag als Titel auch „Die Vermögensvernichter“ wählen können.

Kämpfer  gegen die Sozialisten in allen Parteien

Henkel, Jahrgang 1940, ist alles andere als ein Unbekannter. Er war Vorsitzender von IBM Deutschland, dann von IBM Europa, sechs Jahre lang Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI); war und ist Aufsichtsrat in vielen Unternehmen, ist also in Sachen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kundig und kompetent. Als streitbarer Kämpfer für Freiheit und marktwirtschaftliches Regelwerk und gegen die Sozialisten in allen Parteien und Gruppierungen erweist er sich auch in diesem Buch.

Nur scheinbar schwierige Zusammenhänge

Bekannt dafür, dass er aufs Korn nimmt, was wo fehlläuft,   sowie unumwunden und unverblümt ausspricht, was andere verschweigen, unterdrücken, unterlassen oder falsch oder auch gar nicht wahrnehmen, führt er den Leser durch haarsträubende Geschehnisse und nur scheinbar schwierige Zusammenhänge. Wer vielleicht meint „Davon verstehe ich nichts, zu kompliziert“, dem hilft Henkel kenntnisreich auf die Sprünge und macht es ihm verständlich. Und so, wie er als Vortragender rhetorisch zu glänzen weiß, so auch als Schreiber: Der Lesende hat es leicht bei ihm.

Aus der Sicht und dem Erleben als Privatmann und Aufsichtsrat

Zu einem großen Teil arbeitet Henkel in dem Buch auf, was auch andere schon getan oder   zumindest versucht haben, nämlich die seit 1929 größte Finanzkrise, die abermals in den    Vereinigten Staaten ihren Ursprung hat und dann andere Staaten mit sich riss.  Aber das geschieht auf eine sehr eigene und persönliche Art, aus eigenem Erleben anhand von Beispielen, also sehr konkret, anschaulich und kurzweilig. Im Vorwort schreibt Henkel: „Ich werde berichten, wie ich die Krise als Privatmann und Aufsichtsratsmitglied großer Unternehmen erlebt habe ... Nicht nur das,   was sich abspielte, will ich schildern, sondern auch, wie Akteure und Betroffene es erlebt haben.“

Exkurse von Ackermann bis Armut in Deutschland

Zutreffend benennt Henkel als den Auslöser und den an der Katastrophe Schuldigen die Vereinigten Staaten. Er läßt noch einmal Revue passieren, was zur Finanzkrise geführt hat, wie sie   ablief und was für schlimme Folgen sie hat. Dabei geht er immer wieder über das Geschehen der eigentlichen Finanzkrise hinaus und nutzt es zu informativen Abstechern. Diese Exkurse befassen sich beispielsweise mit den Bankvorständen Josef Ackermann und Ken Lewis, den Ökonomen Josef Schumpeter und David Ricardo, der deutschen Standortschwäche, der geringen Nettoumsatzrendite in Deutschland, die zur Abwanderung von Unternehmen ins Ausland führt, mit der Gewährträgerhaftung für öffentlich-rechtliche Banken, mit dem menschlichen Herdentrieb, dem Einfluss der Massenpsychologie und der vorgeblichen Armut in Deutschland.

Der wahre Schuldige: der US-Gesetzgeber

Wer glaubt, an der Immobilienblase in Amerika seien gierige Banker schuld, dem wird dieser Glaube im ersten Kapitel ausgetrieben. Ihre Ursache hat sie in einem amerikanischen Gesetz (Community Reinvestment  Act); das die Vergabe von Subprime-Krediten den amerikanischen Banken geradezu abzwang. Eindrucksvoll schildert Henkel, wie absurd das mit den Subprime-Krediten so    Gutgemeinte war, wie abenteuerlich und verhängnisvoll. Auch die Jahrzehnte früheren gesetzlichen Vorschriften zur positiven Diskriminierung (affirmative action) haben mitgewirkt und natürlich das zu billige Geld als Folge der amerikanischen Niedrigzinspolitik.

Das Verhängnisvolle des Gutgemeinten

Dies zeigt, wohin gutgemeinte, aber ökonomisch unsinnige Gesetze, künstlich niedrige Zinsen und Politiker, die gegenüber  wirtschaftlichen Zusammenhängen und Folgen blind sind, führen, nämlich in den Abgrund. Daran freilich, daß sich die Finanzkrise so ungehemmt entfaltet hat, haben Banker durchaus ebenfalls  einen Schuldanteil. Zuviele von ihnen ließen sich, wie Henkel schreibt, von Sorglosigkeit und Selbstüberschätzung, von Vertrauensseligkeit und regelrechter Dummheit leiten.

