Gibt es die „gescheiterte Ehe_
Gibt es die „gescheiterte Ehe_
Datum: 14.10.2014, 10:18
„Es gibt keinen schwulen Pass“, war unlängst auf der Bande des Kölner Stadions zu lesen. Die Club-Führung wollte ein Zeichen setzen gegen das, was man „Homophobie im Alltag“ auf Fußballplätzen nennt; da wird ein Zuspiel, das – etwa, weil der Ball zu schwach geschossen war – den eigenen Mitspieler nicht erreicht, schon mal als „schwuler Pass“ bezeichnet.
Die überraschende Formulierung „Es gibt keinen…“ war sozusagen ein Stop-Zeichen; ein Aufruf zum Hinschauen – und Nachdenken. So soll auch die Überschrift zu diesem Beitrag ein „Stop“-Schild sein. An die Wendung von der „gescheiterten Ehe“ haben wir uns alle gewöhnt. Warum ist sie falsch?
Wo steckt im Satz „Die Ehe von A und B ist gescheitert“ eigentlich das Subjekt? Zweifellos ist es weder A noch B (noch etwa beide), sondern „die Ehe“. Es wird also „jemand“ als Urheber für einen Zustand bezeichnet, der selbst weder entscheiden noch handeln kann. Dieselbe Unschärfe findet sich in Sätzen wie: „Mit den beiden hat es nicht geklappt“; oder auch mundartlich gefärbt: „Es geit nimma“.
Von der „gescheiterten Ehe“ reden alle. Auch viele Priester haben diese Redeweise unkritisch übernommen. Gibt es so etwas wie eine „Sprach-Anpassung“? Oder sollten wir besser von „Sprach-Gehorsam“ reden? Oder von „gruppendynamischen Prozessen“?
Sprache enthält immer auch Deutungsmuster. Da kriselt es mal nachhaltig zwischen zwei Eheleuten, und – weil der Satz so schnell verfügbar ist, wie die Luft, in der wir atmen – flugs steht für die beiden das Deutungsmodell bereit: „Jetzt gehören auch wir zu den Paaren, bei denen `es` (wir beachten: auch hier wieder so ein eigentümliches Satz-Subjekt…) – nicht funktioniert hat.“ Na, wenn „es“ nicht mehr geht, muss man sich trennen, oder?
Und irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, da der solcherart Weltlich-„Geschiedene“ zu seinem Freund sagt: „Am Samstag heirate ich die Claudia. Ich probier`s nochmal...“ Eigentlich zum Schmunzeln - was Formulierungen so alles verraten: Also scheint in der Vorstellung von Ehe doch, und zwar wesentlich, die Sehnsucht nach Endgültigkeit enthalten zu sein?
Wer ist denn der Urheber? Offensichtlich wird die Verantwortung einem nicht-realen, nicht-entscheidungsfähigen, weil nur grammatikalisch existenten „Subjekt“ zugewiesen. Wo ist da die Überzeugung von der Person als Träger der Entscheidung? Haben wir es hier nicht mit einer „Anonymisierung der Verantwortung“ zu tun?
Wenn aber, wie erwähnt, in Krisensituationen besonders die beiden Hauptbeteiligten auf solche Sätze und somit Deutungshilfen zurückgreifen, dann ist zu konstatieren: In einem beträchtlichen Maß bringt die gängige Deute-Formel das, was sie diagnostiziert, überhaupt erst hervor.
Das unzerstörbare Eheband
Und der christliche Horizont? Unnötig erscheint es zu wiederholen, dass nach dem katholischen Verständnis des Herrenworts „Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,12) das Band der Ehe schlicht und einfach unauflösbar ist. Mit den Augen Jesu betrachtet, ist der Gedanke einer Ehescheidung ebenso abwegig wie jener, sich ein Bein abzuhacken, weil es halt im Moment weh tut.
Wir wissen: Wo eine von zwei Christen vollzogene Ehe durch die katholische Kirche doch als „ungültig“ erklärt wird, hat sie – nach ihrem Verständnis – von vorneherein überhaupt nicht als solche bestanden, und zwar insofern bei ihrer Schließung Ehehindernisse bestanden haben oder der „Ehekonsens“ nicht vollständig gegeben war – wie in solchen Fällen dann nachzuweisen ist.
