Kinder müssten so früh wie möglich sozialisiert werden, Gemeinschaftsfähigkeit könne nur im Kollektiv erworben werden
Kinder müssten so früh wie möglich sozialisiert werden, Gemeinschaftsfähigkeit könne nur im Kollektiv erworben werden
Datum: 25.02.2015, 11:53
In Wirklichkeit wird gerade die soziale Karriere der zu früh kollektivierten Kinder nachhaltig erschwert. So werden schon in diesem frühen Alter antisoziale Verhaltensweisen gebahnt, wie beiden folgenden Untersuchungen belegen:
Eine Längsschnittstudie (Thomas Achenbach, Universität Vermont) an 3000 amerikanischen Kindern und Jugendlichen, die vom Säuglingsalter ab in „daycare“-Einrichtungen verbringen mussten, ergab einen deutlichen Rückgang sozioemotionaler Kompetenzen; sie waren verschlossener, mürrischer, unglücklicher, ängstlicher, depressiver, aufbrausender, unkonzentrierter, aggressiver und häufiger straffällig.(5)
Um diese Ergebnisse zu verifizieren, initiierte das renommierte National Institute of Child Health and Development (NICHD) Anfang der neunziger Jahre eine breit angelegte internationale Studie, in die weltweit führende Spezialisten mit einbezogen wurden: Mehr als 1300 Kinder ab dem Alter von einem Monat wurden über 15 Jahre lang begleitet und die kognitive Entwicklung sowie das Verhalten in diesem Zeitraum detailliert gemessen. Mehr als 300 wissenschaftliche Studien dienten der Auswertung.(6)
Der Neuropädiater und Leiter des Bielefelder Sozialpädagogischen Zentrums, Rainer Böhm, fasste die Ergebnisse in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zusammen - auch nachzulesen im Internet unter „Die dunkle Seite der Kindheit“7. Er schreibt: „Am beunruhigendsten war indes der Befund, dass Krippenbetreuung sich unabhängig von sämtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionale Kompetenz auswirkt. Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten wie Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder häufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren ein Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Später konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus […]. Neuere wissenschaftliche Daten belegen, dass es sich bei diesen nur um die sprichwörtliche Spitze des Eisberges handelt […].“
Die Ergebnisse dieser Studie müssen die erheblichen Zweifel untermauern, die eine sorgfältige Beobachtung von Kleinstkindern ergibt: Bis zu einem Lebensalter von circa drei Jahren sind sie aufgrund des Stadiums ihrer Ichentwicklung noch nicht in der Lage, ein Sozialverhalten zu zeigen, das diesen Namen auch verdient. Wenn sie nicht durch zu viel Angst und Stress daran gehindert werden, sind sie zwar neugierig, befühlen und betasten ihre Kameraden wie ein willkommenes neues Spielzeug. Soziales Verhalten jedoch, das sich durch die Fähigkeit zur Zurücknahme der eigenen Person, Einhaltung von Regeln und Empathie äußert, erlernen nur sicher gebundene Kinder in späterem Kleinkindalter störungsfrei. So folgert auch Rainer Böhm aus den Ergebnissen der NICHD-Studie: „Durch nichts zu belegen ist die Hoffnung auf Förderung des Sozialverhaltens, die viele Eltern derzeit den frühen Besuch einer Krippe in Betracht ziehen lässt.“ (7)
(5) Thomas M. Achenbach, (2010): Multicultural evidence-based assessment of psychopathology at ages 1½-18 years. Transcultural Psychiatry, 47, 707-726.
(6) NICHD: www.nichd.nih.gov/research/.../seccyd.aspx
(7) Rainer Böhm: Die dunkle Seite der Kindheit, FAZ vom 4.4.2012
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