Die Linken und die Religion

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Die Linken und die Religion
Datum: 09.01.2010, 08:46

 

Die Linken standen früher an vorderster Front im Kampf gegen die Religion. Sie haben den modernen Atheismus erfunden und setzten sich auch politisch mit allem Nachdruck für die Beseitigung der Religion ein. Karl Marx schreibt am Anfang seines berühmten Buches „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“. Für Marx ist Gott ein Produkt der menschlichen Phantasie. Die Religion als „Opium des Volkes“ lenkt die Menschen von ihren eigentlichen Problemen ab. Mit ihrer Hilfe wird das Volk von der herrschenden Klasse unterdrückt. Ein Ziel des Kommunismus ist daher die Abschaffung der Religion.

 

Die Linken nach Marx folgten diesem radikal atheistischen und antireligiösen Standpunkt. Die orthodoxen Marxisten versuchten in den von ihnen errichteten kommunistischen Diktaturen, die Religion mit allen Mitteln auszumerzen. Die Neomarxisten der 68er Bewegung bekämpften das Christentum und die katholische Kirche, indem sie die sexuelle Revolution in Gang setzten, sich für das Recht auf Abtreibung und gegen den Religionsunterricht aussprachen. Die 68er Bewegung war eine antiautoritäre Bewegung. Sie lehnte jegliche Autorität, sei es familiärer, erzieherischer, staatlicher, intellektueller oder religiöser Art ab.

 

Ich kann mich daran erinnern, dass noch in den 80er Jahren (in meiner Studienzeit) die Mitglieder der Katholischen Studentengemeinde von linksgerichteten Studenten gar nicht ernst genommen, oft wegen ihres Glaubens ausgelacht wurden. Nebenbei bemerkt: Studenten aus dem islamischen Kulturkreis, die ich damals kennen gelernt habe, waren ausnahmslos links. Es waren Marxisten, Kommunisten und Sozialisten, die völlig areligiös waren. Sie kamen meist aus der Türkei, dem Iran und Palästina.

 

Alles änderte sich mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und mit der in den 90er Jahren einsetzenden sog. „Wiederkehr des Religiösen“, insbesondere dem Erstarken des Islam. Die Linken (dazu zähle ich die Partei Die Linke, die linksalternativen Grünen und die Linken in der SPD) änderten ihre Strategie. Sie zeigen nun nicht nur Verständnis für Gläubige, sondern solidarisieren sich mit ihnen. Allerdings betrifft es nicht die Christen, sondern nur die Muslime.

 

Die Linken sympathisieren mit dem Islam, also mit einer Religion, die wesentlich mehr als das (heutige) Christentum deren Welt- und Lebensauffassungen widerspricht. Die Kritik, die von linker Seite seit der Aufklärung gegenüber dem Christentum vorgetragen wurde, wird gegenüber dem Islam gar nicht geäußert. Die einzige Ausnahme stellt die Kritik von linken Feministinnen, wie Alice Schwarzer, dar. Doch sie kritisieren den Islam nicht aus atheistischer, sondern aus frauenrechtlicher Perspektive.

 

Betrachtet man das Verhältnis der Linken zu Muslimen, muss man zwischen dem gebotenen Einsatz für die Rechte von Minderheiten und dem Eintreten für die eigenen atheistischen Überzeugungen unterscheiden. Doch von dem Letzteren hören wir von linker Seite gar nichts mehr.

 

In dem Streit um das Minarett-Verbot in der Schweiz zeigten sich linke Politiker und Publizisten empört über die Entscheidung der Schweizer. Das klingt widersprüchlich und ist heuchlerisch, denn von ihrem atheistischen und antireligiösen Standpunkt aus müssten sie sich gegen den Bau jeglicher Gotteshäuser aussprechen. Es fällt ihnen offenbar nicht schwer, ihre tiefsten Überzeugungen zu verstecken, solange es ihrer politischen Strategie nützt.

Für Oskar Lafontaine gibt es sogar „Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion“. Sie bestehen in der Hervorhebung der Gemeinschaft, in der Verpflichtung zu teilen und im Zinsverbot. Die unüberwindbaren Unterschiede wie die Verneinung der Existenz Gottes und die Ablehnung jeglicher Religion sowie jeglicher religiöser Autorität, aber auch die Befürwortung der Abtreibung, der sexuellen Freizügigkeit und der gleichgeschlechtlichen Ehe durch die Linken werden von ihm verschwiegen.

 

Die Linken sind an einem echten Dialog mit dem Islam gar nicht interessiert. Sie instrumentalisieren den Islam für ihre politischen Ziele. Die von ihnen angestrebte Allianz mit dem Islam soll sich in einer gemeinsamen Front gegen die Politik der USA und Israels sowie in dem gemeinsamen Kampf gegen das Kapital und das verhasste Bürgertum manifestieren. Doch die Aussichten für die Etablierung einer solchen Allianz sind klein, denn nichts ist für die Muslime so fremd wie die gottlosen Linken.

Sven von Storch

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