Jedem bleibt unbenommen, die – übrigens nicht allein auf den „katholischen“ Raum beschränkte, sondern als Sehnsucht allseits vorhandene – Vorstellung einer unauflöslichen, lebenslangen Gemeinschaft von Mann und Frau als „weltfremd“ oder als „nicht mehr in unsere Zeit passend“ zu kritisieren. 50% „geschiedene Ehen“ scheinen da eine deutliche Sprache zu sprechen. Tatsache ist, dass es bei jeder sogenannten „Scheidung“ meist nur Verlierer gibt – von den betroffenen Kindern, die in der Regel seelische Verletzungen davontragen, gar nicht zu reden.
Dennoch wird seitens vieler Medien, die das Meinungs- und Wertungsmonopol innehaben, versucht, die kirchliche Ehelehre den veränderten Zeitumständen anzupassen. Von dem jahrelangen Druck – besser passt das Bild vom „Sog“, einem Meeresstrudel vergleichbar, denn der zieht nach unten – beeinflusst, haben sich längst auch Bischöfe, ja Kardinäle, dem Trend angeschlossen. Ihre Sorge gilt dem seelsorglichen Umgang mit den „Wiederverheiratet-Geschiedenen“.
Wieder haben wir so ein – sorry – Ungetüm der Zeitgeist-Sprache vor uns. Ja, so muss man es nennen – bei allem Respekt für die Menschen. Denn nach dem Verständnis Jesu gibt es keine „Wiederverheirateten“.
Davon unbeeindruckt haben Bischöfe im Vorfeld der Außerordentlichen Bischofssynode im Oktober in Rom ihre Sichtweisen an ausgewählte Medien lanciert. Das Anliegen eines dieser Meinungsmacher, so berichtet ein Journalist ; ist es, die Begründungsstrategie der Enzyklika „Humanae Vitae“ aus dem Jahr 1967 zu „dekonstruieren“. Es ging um die leibliche Vereinigung von Eheleuten: Wenn der Schöpfer die Fortpflanzung und den Ausdruck liebender Hingabe in einen einzigen Akt gelegt hat, dann darf das von den Eheleuten durch Anwendung von künstlichen Verhütungsmitteln nicht ignoriert werden. Das war und ist im Kern die Argumentation, welche Theologen, die als besonders wissenschaftlich gelten wollen, seit den 80er Jahren ein Dorn im Auge ist: Die Interpretation des Geschaffen-Seins als Gewollt-Sein (durch den Schöpfer), welche Auswirkungen auf das Sollen hat. Diese Art der Herleitung von ethischer Orientierung soll „dekonstruiert“ werden.
Von „Dekonstruktion“ spricht Judith Butler. Sie habe sich, berichtet Gabriele Kuby, in einer Art „Schwebe-Identität“ zwischen Mann und Frau befunden und aus ihrer Not dann ein philosophisches Konzept gemacht: Jeder habe die Chance, aus dem Zwang, sich für Mann- oder Frau-Sein entscheiden zu müssen, auszubrechen. Mit dieser „Dekonstruktion“ der sexuellen Identität des Menschen war für Frau Butler ihr eigenes Mangel-Bewusstsein überwunden. Der Mensch finde seine sexuelle Identität nicht vor, sondern könne und solle darüber selbst entscheiden. Thesen, die dann später Eingang fanden in Bildungspläne für die verschiedensten Altersgruppen.
Wäre – vor dem Hintergrund solcher biographischen Details – nicht eher von einer „Pathologisierung des Menschenbilds“ zu reden? Um es sogleich gerade zu rücken: Auf der Basis des Schöpfungsbegriffs ist die sexuelle Identität eines Menschen ein vom Schöpfer empfangenes Geschenk. Das gilt, auch wenn nicht jeder es als ein solches zu erkennen vermag.
