Es gab Wichtigeres als den Mauerfall
Es gab Wichtigeres als den Mauerfall
Datum: 05.11.2014, 09:26
Denn: Alleine an der österreichisch-tschechoslowakischen Grenze hat es mehr Todesopfer gegeben als in Deutschland.
Das zeigen neue Forschungen Grazer Historiker, die auch auf tschechischen und slowakischen Unterlagen aufbauen konnten. Aber das Faymann-Österreich lebt ja auf einem anderen Stern und nicht in der Zeitgeschichte. Diese wird nur als total subjektiv genutzter Steinbruch verwendet, nicht für eine ehrliche Aufarbeitung. Vor allem die Wiener Zeitgeschichtler befassen sich lediglich mit der Nazi-Zeit intensiv. Das was nachher geschah, wird weder wissenschaftlich noch medial noch in der politischen Selbstdarstellung intensiv aufgearbeitet.
Übrigens auch nicht das, was davor war. Während alle anderen Nationen ein klares – bisweilen auch für Streit sorgendes – Bild von der eigenen Geschichte haben, ist hierzulande nicht einmal ausdiskutiert oder überhaupt für jemanden in Wien interessant, ob Österreich knapp mehr als tausend Jahre alt ist oder weniger als hundert. 996 oder 1918?
Im Grund agieren alle so, als ob das eh völlig wurscht sei. Die SPÖ versucht lediglich, aus den sieben NS-Jahren sich nachträglich ein heroisches Selbstbildnis zu fingieren; an einer intensiven Aufarbeitung der kommunistischen Bedrohung hat sie hingegen schon aus ideologischer Nähe kein sonderliches Interesse. Die Wiener Zeitgeschichts-„Experten“ unterstützen die SPÖ dabei pflichteifrig; und zwar seit die Universität von der jetzt verstorbenen Erika Weinzierl auf strammen Linkskurs gebracht worden war. Die bürgerlichen Parteien wissen gar nicht, was Zeitgeschichte ist. Und im ORF-Radio Ö1 wird der Kommunismus immer öfter sogar verherrlicht.
Dabei sind für alle heute lebenden Österreicher die 44 Jahre zwischen 1945 und 1989 schon auf Grund der zeitlichen Nähe viel wichtiger als alle Epochen davor. Der Kommunismus und der russische Imperialismus waren in dieser Zeit die weitaus größte Bedrohung für Österreichs Freiheit und Unabhängigkeit. Und die vielen Leichen an der österreichischen Grenze ein bedrückendes Fanal dieses totalitären Reichs der Unfreiheit.
Es war eine Epoche imminenter Kriegsgefahr. Ein ehemaliger DDR-Offizier hat dieser Tage bei einem Hintergrundgespräch erschreckend klargemacht: Sowohl im Westen wie im Osten war man jahrzehntelang absolut sicher, dass jeder Krieg binnen zwei oder drei Tagen atomar wird. Jede Seite hatte den Einsatz von Atomwaffen voll einkalkuliert.
Woran ist dieses auch für uns so bedrohliche Reich des Bösen letztlich gescheitert? Gewiss könnte man da viele Bände einer detaillierten Aufarbeitung verfassen. Und sollte es als eifriger Historiker wohl auch.
Vieles, was da anekdotisch und in der Momentperspektive wichtig gewesen ist, wird im Gesamtblick nämlich total relativ. Der Osten ist nicht primär deshalb kollabiert, weil ein DDR-Bonze bei einer Pressekonferenz stotternd den Eindruck einer sofortigen Mauer-Öffnung vermittelt hat. Das gleiche gilt für das Paneuropa-Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze. Das gleiche gilt für die Europäische Sicherheitskonferenz KSZE/OSZE. All das – und viele andere historische Episoden – spielte eine interessante Rolle, aber niemals die Hauptrolle.
Das Allerwichtigste war zweifellos die innere Implosion der sozialistischen Planwirtschaft. Während die Tschechoslowakei vor und nach dem Weltkrieg weit besser dastand als Österreich, hat seither die Kommandowirtschaft nicht nur dieses Land, sondern auch alle kommunistischen Länder in einen steilen Abstieg gestürzt. Die Machthaber hatten geglaubt, dass ihre Anordnungen und Pläne ernsthaft die Eigenverantwortung und -initiative aller anderen Menschen substituieren können. Das ist nur noch absurd. Das führte dazu, dass sie am Schluss nicht einmal mehr die Versorgung mit Klopapier sicherstellen konnten.
Die sowjetisch beherrschte Welt war ein einziges Reich der Lüge und Terror verbreitenden Kontrolle. Der anfangs zumindest bei Salonintellektuellen gegebene Glaube an das Funktionieren des Kommunismus war am Schluss bei niemandem mehr da.
Da die Regimes immer weniger Bedürfnisse befriedigen konnten, da der Schrei der Menschen nach Freiheit, aber auch nach dem in den liberalen Marktwirtschaften immer größer gewordenen Wohlstand nicht mehr zu überhören war, da mutige Dissidenten immer intensiver und zahlreicher wurden, blieb am Schluss nur noch eine einzige Alternative. Entweder ein totaler Krieg nach dem Motto „Wenn wir schon untergehen müssen, dann soll auch die restliche Welt mit uns untergehen“. Oder eine möglichst gesichtswahrende Kapitulation.
Denn wie in der Vergangenheit neue Aufstände – Berlin 1953, Budapest 1956, Prag 1968 oder Warschau 1980 – immer mit der Übermacht der sowjetischen Panzer zu ersticken, war keine mögliche Strategie mehr. Der Afghanistankrieg hat gezeigt, dass die sowjetische Armee verwundbar, innerlich total hohl war. Rauschgift, Alkohol, Ideologiewahn haben jede Spur der Weltkriegsarmee verschüttet. Gleichzeitig haben die USA unter Ronald Reagan die Sowjetunion militärisch immer mehr zweitrangig gemacht (man denke etwa an das Star-War-Konzept).
Aus all dem hat Michail Gorbatschow die richtigen Konsequenzen gezogen. Zwar glaubte er noch eine Zeitlang recht naiv, die Sowjetunion mit Kämpfen gegen Alkohol und für eine Umgestaltung noch retten zu können. Aber gleichzeitig war sein wohl größtes Verdienst, den Osteuropäern vermittelt zu haben, dass Moskau nicht mehr zur Rettung der dortigen Machthaber ausrollen werde. Er wollte keinen Krieg. Und bleibt damit ein Held der Weltgeschichte.
Weiterlesen auf: anderas-unterberger.at
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