Denk ich an Böhmermann. - Kein Schmähgedicht
Denk ich an Böhmermann. - Kein Schmähgedicht
Datum: 29.04.2016, 10:01
Herr Dr. Wunsch: Vor einigen Tagen haben wir von Ihnen in der Freien Welt einen kritischen Text zum Böhmermann-Eklat unter der Überschrift: Wort-Durchfall für den Lokus? Meinungs-Freiheit per Satire oder Verbal-Terrorismus? veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass Sie neben diesem Blogbeitrag auch einen Text in Reimform verfassten?
AW: Als Hochschullehrer für Konflikt-Management, Kommunikations-Theorien, Sozialpsychologie und Ethik-Seminare stehe ich ständig im Kontakt mit jungen Menschen. Die Diskussionen zu den TV-Äußerungen des Jan Böhmermann boten sich somit innerhalb meiner Lehrveranstaltungen als Praxisbezug gerade an. Dabei ging es nicht nur um die als Satire gemeinten Äußerungen Böhmermanns, sondern auch um die Art und Richtung der öffentlichen Reaktionen in den Medien. Ein erstes Fazit war, dass die meisten Studierenden folgende Auffassungen vertraten: ‚Hier geht es um die freie Meinungsäußerung’, ‚Satire darf alles’, ‚im Gegensatz zur Türkei existiert bei uns die Pressefreiheit’, ‚der Erdogan ist in seinem Land ein Despot, der soll sich nicht so haben’, ‚auf einen Paragraphen von vor 150 Jahren soll man keine Entscheidung treffen’, ‚was ist denn an den Äußerungen im Gedicht so schlimm’?
FW: Und was haben diese Einschätzungen bzw. Reaktionen bei Ihnen ausgelöst?
A.W.: Die Unbekümmertheit der Verwendung von Begriffen wie Presse- und Meinungsfreiheit, das Satireverständnis sowie die recht gering ausgeprägte Fähigkeit, den eigenen Standpunkt kritisch anzufragen, machten mich recht nachdenklich. Die von mir eingebrachten Aspekte wie: Echte Kritik bedient sich nicht einer sich selbst diskreditierenden Gossen-Sprache, Satire und Meinungsfreiheit darf nie gegen die Würde eines Menschen verstoßen, auch wenn jemand etwas Verbotenes vorher als ‚künstlerische Aktion’ ankündigt legalisiert dieser Hinweis nicht denn Vorgang, schienen eher als Botschaft von einem fernen Stern im Raum zu stehen. Meine Frage, wer denn Artikel 5 des Grundgesetzes oder den Paragraphen 103 StGB mal gelesen habe, um die es hier ja faktische gehe, löste eine verdichtete Blick-Leere aus.
FW: Machte sie dies eher sprachlos oder wütend? Schließlich sollten Studierende – aber alle anderen Menschen auch – ein Minimum an Ahnung und Fakten-Wissen haben, bevor sie sich engagiert in eine Diskussion einbringen? A.W.: Solche Situationen betrachte ich als Herausforderung, Sprachlosigkeit ist nicht mein Ding. Und weshalb sollte ich auf diese Äußerungen mit Wut reagieren? Junge Menschen können doch nur das Widerspiegeln, was Andere in sie hineingelegt haben. Also stand faires Diskutieren und Argumentieren an. So gaben letztlich die vielen Studierenden mit ihren sachlich meist inakzeptablen Äußerungen den Ausschlag dafür, das – neben dem schon veröffentlichen Blog-Beitrag – auch dieser ‚Anti-Schmäh-Text’ entstanden ist. FW: Und was führte ganz speziell zum in Reimform verfassten Text?
A.W.: Sich umfangreicher inhaltlich mit Themen auseinander zu setzten, welche sich in der öffentlichen Diskussion befinden und dabei Fakten und Meinungen sauber zu trennen, scheint auch bei Studierenden nicht besondern hoch im Kurs zu stehen. Häufig wird Meinungen eine höhere Priorität als Fakten oder rechtlichen Grundlagen eingeräumt. Dies veranlasste mich, als Reaktion auf ein ‚Schmähgedicht’ – besonders im Hinblick auf jüngere Menschen - ein ‚kein Schmähgedicht’ zu verfassen. Die Reimform ist - so viele Jugendliche - leichter lesbar. Beide Texte führten auf jeden Fall in den jeweiligen Lehrveranstaltungen zu einem achtsameren bzw. differenzierteren Umgang mit Sprachstil, Meinungen, Fakten und rechtlichen Vorgaben.