Wer hier – wie manch ein Politiker – mit dem seltsamen Argument widerspricht, Gott selbst sei es doch gewesen, der Homosexuelle als homosexuell (!) erschaffen habe, was wird ihn daran hindern, dieselbe Gedankenführung früher oder später auch für Menschen anzuwenden, welche pädophil oder inzestuös oder auf sexuellen Kontakt mit Tieren orientiert sind? Und in der Tat finden sich in Tageszeitungen bereits die ersten ganzseitigen Artikel, die aus der Perspektive von inzestuösen oder pädophilen Menschen verfasst sind. Mit solchen Innen-Ansichten beginnt meist die Demontage. Offenbar stehen unserer Kultur nach der Abschaffung kultureller Errungenschaften wie es beispielsweise die Unterschiedlichkeit der Kleidung von Mann und Frau, die vor- und außereheliche Enthaltsamkeit, die Unauflöslichkeit der Ehe waren, demnächst weitere „Dekonstruktionen“ bevor.
Inzwischen ist sogar das Ost-West-Schema zerbrochen. Was vor kurzem noch unvorstellbar war: Einen schöpfungsorientierten Gläubigen – egal, welcher Religion – verbindet in weltanschaulicher Hinsicht heute manchmal mehr mit dem russischen Präsidenten als mit Barak Obama. Die Kultur des Westens: In der Sackgasse?
Die Sprachdiktatur des Genderismus
Entlarvend übrigens, dass sich für das heute üblich gewordene, finale Überarbeiten von Texten (Satzsubjekte nicht allein in grammatisch-männlicher, sondern zusätzlich auch -weiblicher Form zu formulieren) inzwischen der Begriff „Gendern“ durchgesetzt hat. Wer sich als Student nicht an diese „Gender“-Vorgaben hält, dem droht schlicht Gewalt in Form von nachteiliger Benotung.
Geistliche gibt es, die den Gottesdienst mit der gut gemeinten Formel abschließen: „Es segne euch der wie Vater und Mutter liebende Gott“. So ist die Sprachdiktatur bereits in den innersten kirchlichen Raum eingedrungen – den der Liturgie. Was dabei übersehen wird: Es geht um mehr als eine bloß sprachliche „Anpassung“. Mit der Erweiterung des Gottes-Bildes „Vater“ auf „Mutter“ befinden wir uns definitiv außerhalb des Deutungsrahmens, den die Heilige Schrift vorgibt, worauf beispielsweise auch Papst Benedikt XVI. hinweist.
Im Sudetenland haben sich nach dem Einmarsch der NS-Truppen in Österreich im März 1938 sämtliche kirchliche Vereinigungen freiwillig „gleichgeschaltet“: den Hitler-Verbänden ein- und untergeordnet. Mir scheint, wir Heutigen sind Zeugen einer Sprach-„Gleichschaltung“ der Kirchen geworden. Hat diese bereits damit begonnen, dass in den Gottesdienst-Lesungen die paulinische Anrede („Brüder“) „ge-gendert“ wurde, um sie den veränderten Zeitumständen anzupassen?
Für die Sprachfigur, welche beide Geschlechter unter dem grammatisch-Männlichen zusammenfasst – die „Einwohner Deutschlands“ oder „Brüder“ für Christinnen und Christen – ist der Ausdruck „masculinum repraesentale“ vorgeschlagen worden. Es scheint ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Mann und Frau auszudrücken: „Der Mann steht im Vordergrund der Kraft“, sagt die Dichterin Gertrud von le Fort (1876 – 1971) „die Frau lagert in ihrer Tiefe.“
Ist diese Einsicht heute vermittelbar? In einer Zeit, da unsere Zeitgenossen, auch Priester, von einem Wesens-Unterschied zwischen Mann und Frau nichts hören wollen; verwiesen wird darauf, es könne nur ein „Wesen“ geben, den Menschen nämlich. Doch ist in die Sache inzwischen Bewegung gekommen. Mehrfach schon hat Papst Franziskus das Fehlen einer „Theologie der Frau“ angemahnt. Unlängst hat er auf die Journalisten-Frage „Sie sprechen wenig von Frauen, höchstens von Frauen als Müttern und Bräuten. Heutzutage leiten Frauen auch Staaten, Großkonzerne, Heere. Welchen Platz haben in Ihrer Sicht Frauen in der Kirche?“ ebenso erstaunlich wie vielsagend entgegnet:
Die Frauen sind das Schönste, was Gott gemacht hat. Die Kirche ist Frau. Kirche ist ein weibliches Wort. Man kann ohne diese Weiblichkeit keine Theologie betreiben. Davon wird nicht genug gesprochen, da haben Sie ganz Recht. Ich bin einverstanden damit, dass man mehr an der Theologie der Frau arbeiten muss. Das habe ich gesagt, und das ist auch in Arbeit.
