Arnold J. Toynbee - der erste Globalisierer

Veröffentlicht:

Arnold J. Toynbee - der erste Globalisierer
Datum: 30.10.2009, 12:57

 

Als der Oxforder Student der Geschichtswissenschaft Arnold J. Toynbee auf einer Reise durch Kreta die Ausgrabungen aus dem Reich des Minos sowie die Bauten aus der hellenischen und venezianischen Zeit erblickte, hatte er ein tief greifendes Erlebnis. Er dachte über die Vergänglichkeit und die Verbindungen von Kulturen nach. Diese Reflexion begleitete ihn zeit seines Lebens und legte den Grundstein für sein umfassendes universalhistorisches Werk.

Während für seinen deutschen Widerpart Oswald Spengler Kultur gleichsam ein Naturphänomen ist, das in Analogie zum biologischen Organismus begriffen werden kann, ist sie für den Briten Toynbee ein Produkt des menschlichen Handelns, das prinzipiell frei ist. Zwar lassen sich in der geschichtlichen Entwicklung Gesetze finden, doch können sie nur dann wirken, wenn Individuen aus freien Stücken die Initiative übernehmen und das Geschehen bestimmen. Die Handlungen der einzelnen Menschen verbinden sich zu einer gemeinsamen Leistung, die die Entwicklung einer Kultur bestimmt.

In seinem Opus Magnum „Der Gang der Weltgeschichte“, das zwischen 1934 und 1961 entstand, analysierte Toynbee Entstehung, Wachstum und Zerfall von Kulturen. Er verzichtete dabei als einer der ersten Historiker auf die eurozentrische Perspektive und behandelte gleichwertig europäische wie außereuropäische Kulturen.

Nach Toynbees Modell entsteht eine Kultur in einem Wechselspiel von Herausforderungen und Antworten auf diese Herausforderungen. Ihr Wachstum hängt im Wesentlichen von den Aktivitäten einer schöpferischen Elite ab, also davon, ob diese Elite die richtigen Entscheidungen trifft und neue, zukunftsweisende Akzente setzt. Wenn eine solche Elite nichts mehr Neues kreiert, sondern nur noch die bestehende Ordnung aufrecht erhalten möchte, dann beginnt die Kultur zu zerfallen. So waren die antiken Griechen nicht in der Lage, die Stadtstaaten zugunsten eines universalen Staates abzuschaffen, den Römern gelang es nicht, die eindringenden Völker dauerhaft in ihre Kultur zu integrieren.

Wesentliche Bedeutung schreibt Toynbee dem religiösen Aspekt menschlichen Handelns zu: Demnach bringt eine Kultur, die sich in Auflösung befindet, eine neue Religion hervor, aus der sich dann wiederum eine neue Kultur formt. Die neue Religion erscheint somit als ein Verbindungsglied zwischen der alten und der neuen Kultur. So ist aus der griechisch-römischen Kultur das Christentum mit seiner universalen Kirche hervorgegangen.

Toynbee richtete seinen Blick nicht nur auf die Vergangenheit. Er analysierte gleichermaßen zentrale Probleme der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Weltordnung und lieferte damit eine bemerkenswerte Zeitdiagnose. Dabei war er fest davon überzeugt, dass historische Erfahrungen uns wesentlich bei der Lösung der gegenwärtigen Probleme der Menschheit helfen können. Unter Bezug auf seine Beobachtung, dass sich einige Kulturen aufgelöst haben, weil ihre Eliten nicht die notwendigen Veränderungen herbeigeführt hatten, verwies er darauf, dass die Nationalstaaten nicht in der Lage seien, einen dauerhaften Frieden zu gewährleisten, den Reichtum gerecht zu verteilen, den Geburtenüberschuss zu regeln und die Umweltprobleme zu lösen. Nur durch die Einrichtung einer globalen Weltordnung, eines Weltstaates mit einer Weltregierung, könnten diese Herausforderungen bewältigt werden.

Doch Toynbee ist ein christlicher Globalisierer. Für ihn kann Politik ohne Moral und Religion nicht funktionieren. Um die dringenden Probleme der Menschheit zu lösen, ist eine Rückbesinnung auf christliche Werte notwendig. Die westliche Kultur – soll sie nicht untergehen – muss den Individualismus, die Verabsolutierung des Einzelnen, zugunsten einer größeren, universalen Einheit der Menschheit im Glauben an Gott überwinden.

 

Arnold Joseph Toynbee, „Der Gang der Weltgeschichte“, mit einem Vorwort von Alexander Ulfig, Verlag Zweitausendeins 2009, Frankfurt am Main, 7, 99 Euro.

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.