Religion und Demographie
Religion und Demographie
Datum: 30.03.2010, 09:21
In dem Diskussionspapier heißt es: „Nachdem Religion und patriarchale Familienwerte jahrzehntelang scheinbar aussichtslose Rückzugsgefechte gegen den Wertewandel der Moderne geführt haben, könnten konservative oder gar fundamentalistische Wertesysteme nun auf dem Umweg über die demografische Entwicklung wieder an Bedeutung gewinnen.“ Das Berlin-Institut geht deshalb in dem Papier anhand der vorliegenden Daten der Frage nach: „Werden also auch die europäischen Gesellschaften nach Jahrzehnten der Liberalisierung wieder religiöser und konservativer?“ Die Antwort fällt differenziert aus.
Das Institut weist darauf hin, dass zwar die Bevölkerung in den muslimisch geprägten Staaten immer noch steigt, die Geburtenraten aber einem gegenläufigen Trend folgen. Auch in den Ländern mit dem größten islamischen Bevölkerungsanteil liegt die Geburtenrate mit Ausnahme von Pakistan mit 4,0 und Nigeria mit 5,3 unter durchschnittlich drei Kindern pro Frau. In der Türkei und in Indonesien liegt die Geburtenrate noch knapp über zwei Kindern pro Frau und im Iran bei 1,8. Dort hat sich die Geburtenrate den niedrigen europäischen Werten angenähert. Das Berlin-Institut kommt zu dem Ergebnis: „Die demographische Entwicklung in weiten Teilen der islamischen Welt ist jener der übrigen Weltregionen nicht entgegengesetzt, sie verläuft nach dem gleichen Schema. Allerdings ist noch nicht absehbar, ob die Kinderzahlen auf so niedrige Werte wie in den europäischen Ländern sinken werden.“
Im Iran hat sich die Wirtschaftsleistung seit dem Jahr 1990 verdoppelt und die Geburtenrate halbiert. Die Geschwindigkeit dieses Geburtenrückgangs ist außergewöhnlich. Die religiöse Ausrichtung des iranischen Staates hat diese Entwicklung nicht verhindern können. Dies spricht dafür, dass in relativ armen Ländern sozioökonomische Motive wichtiger für die Höhe der Geburtenrate sind, als Fragen des Glaubens. Erst auf einem hohen Wohlstands- und einem sehr geringen Geburtenniveau beginnen sich religiöse und nicht religiöse Lebensentwürfe in der Geburtenstatistik deutlich auseinanderzuentwickeln.
In den europäischen Ländern liegt der Abstand zwischen der Kinderzahl von religiösen und nichtreligiösen Frauen bei über dreißig Prozent. In der Schweiz bekommen religiöse Frauen über vierzig Prozent und in Griechenland und Italien sogar 55 und 68 Prozent mehr Kinder als nichtreligiöse. Dass religiöse Menschen mehr Kinder bekommten, heißt nicht automatisch, dass die Zahl der religiösen Menschen an der Gesamtbevölkerung langfristig steigt. Dies hängt davon ab, wie groß der Prozentsatz der Kinder ist, die ihre Religiosität von ihren Eltern übernehmen und weitertragen und wie viele sich von der Glaubensüberzeugung der Eltern entfernen.
Anhand von Befragungen über die eigene religiöse Einstellung und die Einstellung der Eltern schätzt das Berlin-Institut, dass etwa Zweidrittel den Glauben der Eltern „erben“ und etwa ein Drittel sich im Laufe des Lebens von ihrer religiösen Prägung entfernen. Damit die höheren Kinderzahlen der religiösen Menschen sich also auf die langfristige Entwicklung auswirken können, müsste ihre Geburtenrate also – wenn man diese Schätzung zu Grunde legt – etwa ein Drittel über denen der nichtreligiösen liegen, was in einigen europäischen Ländern der Fall ist. In religiösen Ländern ist die Differenz zwischen den höheren Geburtenraten der Religiösen und der niedrigeren Geburtenraten der Säkularen besonders groß, in Ländern mit nicht so stark ausgeprägter religiöser Bindung hingegen geringer. In den Ländern, in denen die Differenz besonders groß ist, besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass „die unterschiedliche Fruchtbarkeit von religiösen und säkularen Bevölkerungsgruppen sowie die Einwanderung religiöser Gruppen dafür sorgen, dass der Anteil der religiösen Menschen wieder steigt.“
Die höheren Geburtenraten der religiösen Eltern betreffen aber vor allem die Unterschiede innerhalb der Gesellschaft, nicht zwischen den Gesellschaften. „Religiöse Menschen in Europa haben mehr Kinder, Gesellschaften mit einer höheren Bedeutung von Kirche und Religion aber nicht.“ Besonders augenfällig ist dieser Umstand im Falle von Polen und Italien. Beide Länder haben im Vergleich zu den übrigen europäischen Ländern eine sehr hohe Zahl von Bürgern, die Religion als „sehr wichtig“ empfinden und mindestens einmal in der Woche einen Gottesdienst besuchen. In Polen liegen die Zahlen sogar höher als die Befragungsergebnisse für die USA oder Brasilien. Dennoch liegen die Geburtenraten beider Staaten im europäischen Vergleich auf niedrigem Niveau.
Diese Besprechung wurde zuerst veröffentlicht auf dem Blog des Liberalen Instituts "Denken für die Freiheit"
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