Unglaublich! Mit der Selbstsicherheit dessen, der Erkenntnis von „Wahrheit“ für möglich hält, macht der Papst deutlich, dass die Sichtweisen der „Welt“, auch wenn sie in Frage-Form daherkommen, nicht notwendig mit denen des Christen übereinstimmen (vgl. Röm 12,2). Sieht er möglicherweise in der Entdeckung einer weiblichen – und, wegen der Bipolarität alles Geschaffenen, damit auch männlichen – Identität einen Ausweg aus der Krise der westlichen Kultur?
Um den Schaden für den Menschen – der inzwischen vielerorts im Säuglingsalter bereits in frühkindlichen „Bildungs“-Stätten abgegeben wird, um seiner erwerbstätigen Mutter die ersehnte gesellschaftliche Anerkennung zu ermöglichen – zu bezeichnen, nimmt Franziskus kein Blatt vor den Mund: Der Teufel will die Familie nicht und versucht, sie zu zerstören. So wird unter dem derzeitigen Pontifikat – allen „Dekonstruktions“-Versuchen zum Trotz nichts geschehen, was die Bindungskräfte von Ehe und Familie noch weiter schwächen könnte.
Familien-Krisen haben meist psychische Ursachen. Nehmen wir den Fall einer Familie, aus der sich der Vater völlig zurückgezogen hat, da er von seiner Frau, sobald er den Raum betritt, vor den gemeinsamen Kindern nur noch verbal attackiert wird. Eine unerträgliche Situation für alle Beteiligten, solange die Ursache – das Fehlverhalten der Frau – nicht eingestellt wird. Immer wieder hat der Mann zur Versöhnung im Geist Christi aufgerufen, doch sie setzt ihre Verbalattacken unverändert fort und stellt für Versöhnung unerfüllbare Bedingungen. Das Kernproblem: Sie hat keinen Zugang mehr zu ihren eigenen Emotionen und macht ihren Mann für ihre gestörte Gemütslage verantwortlich.
Für unsere Überlegungen ist es unerheblich, wie in einer solchen Familienkrise die Geschlechter-Rollen üblicherweise verteilt sind. Oft wurzelt der Konflikt in negativen Affekten, die sich gegen den Partner richten. Was würde die vielfach geforderte Änderung der Seelsorge wie z. B. die volle Zulassung der „Wiederverheiratet-Geschiedenen“ zu den Sakramenten bei jenem Vater bewirken, der – aus Verantwortung für Kinder wie aus Liebe zu seiner Ehefrau – am Eheband unerschütterlich festhält?
Schade, dass die Wendung von der „gescheiterten Ehe“ auch in das Vorbereitungsdokument der Synode hineingerutscht ist („fallimento matrimoniale“: Ziffer 103). Denn nach unseren Überlegungen sollte aus dem Mund eines Christen der Satz „Die Ehe von A und B ist gescheitert“ eigentlich gar nicht kommen. Was es gibt, ist Fehlverhalten der Person A und/oder der Person B. Fehlverhalten jedoch ist zu korrigieren und vom Geschädigten zu vergeben.
Eine Trennung kann dazu nicht wirklich eine Alternative sein. Jesus hat gesagt: „Wenn dein Bruder Schuld auf sich geladen hat, dann sag` ihm, was er falsch gemacht hat. Tut es ihm leid, dann vergib ihm! Und wenn er dir siebenmal am Tag Unrecht tut und dich immer wieder um Vergebung bittet, vergib ihm!“ (Lk 17,3-4)
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