Mit Bildung könne man nicht früh genug anfangen, damit die spätere Lernleistung gesteigert wird
Mit Bildung könne man nicht früh genug anfangen, damit die spätere Lernleistung gesteigert wird
Datum: 26.02.2015, 09:58
Die Ressourcen unseres hochtechnisierten Wohlstands lägen in „Bildung“. Auch hier findet sich selbstverständlich ein Körnchen Wahrheit, wie in vielen raffinierten Lügen. Reflexartig erfolgt darauf die Verbindung von Bildung mit Kitas. Gemeint sind Kitas für alle Altersstufen. Die nötige Differenzierung nach dem Alter sucht man in diesem Zusammenhang meist vergebens. Die durchaus möglichen Bildungsanregungen für ältere Kinder werden kritiklos auf die Situation der Unterdreijährigen übertragen. Hierin zeigt sich entweder Ignoranz oder beabsichtigte Verschleierung, denn die Gleichsetzung von Kitas ab drei Jahren mit denen vom Säuglingsalter an ist grundsätzlich unzulässig. Die Voraussetzungen für das Gelingen von „Bildung“ sind in beiden Altersstufen völlig verschieden: Das Wachstum des Gehirns befindet sich bei einem Kind unter drei Jahren in einer sensiblen Phase: Es hat noch kein Zeitempfinden, die Trennung von der Mutter empfindet es als dauerhaft, so dass es mit Angst bis Panik reagiert. Sowohl die Fähigkeit zum Verständnis von Verabredungen fehlt ihm, als auch die nötige Sprachentwicklung, um sich artikulieren zu können. Für „Bildung“ dieser Kinder sind das denkbar schlechte Voraussetzungen.
Zur notwendigen Differenzierung der Altersstufen schreibt wieder Johannes Pechstein: “Sobald die gewonnene Selbständigkeit deutlich stärker wird als die anfängliche Individualabhängigkeit von der Mutter, den Eltern, den Geschwistern, den Großeltern – dazu kommt es meist erst zu Beginn des vierten Lebensjahres - , ist die allmähliche, angstfreie Einführung in außerfamiliäre Gruppen mit unterschiedlich alten Kindern für begrenzte Stunden des Tages wünschenswert, besonders in unserer kinderarmen Zeit. Die Grundbindung an die Eltern als Hort der inneren Sicherheit muss aber aufrechterhalten und fortentwickelt werden.“
„Reifungsvorgänge sind an Entwicklungsphasen gebunden, die man nicht unbeschadet außer Acht lassen kann […] Alle Verfrühungen können die Entfaltung verstümmeln, alle Behinderungen können sie verzögern. Gesunde und wirkungsvolle Erziehung muss phasengerecht sein, das heißt, sie setzt eine genaue Beobachtung des Kindes und Kenntnis der Entwicklungsgesetze des Menschen voraus“, schreibt die Psychotherapeutin Christa Meves. (8)
Ausführlich dokumentieren auch die amerikanischen Pädiater T. Berry Brazelton und Stanley I. Greenspan in ihren Forschungen zu Emotionalität und Lernleistung, „dass das Wachstum von Geist und Gehirn und die Entwicklung der Denkfähigkeit durch einen frühen wechselseitigen Austausch emotionaler Signale angeregt wird und nicht etwa durch irgendwelche kognitive Stimulierung, zum Beispiel mit Leselernkarten.“ (9)
„Eine zu früh eingeforderte Autonomie führt oft zu einer inneren Unsicherheit und Ängstlichkeit, die sowohl das intellektuelle als auch das soziale Lernen behindern kann, schreibt die Leiterin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, Marianne Leuzinger-Bohleber.(10)
Nun erfolgt regelmäßig an dieser Stelle der einschränkende Hinweis, dass aber Kinder aus „bildungsfernen Schichten“ unbedingt „gefördert“ werden müssten.
Aus dem Gesagten ergibt sich also, dass die Hoffnung auf bessere Schulleistungen bei Krippenkindern auf sehr unsicherem Grund steht. Die neugierige Erkundung der Umwelt erfolgt nur bei Anwesenheit der bekannten Bezugsperson, die als sichere Anlaufstation dient. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Bundesländer mit der geringsten Fremdbetreuungsquote im Säuglingsalter in der Pisa-Studie die besten Leistungen vorweisen. „Emotionale Interaktionen“, schreiben Brazelton und Greenspan „bilden nicht nur die Grundlagen der kognitiven Fähigkeiten des Kindes, sondern auch der meisten intellektuellen Fähigkeiten einschließlich seiner Kreativität und seiner Fähigkeit zu abstraktem Denken.“
Der Kern der Lüge Nr.6 besteht also in mehr oder weniger bewusster Verschleierung: Die bildungsrelevanten Vorzüge eines altersgemäßen Kitabesuchs (z.B. ab dem Alter von drei Jahren in hochqualifizierten Einrichtungen) werden blind auch auf Kitas vom Säuglingsalter an verallgemeinert. Genau das aber macht den Unterschied; man sollte sich vor dieser argumentativen Falle hüten.
Nur bei einem auf den individuellen Reifegrad des Kindes zugeschnittenen Eintrittsalter können kognitive Fähigkeiten verbessert werden und dies noch nicht einmal dauerhaft. (siehe Lüge Nr. 8). “Eine signifikante, moderate Förderung der Lernleistung kann nur bei hoher Betreuungsqualität erwartet werden. Diese ist in deutschen Krippen derzeit nur in Ausnahmefällen anzutreffen.“, resümiert der Neuropädiater Rainer Böhm.
Darüber hinaus findet Lernen in einem viel allgemeineren Sinn als Interaktion in der Familie statt. Der Soziologe Manfred Spieker nennt das „die Daseins- und Sozialkompetenzen, die dem Erwerb von beruflichen Fachkompetenzen vorausliegen: die moralischen und emotionalen Orientierungen des Heranwachsenden, seine Lern- und Leistungsbereitschaft, seine Kommunikations- und Bindungsfähigkeit, seine Zuverlässigkeit und Arbeitsmoral, seine Konflikt- und Kompromissfähigkeit, seine Bereitschaft zur Gründung einer eigenen Familie und zur Übernahme von Verantwortung für andere.“ (11)
Das Reden in Politik und Wirtschaft über das Investieren in „Bildung“ durch frühe Kitas ist Heuchelei und bewirkt mit Sicherheit das Gegenteil.
(8) Christa Meves: „Erziehen lernen“ Was Eltern und Erzieher wissen sollten. 4.Auflage 2011, Ingo Resch GmbH, Gräfelfing S. 34, S.112-114
(9) T. Berry Brazelton, Stanley I. Greenspan: Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern, 2002 Beltz Verlag. Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Irreductable Needs of Children, 2000, Perseus Books, New York
(10) Marianne Leuzinger–Bohleber: Sicher gebundene Kinder haben beim Lernen Vorteile, FAZ vom 21. 6. 2013
(11) Manfred Spieker: Frauen, Familie und Beruf, FAZ vom 13. 5. 2006
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