Die immer wiederkehrenden Irrtümer

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Die immer wiederkehrenden Irrtümer
Datum: 06.10.2009, 17:34

Stets verbergen sich dahinter eigennützige Interessen, die der  Allgemeinheit möglichen Nutzen verwehren und ihr damit schaden. Kranke Branchen retten, Arbeitsbeschaffung durch den Staat, verordnete Mindestlöhne, Schutzzölle, staatliche Preisstützung … Das klingt doch alles so einleuchtend, daher ist es auch so  populär,  und doch sind es Beispiele für schwerwiegende Denkfehler, Trugschlüsse und Kurzsichtigkeiten.

Leider noch immer aktuell

Economics in one Lesson) wurde in acht Sprachen übersetzt, in zahlreichen Taschenbuchausgaben verbreitet und erschien zweimal in erweiterter und überarbeiteter  Auflage. Nun liegt eine Neuauflage in deutscher Sprache vor.  Das Buch liest sich so, als sei es heute geschrieben, so sehr passt sein Inhalt auf die gegenwärtige Wirtschaftspolitik noch immer oder   schon wieder.  Deren Irrtümer  scheinen schier unausrottbar zu sein. und doch liest sich sein Inhalt  so, als sei das Buch jetzt geschrieben.  Es sollte für die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und FDP Pflichtlektüre sein. Ein frommer Wunsch, gewiss.

Die verdrängten Spätfolgen einer Maßnahme

Für Hazlitt ist das Unausrottbare die Neigung der Menschen, nur die unmittelbaren Folgen einer Maßnahme wahrzunehmen oder nur deren Auswirkungen auf eine bestimmte Gruppe.  Man  versäume zu fragen, wie sich diese Maßnahme langfristig und nicht nur auf diese eine Gruppe auswirke, sondern auch auf alle anderen. Es sei kurzsichtig, die Spätfolgen außer acht zu lassen. Darin liege der ganze Unterschied zwischen gutem und schlechtem Wirtschaften. „Der schlechte Wirtschafter sieht   nur, was offenkundig ist, der gute blickt tiefer.“

Der gute und der schlechte Ökonom

In der Einleitung zu dieser Neuauflage erinnert Detmar Doering an eine Bemerkung des französischen Ökonomen Frederic Bastiat: Einen guten Ökonomen könne man von einem schlechten dadurch unterscheiden, dass der schlechte nur das offenkundig Sichtbare sehe, nicht aber die verborgenen Wirkungen. Von diesen unsichtbaren Wirkungen handelt das ganze Buch, denn sie nicht zu sehen und nicht zu berücksichtigen, sind ebenjene Fehlurteile, Irrtümer und Denkfehler, die immer wiederkehren.

Das eingeworfene Schaufenster

Auf Bastiat beruft sich ausdrücklich auch Hazlitt, ihm gebühre seine größte Dankesschuld. Und so greift er als erstes dessen Beispiel vom eingeworfenen Schaufenster   einer Bäckerei auf.  Für  den Bäcker ist das sichtbarlich ein Schaden. Aber die Kunden des Bäckers, die ihn mitbeklagen,    kommen schließlich auf die Idee, dass dieses Missgeschick doch auch sein Gutes hat, denn es       gibt einem Glaser Arbeit und Verdienst, die Scheibe zu ersetzen. Das verdiente Geld gibt der Glaser bei anderen Geschäftsleuten aus, die nun ihrerseits das Verdiente woanders ausgeben. Das eingeworfene  Fenster schafft also in immer weiteren Kreisen Arbeit und Einkommen. Und schnell    ist die Schlussfolgerung gezogen, dass der Lausbub, der den Stein in die Scheibe warf, kein öffentlicher Schadenstifter ist, sondern ein öffentlicher Wohltäter.

