Joseph Roth über Deutschland und den ukrainischen Nationalismus

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Joseph Roth über Deutschland und den ukrainischen Nationalismus
Datum: 03.07.2022, 13:26

Es gibt Kontinuitäten in Geschichte und Politik. Sie nehmen je nach politischer Lage unterschiedliche Formen an. Sie bestehen unabhängig von dem sich ändernden politischen System. Wer das nicht erkennt, ist blind und kann die Gegenwart nicht verstehen. Beispielsweise war es kein Zufall, dass die Bundesrepublik Deutschland im Jugoslawienkrieg als erster Staat die Unabhängigkeit Kroatiens anerkannte und diesen Staat ohne wenn und aber unterstützte.

Auch die Unterstützung des „ukrainischen Nationalgedankens“ ist seit 100 Jahren ein fester Bestandteil der deutschen Außenpolitik. Kein anderer als der deutschsprachige Journalist und Schriftsteller Joseph Roth erkannte den prägenden Beitrag Deutschlands zur Entstehung des ukrainischen Nationalismus.

Kurz zur Person von Joseph Roth: Er wurde 1894 in Brody (damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine) in einer jüdischen Familie geboren. Er gehört zu den bedeutendsten Journalisten und Schriftstellern deutscher Sprache. Seinen Roman „Radetzkymarsch“ (1932) zählte Marcel Reich-Ranicki zum Kanon der deutschen Literatur. Roth arbeitete als Journalist in Wien, Berlin, nach der Emigration in Paris und unternahm zahlreiche Reisen nach Polen, in seine ukrainische Heimat und nach Russland. In dem 1939 erschienenen Artikel „Der ukrainische Nationalismus – ein deutsches Patent“ schreibt er:

„Den Anstoß zum Erwachen des ukrainischen Nationalgedankens gaben immer die Deutschen; die Deutschen Österreichs und die Deutschen aus dem Reich. Ich weiß von meiner Tätigkeit als zeitweiliger Berichterstatter aus Polen und Rußland her, daß die Wilhelmstraße die ukrainischen Separatisten in Polen mit Waffen, Geld und Propaganda ebenso unterstützt hat wie das Ministerium Tschitscherins. Es ist nicht anzunehmen, daß Deutschland, auch in seiner Form als »Drittes Reich«, die Beziehungen zu den polnischen Ukrainern abgebrochen hat: Beziehungen, die zu einer bereits sehr würdigen Tradition deutscher Außenpolitik geworden sind: trotz der zeitweiligen und problematischen Freundschaft zwischen Beck und Neurath-Ribbentrop. Auch heute, wie zu Zeiten »Schwarzer Reichswehr«-Politik, gehen deutsche Waffen und Gelder nach Lemberg. Und während Göring den Polnischen Eber schießt, geht eine ganz andere Munition deutschen Ursprungs an die Herren, die Lewicki, Gargasch und Kanink und noch anders heißen.“ (Joseph Roth, Werke 3, Das journalistische Werk, 1929-1939, Frankfurt am Main 1989, Seite 874 f.)

Roth starb am 27. Mai 1939 und erlebte nicht mehr die vom ihm vorhergesehene Förderung des ukrainischen Nationalismus durch das 3. Reich, die zur Ausrottung von Minderheiten (Wolhynien), Beteiligung am Holocaust und zur offenen militärische Unterstützung des 3. Reichs (SS-Galizien) führte. Der ukrainische Nationalistenführer Stephan Bandera, der von dem ukrainischen Botschafter in Berlin Andrij Melnyk von jeglicher Schuld an den Verbrechen freigesprochen und von deutschen Leitmedien verharmlosend als „Partisanenführer“ bezeichnet wird, spielte dabei eine unrühmliche Rolle.

In der gegenwärtigen deutschen Ukraine-Politik fehlen die notwendigen Differenzierungen, die der historischen Entwicklung Rechnung tragen würden. Die Unterstützung der Ukraine durch die deutsche herrschende Klasse ist unkritisch. Sie ist bedingungslos. Das gilt vor allem für die Grünen. Dabei wird die Frage nach den ökonomischen und geopolitischen Interessen Deutschlands in der Ukraine gar nicht thematisiert. Der deutsche Expansionismus, in erster Linie der Wirtschaftsexpansionismus, den der linke Sozialpsychologe Erich Fromm bereits in den 60er Jahren diagnostizierte, lebt weiter und kennzeichnet die deutsche Politik nach dem Zweiten Weltkrieg. Er entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Deckmantel der EU, besser: der Deutsch-EU, sowie im Schulterschluss mit den USA und erhielt einen Schub nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und im Rahmen der EU-Osterweiterung. Auch die Unterstützung der Ukraine, sowohl die ökonomische als auch die militärische, die schon lange vor dem russisch-ukrainischen Krieg einsetzte, sollte in diesem Kontext gesehen werden. Das Paradoxe besteht darin, dass es heutzutage die Grünen sind, die den deutschen Expansionismus am stärksten forcieren und somit für die Kontinuität der deutschen Ostpolitik sorgen.

Neues Buch von Alexander Ulfig, Das bedrohte Vermächtnis der europäischen Aufklärung. Wege aus der gegenwärtigen Krise, Baden-Baden 2022 (2. Auflage).

Video zum Buch: 

https://www.youtube.com/watch?v=TgyZaX_ccNs&t=341s

Sven von Storch

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