Warum sind _die Grünen_ so stark_
Warum sind _die Grünen_ so stark_
Datum: 23.01.2011, 17:30
Immer mehr Menschen wählen „die Grünen“. In manchen Umfragen ist von 20 Prozent die Rede. Der Trend hält seit Jahren an. Alle relevanten Parteien haben die Vorstellungen der Grünen weitgehend übernommen. Eine grüne Minderheit in Brüssel bestimmt den Wertekanon aller Europäer und noch vieles mehr.
Warum ist das so? An den Themen „Umweltschutz“ und „Kernenergie“ kann es nicht liegen. Auch andere Parteien schenken diesen Themen seit Jahren sehr viel Aufmerksamkeit. Meine These lautet: Die Grünen haben den Zeitgeist erkannt und nutzen ihn geschickt aus. Der Zeitgeist heißt: INDIVIDUALISMUS. Dabei handelt es sich um eine besondere Form des Individualismus, die seit über einem Jahrhundert immer mehr an Bedeutung gewinnt: Der Einzelne erscheint als das Zentrum der Welt. Alles kreist um das eigene Ich. Der Einzelne orientiert sich nicht an den Maßstäben einer universellen, allen Menschen gemeinsamen Vernunft, wie es in der Zeit der Aufklärung üblich war, sondern an dem eigenen Ich, an den eigenen Erlebnissen, Erfahrungen und Stimmungen. Die optimale Befriedigung der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Neigungen ist das höchste Ziel des Menschen, das Streben nach Selbstverwirklichung ist die herrschende Orientierung. Manche sprechen hier von dem „hedonistischen Individualismus“. Ich bevorzuge den Begriff „Selbstverwirklichungsindividualismus“. Die Grünen predigen diese Ideologie am lautesten. Sie leben diese Ideologie.
Der Selbstverwirklichungsindividualismus herrscht in allen Bereichen unseres Lebens. Man kann sich ihm nicht entziehen. Im Bereich des Konsums wird auf die individuelle Prägung von Produkten geachtet. Ein Konsumprodukt soll Ausdruck individueller Besonderheit und Unverwechselbarkeit sei; er wird zum Träger individueller Wünsche, Vorlieben und Neigungen. In der Berufswelt gewinnt das Streben nach individueller Selbstverwirklichung immer mehr an Bedeutung. Man arbeitet in erster Linie nicht, um viel Geld zu verdienen, vielmehr arbeitet man und verdient Geld, um sich selbst zu verwirklichen. Soziale Beziehungen sollen dem individuellen Wachstum und Wohlbefinden dienen, dem Einzelnen Nutzen und Vorteile bringen, kurz: seine Selbstverwirklichung fördern.
Andere Bereiche wie Wirtschaft, Bildung, Kommunikation, Medien, Recht und Politik sind von dem Prozess der Individualisierung wie von einem „Weltgeist in der Geschichte“ erfasst. Auch die Religion blieb von ihm nicht verschont. Immer mehr Menschen wenden sich von den institutionalisierten Formen der Religion, von den Kirchen, ab – ein Trend, der seit vielen Jahrzehnten anhält und offensichtlich nicht zu stoppen ist. Kirchliche Dogmen und Lehrsätze werden zunehmend durch individuelle Vorstellungen ersetzt. Der religiöse Individualismus unserer Zeit drückt sich in dem Satz aus:“Ich habe meine eigenen Vorstellungen von Gott“. Gott wird in die Sphäre der inneren Erfahrung verlegt. Er wird zu einem Teil des Individuums, zu einem Teil seines Selbst. Religiosität wird auf die individuelle religiöse Erfahrung eingeschränkt. Man spricht hier jedoch immer seltener von Religiosität als vielmehr von Spiritualität.
Zurück zu den Grünen. Auch Menschen, die sich nicht als „grün“ verstehen, folgen – oft unbewusst – diesem grünen Zeitgeist. Irgendwie sind wir alle „grün“. Kritisiert man diesen Zeitgeist, so wird man als ewiggestrig, rechts, konservativ, eben als nicht progressiv bezeichnet. Das sind in der heutigen Zeit Totschlagargumente. Die Konservativen selbst können diesem Zeitgeist nur ältere Konzepte (Religion, Famillie); also nichts Neues entgegensetzen. Darin besteht seit über einem Jahrhundert die Krise der Konservativen. Oder sie übernehmen – wie anfangs erwähnt wurde – die Konzepte der Grünen. Bleibt uns denn nichts anderes übrig, als „den Grünen“ zu folgen und sie zu wählen?
Literatur: Alexander Ulfig, Die Überwindung des Individualismus, 2003.
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