Was die Kunden des Bäckers nicht bedacht haben

Doch was die guten Leute nicht bedacht haben: Der Bäcker  ist  um das Geld für die neue Schaufensterscheibe ärmer geworden. Das fehlt  ihm nun, um den  geplanten neuen Anzug zu kaufen. Dieses Geld fehlt damit auch dem Schneider, denn ihm sind  mit der eingeworfenen Scheibe Beschäftigung und Verdienst entgangen. Das Geld fehlt auch dem Tuchmacher, bei dem sonst der Stoff für den Anzug gekauft worden wäre … und so weiter und so fort.  Aber weder Schneider noch Tuchmacher merken, was ihnen entgangen ist, sie wissen nicht, dass auch ihnen ein Schaden entstanden ist. Kurzum, das alles sehen die Kunden des Bäckers nicht, die sehen nur den Schaden des Bäckers und den Vorteil für den Glaser.  An den Schneider, Tuchmacher und alle anderen  haben sie nicht gedacht.

Der entgangene, aber unsichtbare Nutzen

Wohlgefälliges  Werk und ökonomisch sinnvoll ist mutwillige Zerstörung also nicht.   Sonst ließe sich auch ein Krieg für sinnvoll erklären, weil er viele Häuser zerstört, die später wieder  neu gebaut werden müssen. Aber sollte jemand so denken, vergisst er, dass  das für den Neubau     aufgewendete Geld nicht mehr für andere Dinge ausgegeben werden kann und dass die für die Neubauten notwendigen Arbeitskräfte nicht für andere Bedürfnisse eingesetzt werden können. Die durch die Zerstörung scheinbar herbeigeführte Wirtschaftsbelebung wird erkauft mit einem dadurch entgangenen Nutzen, der unsichtbar bleibt. Sein sichtbares Gegenstück hat dieser entgangene Nutzen in den kriegszerstörten Häusern, die grundsätzlich eine Einbuße an schon vorhandenem volkswirtschaftlichem Vermögen bedeuten, also eine Einbuße an Wohlstand.

Die Lektion  in nur einem Satz

Für Hazlitt lässt sich die ganze Lehre von der Wirtschaft auf eine einzige Lektion und diese Lektion   auf einen einzigen Satz eindampfen: „Die Kunst des Wirtschaftens besteht darin, nicht nur die unmittelbaren, sondern auch die langfristigen Auswirkungen jeder Maßnahme zu sehen; sie      besteht ferner darin, die Folgen jedes Vorgehens nicht nur für eine, sondern für alle Gruppen zu bedenken.“ In der staatlichen Wirtschaftspolitik werde das missachtet,  und diese Missachtung     richte enormen Schaden an.  

Staatliche Arbeitsbeschaffung kostet Arbeitsplätze

Damit diese Lektion, weil zu abstrakt, wie Hazlitt schreibt, besser sitzt und die Irrtümer nicht weiterhin unerkannt bleiben, erklärt er sie ausführlich anhand von 24 Beispielen. So erfährt der Leser, warum Zerstörung kein Segen und Bedarf keine Nachfrage ist, staatliche Arbeitsbeschaffung Arbeitsplätze kostet, Steuern die Produktion lähmen, staatliche Kredite und Bürgschaften Fehlinvestitionen begünstigen, Maschinen die   Menschen nicht arbeitslos machen, das Preissystem ungleich     bessere Arbeitet leistet als es der Staat vermag, Preis-Stützen teure Krücken sind, kranke oder sterbende  Branchen nicht    gerettet werden dürfen und Schutzzölle  weder Beschäftigung schaffen, noch die Löhne anheben, noch den Lebensstandard des Landes verbessern, sondern dem Land einen Netto-Verlust einbringen.

Vollbeschäftigung als Tanz ums goldene Kalb

Der Leser lernt, dass es falsch ist,  überflüssig gewordene Staatsbedienstete deswegen zu     behalten, weil anderenfalls der Wirtschaft  ihre Kaufkraft verlorenginge. Oder: Nicht   Vollbeschäftigung ist das wirtschaftliche Ziel, sondern die Produktion. Die Beschäftigung ist nur das Mittel dafür. Aber politisch wird immer nur die Vollbeschäftigung angestrebt und zelebriert wie ein Tanz ums goldene Kalb.  Damit wird das wirtschaftliche Mittel verdreht  zum politischen Zweck.  Oder: Der Staat kann der Wirtschaft keine finanzielle Hilfe geben, die er der Wirtschaft nicht vorher oder später entzieht. Wenn er der Wirtschaft Darlehen oder Subventionen gibt, macht er nichts anderes,  als erfolgreiche Unternehmer zu besteuern, um erfolglose Unternehmer zu unterstützen. Begünstigungen der einen sind Schaden für die anderen und für das Gemeinwesen insgesamt.

