Die Freiheit zu wählen
Die Freiheit zu wählen
Datum: 25.09.2009, 11:38
Am kommenden Sonntag finden in Deutschland die Bundestagswahlen statt. Bei den letzten Wahlen vor vier Jahren gingen 77, 7 % der Wahlberechtigten zur Urne – so wenig wie noch nie zuvor. Auch diesmal werden viele Bürger der Wahl fernbleiben.
Die Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber der Politik hat viele Ursachen. Einige von ihnen liegen in der Politik selbst. Es sind nicht eingehaltene Wahlversprechen, Inkompetenz der Politiker, Skandale und Gleichheit der Parteien, die die Bürger von einer aktiven Teilnahme am politischen Leben abhalten. Das Wort von der Politikverdrossenheit macht seit geraumer Zeit die Runde.
Doch für das Desinteresse am politischen Geschehen ist auch der individualistische Zeitgeist verantwortlich. Viele Menschen ziehen sich auf sich selbst zurück. Freiheit bedeutet für sie, dass man von Anderen in Ruhe gelassen wird und dass man sich die Lebensvorstellungen der Anderen nicht aufzwingen lässt. Sie wird von ihnen nur als Freiheit von Bindungen und Einschränkungen verstanden. Da verwundert es nicht, dass sie auch der Politik den Rücken kehren.
Der große Psychologe Erich Fromm betont, dass der „Freiheit von“ die „Freiheit zu“ folgen muss. Die Freiheit von bezeichnet eine verneinende Haltung. Sie ist allein nichts wert, weil sie dem Menschen keine positiven Möglichkeiten gibt. Erst die Freiheit zu ermöglicht ihm, solche Möglichkeiten zu entdecken und zu verwirklichen. Der Mensch ist erst dann frei, wenn über beide Arten von Freiheit verfügt.
Sich politisch zu engagieren ist ein wichtiges Zeichen für „Freiheit zu“. Für den griechischen Philosophen Aristoteles ist der Mensch ein „zoon politikon“, ein politisches Wesen. Es gehört zu seiner inneren Bestimmung, politisch zu handeln, auch wenn es von Enttäuschungen, Fehlschlägen und Niederlagen begleitet wird. Die Unzufriedenheit mit politischen Verhältnissen oder mit politischer Klasse kann sogar ein Anlass für vermehrtes politisches Engagement sein.
Auch wenn viele Menschen von den Politikern enttäuscht sind – Enttäuschung ist kein Grund, um sich nicht einzumischen. Bürger sollten nicht darauf warten, dass die Politiker ihre Interessen durchsetzen. Das wichtigste Mittel gegen Politikverdrossenheit ist es, die Haltung der „Freiheit von“ hinter sich zu lassen und sich im Sinne der „Freiheit zu“ mehr in die Politik einzumischen. Dafür geben Wahlen eine gute Gelegenheit.
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