»48 Stunden vor der Wahl«
»48 Stunden vor der Wahl«
Datum: 23.09.2021, 10:19
Guten Tag Luisa Neubauer,
heute erhielt ich innerhalb einer campact-Mail-Aktion einen Brief von Ihnen. Sie berichteten dort auch von Ihrem Engagement für eine konsequentere Klimapolitik. Dies ist äußerst erfreulich, besonders weil sich zu viele Menschen recht wenig um gesellschaftliche Probleme im Allgemeinen bzw. speziell um eine nachhaltigere Lebensweise kümmern. Und seit 143 Wochen jeden Freitag für das Klima, zu Fuß, auf dem Fahrrad, im Netz zu streiken, ist schon eine starke Leistung. Da ich über 40 Jahre mit jungen Menschen zusammen gearbeitet habe, welche sich ehrenamtlich im Bereich der Jugendarbeit in unserer Gesellschaft engagierten, weiß ich Ihr Tun besonders zu schätzen.
Zum Umgang mit Ökostrom-Ausfälle durch düstere und windstille Zeiten
Zeitgleich meldete das statistische Bundesamt: ‚Kohle wichtigster Energieträger im ersten Halbjahr 2021, windarmes Frühjahr führte zu 21 % weniger Strom aus Windkraft, 56 % stammten aus konventionellen Quellen’. Diese Nachricht müsse eigentlich auch ‚’tief-grüne Menschen’ in die Nachdenklichkeit führen und die lautstark und oft rüde vorgetragenen Forderungen nach einem sofortigen Ausstieg aus der fossilen Stromgewinnung im Hals zum stoppen bringen. Denn sehr viele vorgebliche Öko- bzw. Klima-Aktivsten fände es sicher gar nicht toll, wenn in windstillen und düsteren Zeiten die warme Dusche ausfiel, die Kochplatte kalt bliebe, die Heizung funktionslos würde, Wohnräume mit Kerzenlicht vorlieb nehmen müssten und die digitalen Medien verstummten. Die Frage, wie oft in wind- und sonnenarmen Zeiten – ganz still und unbemerkt – auf überalterte belgische oder französische Atom-Kraft-Werke umgeschaltet wird, um solch ‚ungemütliche Zeiten’ zu vermeiden, wird meist brüskierend ignoriert oder schroff als Polemik abgewiesen. Als Fazit dieser Fakten müsste auf jeden Fall eine konstruktivere Diskussion und ein achtsamerer Umgang mit anderen Positionen und Personen erreicht werden, um die gewaltigen Aufgaben auf dem Weg in eine nachhaltigere, das heißt soziale, ökonomische und ökologische Zukunft zeitnah zu meistern.
Wenn das kreierte Wording mitten in eine Leer-Satz-Problemzone führt
Um jedoch diesen verantwortungsbewussteren Umgang mit der uns anvertrauten Welt und eine gerechtere Verteilung der verfügbaren jährlichen Ressourcen zu erreichen, sollten die verwendeten Begriffe und etliche lautstark proklamierte Ziel oder Maßnahmen einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. Das fängt mit der Unschärfe bzw. Untauglichkeit des Klima-Schutz-Begriffs an. Denn nach dem Verständnis der Forschung beschreibt dieser Begriff ‚die Ausprägung und Häufigkeit bestimmter atmosphärischer Zustände und Vorgänge’. Der Duden definiert Klima als einen „für ein bestimmtes geografisches Gebiet typischer jährlicher Ablauf der Witterung.“ Demnach ist der Klima-Begriff eine sehr dynamische Beschreibung von immer anderen Wetter-Zuständen. Was da geschützt werden soll, entzieht sich logischem Denken.
