Kitas garantierten „Kindeswohl durch Erleichterung des Schulbeginns und durch Gewöhnung an spätere Ganztagsschulen

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Kitas garantierten „Kindeswohl durch Erleichterung des Schulbeginns und durch Gewöhnung an spätere Ganztagsschulen
Datum: 23.02.2015, 11:56

Dem Kindeswohl sei so eindeutig mehr entsprochen als mit dem andernfalls zu erwartenden unkalkulierbaren Schuleintrittsschock. Bei der vorherrschenden Tendenz zur ganztägigen Grundschule ein durchaus realistisches Szenario. Trotzdem ist der Ausdruck „Kindeswohl“ in diesem Zusammenhang – wenn auch unbewusst und sicher unbeabsichtigt - geradezu zynisch. Durch die Vorverlagerung des möglichen Problems wird es nicht gelöst, im Gegenteil. Dies wird hier häufiger noch gezeigt werden müssen. Aber allein die Vorstellung, dass man möglicherweise schon Säuglinge an solche Ganztags-Rhythmen gewöhnen könne, ist falsch. Der Jugendpsychiater und ehemalige Direktor des Kinderneurologischen Zentrums Mainz, Johannes Pechstein, schreibt dazu: “ Der naive Überschwang für allgemeine Ganztags-‚Betreuung‘ beruht auf Unkenntnis vom Kind, auf Nichtbeachtung der körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung und seiner altersspezifisch ganz unterschiedlichen Belastbarkeit; zum Teil auch auf Desinformation […]. Man hat klar auszusprechen, dass die Institutionen der Ganztagsbetreuung von der Krippe bis zum Hort sowie die Ganztagsschule in Wahrheit Einrichtungen zur Hilfe für Erwachsene sind. Dem Kindeswohl widersprechen sie: Je jünger die Kinder sind, desto mehr!“ (2)

Das Motiv, Kinder an etwas gewöhnen zu müssen, ist ja im Grunde gut gemeint und hat in späteren Jahren durchaus seine pädagogische Berechtigung. Es ignoriert nur die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen des Kleinstkindalters. Umso tragischer ist es auch hier, dass genau das Gegenteil des Zieles erreicht wird: Das Ignorieren und Unterdrücken des Freiheitswillens kleiner Kinder hat eine schwere Einschränkung ihrer weiteren Anpassungsmöglichkeiten zur Folge. Resignation oder Auflehnung werden daraus folgen. Es erscheint mehr als unwahrscheinlich, dass unter diesen Umständen eine Gewöhnung an weitere überfordernde Bildungsanforderungen gelingen kann. Ist nicht sogar die Vokabel “Gewöhnung“ in diesem Zusammenhang entlarvend: Sollten sich schon kleinste Kinder an angeblich Unvermeidliches gewöhnen müssen? Auch an weitere Fehlentwicklungen wie Ganztagsschule für unter 12-jährige oder Burn-out-fördernde Arbeitsbedingungen bis ins Alter? Im Gegenteil: Wenn diese Tendenzen schon nicht aufzuhalten sind, müsste gerade dann nicht alles daran gesetzt werden, diesen Kindern ausreichend stabilisierendes Rüstzeug mitzugeben, damit sie die Anforderungen des späteren Lebens meistern und nicht an ihnen zerbrechen?

(2) Johannes Pechstein: Zu Lasten der Schwächsten, FAZ vom 15. 5. 2003

Sven von Storch

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