Meinungsfreiheit als Naturkatastrophe_

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Meinungsfreiheit als Naturkatastrophe_
Datum: 09.09.2010, 15:22

Wenn unter 80 Millionen Menschen jemand eine Meinung äußert, die vielleicht nicht ganz richtig, vielleicht sogar komplett falsch ist, dann ist das eigentlich keine große Nachricht. Meinungsfreiheit führt zwangsläufig dazu, dass auch viele Meinungen geäußert werden, die einem persönlich widerstreben. Wenn man Meinungen, die man für falsch oder sogar als unmoralisch empfindet, grundsätzlich nicht hören will, dann kann man nicht für Meinungsfreiheit sein. Wer allerdings seine Meinung äußert, der muss auch damit leben, dass andere das auch tun und die eigene Meinung kritisieren. Polemik darf durchaus auch mit Polemik beantwortet werden. Die freie Gesellschaft ist keine Gesellschaft des Konsens, sondern der heftigen Kontroverse. Schon Humboldt meinte geistiges Leben erstürbe, wenn man völlig einig werde. Manchmal hat man aber den Eindruck, diese „völlige Einigkeit“ sei ein gesellschaftspolitisches Ziel. Abweichende Meinungen seien ein Skandal – eine „Störung des sozialen Friedens.“ Nur so ist erklärbar, dass Thilo Sarazzin mit seinen Thesen nicht nur einen Platz im Feuilleton erhalten hat, sondern es gleich auf Platz 1 der Tagesschau geschafft hat. So zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, hat in Deutschland denselben Nachrichtenwert wie die Anschläge vom 11. September, eine großer Naturkatastrophe, oder das Scheitern einer Landesregierung. Dies sollte Anlass dazu bieten, über die Kultur der Meinungsfreiheit in Deutschland nachzudenken. Darüber nachzudenken, warum es nicht möglich ist, mit einer gewissen Gelassenheit auch Kontroversen zu ertragen. Jede öffentlich geäußerte kontroverse Meinung ist die Bestätigung der Offenheit unserer Gesellschaft. Mag man sich noch so sehr über die Meinung des politisch Andersdenkenden ärgern, man sollte nie vergessen, dass es viele Gründe gibt, dankbar dafür zu sein, wenn man in einer Gesellschaft leben darf, in der selbst die abseitigste Meinung ohne Sanktionen geäußert werden darf. Viele Menschen haben große Opfer gebracht und bringen große Opfer, um die Meinungsfreiheit zu schaffen, die bei uns heute offenbar oft als lästig empfunden wird.

Dieser Beitrag wurde zu erst veröffentlicht auf dem Blog des Liberalen Instituts.

 

Sven von Storch

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