Armut, Flüchtlinge, christliche Nächstenliebe und Prioritäten des Staates
Armut, Flüchtlinge, christliche Nächstenliebe und Prioritäten des Staates
Datum: 25.12.2015, 20:06
Der Staat setzt immer schon Prioritäten. Er bestimmt, welchen Menschen geholfen wird und welchen nicht. Das gilt allerdings nicht nur für den Staat, sondern generell: Wir setzen immer schon Prioritäten. Auch diejenigen, die behaupten, allen Hilfsbedürftigen sollte geholfen werden, setzen Prioritäten, denn sie können faktisch nicht allen Hilfsbedürftigen helfen. Sie helfen nur bestimmten Hilfsbedürftigen oder einer bestimmten Gruppe von Hilfsbedürftigen. Andere Hilfsbedürftige oder andere Gruppen von Hilfsbedürftigen schließen sie bei ihrer Hilfeleistung aus.
Es gibt sehr viel Armut in Deutschland. In meiner Stadt Frankfurt am Main sehe ich von Jahr zu Jahr immer mehr Obdachlose und Bettler (übrigens in überwältigender Mehrheit Männer), immer mehr deklassierte, arme, verwahrloste, alkohol- und drogenabhängige sowie psychisch gestörte Menschen (übrigens in überwältigender Mehrheit junge Männer). Viele von ihnen finden eine Bleibe in den U-Bahnen der Stadt.
Über die Kriminalität in Frankfurt, die zum größten Teil eine Folge der sozialen Verhältnisse ist, möchte ich an dieser Stelle lieber gar nichts schreiben.
Jedes Mal wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich an fast jeder Ecke die Flaschensammler. Darunter sehr viele ältere Menschen, Rentner, deren Rente dafür nicht ausreicht, den Lebensunterhalt zu finanzieren. Manchmal spreche ich diese Menschen an und frage sie nach ihrer Lebenssituation. In vielen Fällen reicht die Rente dafür nicht aus, die notwendigen Medikamente zu bezahlen.
Untersuchungen belegen, dass immer mehr Menschen in Deutschland unter dem Existenzminimum leben, dass es immer mehr Kinder- und Altersarmut gibt. Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer. Es gibt immer mehr soziale Missstände und Ungerechtigkeiten. Es fehlt hier der Platz dafür, alle (sozialen) Missstände, die es in Deutschland gibt, aufzuzählen.
Angesichts dieser katastrophalen Situation stellt sich die Frage:
Sollte der Staat nicht zuerst den oben genannten Menschen helfen, die oben genannten Missstände beseitigen und erst dann – wenn Ressourcen noch vorhanden sind – Flüchtlinge aufnehmen und ihnen helfen?
Oft wird im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise an das Gewissen von Christen und von allen durch unsere christliche Zivilisation geprägten Menschen appelliert: Es ist die Pflicht der Christen, anderen Menschen, dem Nächsten zu helfen. Ich bin nicht gläubig und auch kein Mitglied einer Kirche, besitze aber basale Kenntnisse der christlichen (katholischen) Soziallehre.
Ein Christ soll seinem Nächsten helfen. Das bedeutet, dass er zuerst den Menschen aus seinem unmittelbaren Umfeld helfen sollte. Beispiel: Eltern sind dazu aufgerufen, zuerst für ihre eigenen Kinder zu sorgen. Erst wenn sie für ihre eigenen Kinder gesorgt haben, könnten sie – wenn Zeit und Ressourcen noch vorhanden sind – fremden Kindern helfen.
Christen sind demnach dazu aufgerufen, zuerst den Menschen aus ihrem unmittelbaren Umfeld zu helfen. Erst nachdem sie diese Pflicht getan haben, könnten sie – wenn Wille, Zeit und Ressourcen vorhanden sind – Menschen helfen, die nicht zu ihrem unmittelbaren Umfeld gehören.
Die Aufgabe des Staates ist es, Prioritäten zu setzen. Er setzt wie alle anderen sozialen Akteure immer schon Prioritäten. Doch welche Prioritäten sollte er angesichts der Armut, der sozialen Missstände und der Ungerechtigkeiten in Deutschland auf der einen und der Flüchtlingskrise auf der anderen Seite setzen?
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