Inflation – die schlimmste Form der Besteuerung

Oder: Bestimmend für die Löhne ist im wesentlichen die Arbeitsproduktivität, und der Glaube, dass   die Gewerkschaften die Reallöhne auf lange Sicht und für die Gesamtheit der Arbeiter erhöhen können, ist eine der großen Illusionen. Oder: Die Inflation ist eine Form der Besteuerung, vielleicht   die schlimmstmögliche, denn sie trifft im allgemeinen diejenigen am härtesten, die die schwächsten sind. Sie wirkt wie eine Einheitssteuer, die ausnahmslos alle Einkommen mit dem gleichen  Steuersatz belegt. Sie ist nicht nur eine Steuer auf die Ausgaben des einzelnen Bürgers, sondern auch auf  seine Ersparnisse und seine Lebensversicherung.

Warum Demagogen so erfolgreich sind

Auch räumt Hazlitt mit Irrtümern über Arbeitszeitverkürzung, Mietpreisbindung, gerechten Lohn und über die Gewinne auf sowie damit, dass Geld nicht Reichtum bedeutet („das süße Gift der      Inflation“). Leider aber ist es so, „dass die schlechten Wirtschaftsexperten ihre Irrtümer der Öffentlichkeit besser verkaufen als die guten Fachleute ihre Wahrheiten.“ Der von Demagogen verbreitete wirtschaftliche Unsinn leuchte scheinbar mehr ein als die Argumente der ernsthaften Experten, die nachzuweisen versuchten, was falsch daran sei.  Das liege daran, dass Demagogen und schlechte Wirtschaftspolitiker Halbwahrheiten anböten.  Daher komme es darauf an, die halbe Wahrheit durch die fehlende Hälfte zu ergänzen und zu berichtigen.

Wer frühere Irrtümer nicht kennt, begeht sie aufs Neue

Wiederholt erinnert Hazlitt an das Wort des spanischen Philosophen und Schriftstellers George Santayana, dass der derjenige, der seine Vergangenheit vergisst, dazu verurteilt ist, sie zu wiederholen. Auf den Gegenstand des Buches angewendet: Wer die Irrtümer früherer Zeiten  nicht kennt oder sie nicht wahrhaben will, begeht sie aufs Neue und wieder und wieder. Eben darum   sollte sein Buch vor allem  für Politiker Pflichtlektüre sein. Aber selbst dann, wenn sich die   Politiker zur Lektüre herbei- oder herabließen, sie änderten sich wohl nicht. Würden sie nämlich von den  Irrtümern ablassen und sie als Irrtümer wirklich verinnerlichen, begäben sie sich  vieler   aktionistischer Eingriffsmöglichkeiten in das Wirtschaftsgeschehen und damit dessen, was sie als   ihre Daseinsberechtigung missverstehen.

Wohin Politiker ihren Tatendurst besser lenken sollten

Nein, das brächten sie einfach nicht fertig. Die Einsicht, dass solche Eingriffe falsch sind und sie selbst dann als tatenlos und überflüssig erscheinen, steht ihren eigensüchtigen Interessen diametral entgegen. Doch verkennen sie dabei, dass sie ihren Tatendurst sehr wohl stillen könnten, nämlich durch Überzeugungsarbeit gegenüber den Bürgern, warum diese Maßnahmen Irrtümer sind und daher nichts taugen.  Aber gerade für politische Rattenfänger sind die Irrtümer unentbehrlich, denn   zu viele Bürger sind nicht kundig genug, um ihnen zu widerstehen. Sie wären es, würden sie dieses Buch gelesen haben.

Henry Hazlitt: Economics! Über Wirtschaft und Mißwirtschaft. Die Lektion – Die Beispiele – Die Nachgedanken. Olzog Verlag GmbH; München 2009. 255 Seiten. 24,90 Euro.

 

 

Sven von Storch

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