Ist Vollbeschäftigung als politisches Ziel realistisch_

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Ist Vollbeschäftigung als politisches Ziel realistisch_
Datum: 09.08.2009, 14:37

Das änderte sich aber bald. Hohe Tarifabschlüsse und Arbeitskräfteknapheit verteuerten die Lohnkosten. Das führte dazu, dass es sich für die Unternehmen lohnte, Arbeit durch Maschinen zu ersetzen. Was in den Jahren nach der Ölkrise auch in enormer Geschwindigkeit geschah.

Insoweit ist es tatsächlich richtig, dass die hohe Produktivität der deutschen Wirtschaft auch eine Folge der hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften ist. Die Begleiterscheinung der hohen Produktivitätssteigerungen war aber auch die wachsende Zahl von Arbeitslosen, die nicht nur vorübergehend, sondern aufgrund ihres niedrigen Bildungsniveaus dauerhaft arbeitslos waren. Maschinen waren einfach billiger als Handarbeit.

Um die arbeitslos gewordenene geringqualifizierten Arbeitnehmer wieder in Beschäftigung zu bringen, gab es jetzt nur drei mögliche Optionen:

1.) Die Betreffenden konnten durch erhebliche Bildungsanstrengungen ein höheres Qualifikationsniveau anstreben.

2.) Man konnte einen Niedriglohnsektor für einfache Dienstleistungen, die keine hohen Anforderungen an Qualifikation und Bildung stellen, schaffen.

3.) Oder diese Gruppe würde dauerhaft von Transferzahlungen abhängig sein.

Schon sehr früh, in der Mitte der siebziger Jahre, ergaben Untersuchungen der Bundesanstalt für Arbeit, dass die Versuche nach einer gescheiterten Erstqualifikation eine erfolgreiche Zweitqualifikation zu erreichen von wenig Erfolg gekrönt waren. Die soziale Vorprägung erwies sich in den meisten Fällen als zu stark, um zu einer schnellen Anhebung des Qualifikationsniveaus zu kommen.

Blieb also noch die Schaffung eines Niedriglohnbereiches. Das wollten wiederum die Gewerkschaften nicht, die bis zur Umsetzung der Agenda 2010, alle Änsätze in dieser Richtung erfolgreich torpedieren konnten. Also setzte sich die dritte Option durch: Es enstand das sogenannte Prekariat. Eine soziale Gruppe, die dauerhaft von Sozialtransfers abhängig ist, da ihr Profil auf dem Arbeitsmarkt nicht nachgefragt wird.

Kommen wir nun zu der Frage zurück, ob Vollbeschäftigung, wie sie Frank-Walter Steinmeier als Ziel proklamiert hat, eine realistische Zielsetzung ist. Die Antwort fällt zweigeteilt aus: Allein aus demographischen Gründen werden gut qualifizierte Arbeitskräfte im nächsten Jahrzehnt knapp. Die Unternehmen werden versuchen, sich gegenseitig qualifizierte Mitarbeiter abzuwerben. Das wird tendenziell zu höheren Löhnen in diesen Segmenten des Arbeitsmarktes führen.

Auf der anderen Seite besteht kaum Bedarf an hoch bezahlter einfacher Tätigkeit – sondern allenfalls an einfacher Tätigkeit zu niedrigen Löhne. Der Druck auf das Arbeitsmarktsegment für Geringqualifizierte wird auch nicht so stark zurückgehen, da die demographische Entlastung hier weniger stark ins Gewicht fällt als bei Hochqualifizierten.

Das führt uns zu der Frage zurück, ob unsere Gesellschaft es sich dauerhaft leisten kann, auf einen Niedriglohnsektor zu verzichten. Erleichtert werden könnte diese Entscheidung durch die Einführung einer negativen Einkommenssteuer, durch die die niedrigen Löhne auf ein Niveau aufgestockt werden, das für die Gesellschaft  sozial akzeptabel, aber auch finanzierbar ist.

Natürlich besteht auch heute noch die Möglichkeit die bildungsfernen Schichten besser auszubilden und zu qualifizieren. Wie bereits beschrieben, sind die bisherigen Erfahrungen allerdings nicht sehr ermutigend. Denn das setzt  nicht nur voraus, dass Lehrer, Schulen und Bildungspolitik leistungsfähiger werden als bisher. Also alte Gewohnheiten über Bord geworfen und Unterricht und Lehrpersonal effizienter werden.

Sondern - das ist noch wichtiger -  es setzt auch eine starke Motivation der Betroffenden voraus, viel Zeit und Anstrengung in ihre Bildung zu investieren. Ohne diese Bereitschaft kann die beste Bildungspolitik und können die motiviertesten Lehrer nicht viel erreichen. Theoretisch ist das also die beste Option, in der Praxis ist eine erfolgreiche Umsetzung also doch eher unwahrscheinlich.

Sven von Storch

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