Es geht um die Lebenswelt nicht um Werte

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Es geht um die Lebenswelt nicht um Werte
Datum: 26.01.2017, 08:44

Neben aller Unbestimmtheit dieses Appells verkennen diese Politiker, daß Demokratie, Liberalität, Pluralität, Freiheit und Gleichberechtigung dann verwirklicht werden, wenn sie in der Lebenswelt verankert sind. Diese Aspekte von Lebenswelt sind offensichtlich an die Lebenswelt westlicher Gesellschaften gebunden, wie den USA, den Nord-, West- und Mitteleuropäischen Staaten, Australien, Neuseeland und auch Israel. Und genau diejenigen etablierten Politiker, die in Deutschland diese Werte betonen, sägen hier an den lebensweltlichen Strukturen, als Beispiel die Institution der Familie, die politische und finanzielle Unabhängigkeit von Justiz und Medien, und die strikte Trennung von NGOs und sozialen Organisationen von der Politik. Und deswegen ist es so absurd, daß genau dieselben Politiker, die von der Verteidigung der Werte schwadronieren, diejenigen Lebenswelten bekämpfen, die erst diese als Werte bezeichneten Aspekte ermöglichen. Der neue US-Präsident Trump hat in seiner Antrittsrede Aspekte des Verlustes der Lebenswelt angerissen und diagnostiziert, z.B. : „… Mütter und Kinder in unseren innerstädtischen Problemvierteln in Armut, verrostete Fabriken, die wie Grabsteine über der Landschaft versteinert liegen, ein Bildungssystem mit genug Geld, das aber unsere Schüler vom Wissen abhält…“ Trump bietet hier immerhin eine Beschreibung von Aspekten der US- amerikanischen Lebenswelt, die weitaus komplexer ist als das monotone Mantra deutscher Politiker mit dem „wir verteidigen unsere Werte“. Wer diagnostiziert hat, wo die Probleme liegen, ist jedenfalls einen Schritt weiter, als das deutsche Polit-Establishment, das mit sich und seinen Medien monotone Selbstgespräche führt. Eine Bundesregierung, die eine „Hate Speech“ Zensur über juristische Tatbestände hinaus ins Leben gerufen hat und die darüber hinaus eine „Fake- News“ Agentur beauftragt hat oder beauftragen will, hat an demokratischer Willensbildung, Meinungsfreiheit- und Vielfalt nicht mehr viel Interesse. Und schließlich ist die CSU-Forderung nach einer Leitkultur aus demselben undemokratischen Stoff. Kulturen bilden und entwickeln sich frei und nicht nach einem Leitfaden. Wer in der Leitkultur die Leitung vorgeben soll, ist in einer demokratischen Gesellschaft keine legitime Frage.

Sven von Storch

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