Ist Familie mit Selbstverwirklichung vereinbar_
Ist Familie mit Selbstverwirklichung vereinbar_
Datum: 04.08.2009, 14:18
Seit Jahrzehnten nimmt die Zahl der Geburten in Deutschland ab. Die Familienpolitik glaubt, dieses Problem mit finanziellen Mitteln lösen zu können: mehr Kindergeld, finanzielle Vergünstigungen für Familien, mehr Kinderkrippen usw. Sie reflektiert nicht auf tiefere Ursachen der Kinderlosigkeit, die in den Lebensgewohnheiten der Menschen liegen. Viele sind nämlich mit sich selbst, mit ihrer Selbstverwirklichung, so stark beschäftigt, dass für sie Kinder und Familie gar nicht in Frage kommen.
Dabei meint Selbstverwirklichung ursprünglich etwas Positives: die Entfaltung der dem Menschen innewohnenden Kräfte. Auch die Philosophie der Aufklärung fordert: Der Mensch soll sich von allem, was ihn behindert, befreien, selbständig (autonom) werden und alle seine Potenziale optimal entfalten. Mit der Zeit wurde Selbstverwirklichung jedoch zur Selbstbespiegelung und zur Egozentrik.
Das wichtigste Merkmal dieser egozentrischen Selbstverwirklichung ist die Innenorientierung: Der einzelne Mensch bezieht alles auf sich selbst. Seine inneren Zustände, d.h. seine Bedürfnisse, Wünsche, Gefühle, Stimmungen und Befindlichkeiten, stehen im Zentrum der Welt. Folgen dieser Innenorientierung sind: Egoismus und Narzissmus, ferner Vereinzelung und Vereinsamung sowie Mangel an sozialem Engagement und Kinderlosigkeit. Das Haben und Erziehen von Kindern wird von Vielen als eine Einschränkung ihrer Freiheit und eine Behinderung der Selbstverwirklichung aufgefasst.
In "Die Überwindung des Individualismus" habe ich einen Ausweg aus der Sackgasse der Innenorientierung vorgeschlagen. Ich plädiere dort für eine andere, nach außen gerichtete, nicht-egozentierte Selbstverwirklichung. Der Mensch kann sich nur über die Hingabe an Ziele und Aufgaben in der Außenwelt selbst verwirklichen. Auch der Wiener Psychologe Viktor Frankl hebt hervor: Der Zweck des menschlichen Lebens liegt in der Hingabe an eine Sache, eine Aufgabe oder im Engagement für andere Menschen.
Das Haben und Erziehen von Kindern erscheint als eine ausgezeichnete Form dieser nach außen gerichteten Selbstverwirklichung. Viele Erfahrungen zeigen, dass die Erziehung von Kindern überwiegend positive Auswirkungen auf die Eltern, also auf ihre Selbstverwirklichung, hat. Man bezeichnet sie als Elternrückwirkungen. Zu ihnen zählen: Stärkung des Verantwortungsgefühls, Förderung des Einfühlungsvermögens und Wachstum der sozialen Kompetenz.
Das In-die-Welt-setzen von Kindern hat für die Eltern eine sozusagen metaphysische Bedeutung: Sie nehmen an etwas Größerem teil; sie tragen zum Erhalt der Spezies „Mensch“ bei. Eine herausragende Rolle spielt in der Eltern-Kind-Beziehung die emotionale Ebene. Eltern beschreiben die Auswirkungen dieser Beziehung als „Freude“, „Erfüllung“ und „Glück“. Für die meisten Eltern stellt diese Beziehung eine wichtige Kraftquelle und ein Gegengewicht zu den oft als belastend empfundenen Problemen des Berufslebens dar.
Um das Problem der Kinderlosigkeit zu lösen, brauchen wir einen Mentalitätswandel. Menschen sollten sich dessen bewusst werden, dass das Haben und Erziehen von Kindern ihre Selbstverwirklichung nicht behindert, sondern fördert.
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