Denk ich an Böhmermann. - Kein Schmähgedicht
In den Medien wollte er groß raus, der smart sich gebende Böhmermann,
nun holen ihn die Konsequenzen ein, er taucht ab und scheint nun arm dran.
Die Politik des Staatspräsidenten der Türkei war sein Agitations-Ziel,
was trotz manch lautstarkem Jubel-Gejohle Vielen gar nicht gefiel.
Hatte er doch mit soviel Mühe in der Kloake nach Worten gefischt
und diese dann per TV dem türkischen Staatspräsidenten aufgetischt.
Nur der hat leider die ‚hohe Kunst dieser Satire’ nicht erkannt,
hat sich kräftig geärgert und ist mit viel Wut dagegen angerannt.
Jan B. hat’s ihm aber nicht offen von ‚Mann zu Mann’ ins Gesicht gesagt,
sich in der Ferne hintern ’nem Sender zu verschanzen ist nicht so gewagt.
Die Kritikliste zum Agieren des türkischen Präsidenten ist fast nicht zu toppen,
Satire soll Missliches auf- und nicht Menschen angreifen, sonst ist sie zu stoppen.
Das wäre ’ne echte Herausforderung für alle mit wachem politischen Verstand,
wird die Kritik exakt benannt und gut formuliert, versickert sie auch nicht im Sand.
‚Satire darf alles’, so die Devise der Spezialisten für ’ne immer höhere Quote,
es geht um Achtung von Werten und Menschwürde, manchmal gibt’s sonst gar Tote.
Der Kampf um die Freiheit des Denkens hat gekostet manches Blut,
aber für kräftig kontaminierten Wort-Durchfall ist ein Lokus nur gut.
Die Böhmermannsche Agitation: - Logik und Wirkung sind nicht erst zu studieren,
Zweifler können seine Wortwahl ja beim Chef oder ‚nem Polizisten mal ausprobieren.
Nun sollen Richter Böhmermanns Text auf Meinungs-Gehalte durchsuchen,
sie werden bei einer ‚Wort-Wirk-Analyse’ bald kommen kräftig ins Fluchen.
Sie denken an Erziehungs-Konflikte mit Söhnen und Töchtern in der Pubertät,
wie alt ist der Böhmermann, kommt bei ihm das rüde Aufbegehren Jahre zu spät?
Vor seinem Gedicht noch machte deutlich er, ‚was ich nun tu, darf niemand sagen’,
die Richter sind ratlos, kalkulierter Tabubruch, - wen sollen um Rat wir fragen?
Psychologen sind Spezialisten im Umgang ’ner Entscheidung von irrem Sinn,
also warten sie ob des Medien-Rummels in Ruhe auf diese Fach-Expertise hin.
Schließt sich das Gericht nach vielem Abwägen der Empfehlung des Spezialisten an,
gäb’s vielleicht: ‚Fünf Jahre Psychotherapie in der Türkei’, Herr Jan Böhmermann?
Da könnt er dann mit einem ‚Kaiser von China’ über Nicht-Sagbares fabulieren,
den Staatspräsidenten der Türkei würd’ dies dann nicht mehr interessieren.
Im deftigen Austeilen sind viele der Ober-Satiriker und Meinungs-Macher famos,
Konsequenz und Kritik wird gezielt ignoriert, regt euch nicht auf, was soll das bloß?
Sprachgewaltig unter der Gürtellinie ausgeteilt hat auch Jan Böhmermann,
ob er wohl auch mit Intelligenz und Selbstkritik vergleichbar einstecken kann?
In Freiheit sich äußern und Missliches anprangen können ist ein hohes Gut,
aus Verantwortung etwas nicht oder angemessener zu Tun, erfordert wahrhaftig Mut.
Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17
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