Kollektives Ausschalten der Vernunft

Henkel sieht das Entstehen einer Blase (auch) als Folge menschlichen Herdentriebs und als „kollektive Übereinkunft, die Vernunft kurzerhand auszuschalten“. Man liest: „Sowohl das Wachsen einer Blase wie deren Platzen ist ein psychologisches Phänomen, bei dem sich alle aus  unerfindlichen Gründen gleich verhalten – und leider gleich falsch.“  Auch gebe es nicht nur die inflationäre Blase, die wachse und wachse, sondern auch die deflationäre Blase, die schrumpfe und schrumpfe. „In beiden Fällen schaukelt sich eine Bewegung auf – eine Dynamik, der sich keiner   mehr entziehen kann, sobald sie die Masse erfasst hat. Gemeinsam geht es aufwärts und dann, im Hui, wieder abwärts.“ 

Der unbedingte Wille zur Tugend als Krisenauslöser

Als Täter in seinem Fadenkreuz hat Henkel die sogenannten Gutmenschen. Zu Recht. Er findet sie unter den Politikern, den Ideologen und den Intellektuellen. Er schreibt: „Vor Menschen, die Gutes   tun habe ich großen Respekt – Gutmenschen dagegen erwecken nur den Anschein Gutes zu tun, indem sie andere, etwa durch moralischen Druck, dazu zwingen, Dinge zu tun, die sie selbst für gut halten.“ Das Gutmenschentum manifestiere sich in ihren Gesetzen. Zu seiner Diagnose gehöre auch die Entdeckung, daß die Krise nicht durch dieses oder jenes Laster ausgelöst worden sei, sondern durch das Gegenteil: durch den unbedingten Willen zur Tugend. Er knöpft sich die Moralprediger und „Moralisten vom Dienst“ vor. Er beklagt das Moralisieren der Deutschen über die Wirtschaft.  Er stellt fest, dass die Marktwirtschaft verunglimpft wird,  daß sie in Talkshows schlechte Karten hat und der Kapitalismus geradezu krankgebetet wird 

„Der Neo-Sozialismus hat sich fast überall breitgemacht“

Henkel beschreibt, dass und warum „wir neo-sozialistisch regiert werden“. Der Neo-Sozialismus   habe sich nicht nur im linken Parteispektrum breitgemacht; unbemerkt dominiere er fast die gesamte deutsche Politik. In der galoppierenden Schuldenwirtschaft, wie sie in Deutschland (und anderswo)  eingerissen sei, sieht Henkel ein untrügliches Zeichen für das Wirken dieses Neo-Sozialismus’: „Verteile Wohltaten jetzt – lass andere später dafür zahlen!“  Das gesamte Staatswesen lebe seit langem auf Pump. „Wir leben über unsere Verhältnisse. Doch nicht nur das: Wir leben auch über die Verhältnisse unserer Kinder. Und leider werden diese dereinst über ihre Verhältnisse bezahlen müssen.“ Er beleuchtet kritisch die Schwäche der Deutschen für den Staat als Retter und „für Leitfiguren, die ihnen den Weg zeigen“,  ebenso, wie sie es hinnehmen, wenn ihnen Politiker und Medien Sündenböcke präsentieren und die wahren Schuldigen davonkommen.

Dreizehn Vorschläge für eine „retro-liberale Wende“

Für Henkel ist die Finanz- und Wirtschaftskrise „weit dramatischer, als man uns glauben machen will“. Henkel will zurück zu „Ludwig Erhards Erfolgrezepten“. Denn nicht die Marktwirtschaft oder der verunglimpfte Neoliberalismus hat versagt, sondern die Politik. Er beschließt sein Buch mit dreizehn Korrekturvorschlägen für eine „retroliberale Wende“. Den Vorwurf, sie seien nicht neu, schmettert er zu Recht ab: Was begründet, sachlich geboten und vernünftig ist, muß nicht neu sein. Allerdings sind die Vorschläge sehr allgemein gehalten. Aber die Gefahr, sich zu sehr in Einzelheiten, die Sache der Gesetzgeber sind, zu verlieren, rechtfertigt es.

 

 

Sven von Storch

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