Erst das Erfassen von charakteristischen Klima-Merkmalen in regelmäßigen Zeitabständen schafft die Basis dafür, bestimmte Phänomene in einer spezifischen Region im Vergleich von Jahrzehnten oder Jahrhunderten zu betrachten. Werden dabei starke Abweichungen von bisherigen Aufzeichnungen über einen längeren Zeitpunkt deutlich, kann dieser Trend mit dem Doppel-Begriff ‚Klima-Wandel’ beschrieben werden. So wurde die Entdeckung der ‚Kleinen Eiszeit’ zum Beginn der Neuzeit nur dadurch möglich, dass über viele Jahre erhobene Messdaten dafür sprachen, dass sich die Durchschnitts-Temperatur im Vergleich zur vorherigen Epoche deutlich reduziert hatte. Aber auch hier gibt es nichts, was durch Proteste oder Aufrufe zu verändern wäre, zumal der Begriff ‚Wandel’ die positiven oder negativen Folgen offen lässt. Wenn also heutige Klimadaten mit denen der kleinen Eiszeit verglichen werden, wird ein anderes Ergebnisse deutlich, wie dies bei einem Vergleich mit der wärmeren vorherigen Phase wäre. Klar scheint jedenfalls zu sein, dass sich diese Abkühlungsphase vor einigen Jahrhunderten nicht durch menschliches Agieren erklären lässt.
Wie lassen sich die gefahrenvollen Veränderungen des Klimas erklären?
Aktuell spricht Vieles dafür, dass wir uns in einer deutlichen Erwärmungs-Phase mit vielfältigen meist negativen Auswirkungen befinden. In diesem Zusammenhang stellt sich dann die Frage, wie dieser Vorgang zu erklären ist. So wird aktuell - jenseits von Spekulationen - wissenschaftlich zu erforschen gesucht, welchen Verursacher-Anteil der Mensch an diesen Veränderungen haben könnte, bzw. sich diese keinesfalls anthropogen bedingt erklären lassen. Fatale Folgen hat eine solche Erörterung, wenn anstelle von benennbaren Fakten statt dessen Meinungen die öffentliche Diskussion prägen. Eine solche Disputations-Schräglage wird massiv verstärkt, wenn abweichende Standpunkte zu diskreditieren bzw. diffamieren gesucht oder gar ausgegrenzt werden und die eigene Auffassung in einer Mischung aus Angriffen, Halbwahrheiten oder Fake-News vertreten wird. So wirken auch manche dieser ‚grün sein sollenden’ Argumentationen eher wie wenig gehaltvolle Indoktrinationen. Diese werden dann schnell zur Steilvorlage für all Jene, welche selbst die offensichtlichsten negativen Klima-Veränderungen ignorieren oder gar leugnen.
Auf welche Weise kann gezielt auf die Erderwärmung reagiert werden?
Was auf jeden Fall für alle Menschen mittlerweile klar sein müsste, dass wir auf Grund der Erderwärmung drastische Veränderungen vornehmen müssen. Dies wirft jedoch die Frage auf: Geht es in erster Linie um den Versuch eines Stoppens der gefahrenvollen Klima- Veränderungen oder um eine möglichst angemessene und schnelle Reaktion auf diese? Denn unter dem Stichwort ‚Anpassung’ wären, bezogen auf einen befürchteten Anstieg des Meeres-Spiegels, neben einer notwendigen Reduzierung von CO2-Emmissionen ergänzend weltweit Dämme zum Schutz vor Überflutungen zu errichten. Dass dies - jenseits von populistischen Prophezeiungen - als realistische Not-Wendigkeit angesehen wird, beweist der Filmbericht eines Ingenieurbüros für Wassertechnik welches plant, wie ein Staudamm vom Norden Schottlands nach Norwegen und von der Südwestspitze Englands zur Nordwestküste Frankreichs geschaffen werden kann, um so die ganze Nordsee zu einem Binnen-Meer zu machen.
Der Erfolg bzw. die Akzeptanz jeglichen Engagements für einen nachhaltigeren Umgang mit unseren Ressourcen wird aus meiner Sicht in Ergänzung zu den hier angerissenen Punkten stark reduziert, weil viele Positionen eher ideologisch als sachlich begründet sind und zu viele Forderungen an Politik und Gesellschaft gerichtet werden. Statt dessen wäre es wesentlich wirkungsvoller bzw. glaubwürdiger, wenn alle Freitags - oder wann sonst auch immer - für eine bessere Zukunft sowie eine gerechtere Verteilung der vorhandenen Ressourcen protestierende junge Menschen regelmäßig verdeutlichen würden, durch welche Maßnahmen sie selbst und - aufgrund ihrer Initiative - im direktem Umfeld eine drastische Reduzierung des Energie-Verbrauchs durch beispielsweise eingeschränkte Autofahrten, Energie- und Smartphon-Nutzung, Fleisch-Konsums, Kleidungskauf, Müllproduktion usw. erreichten. Denn der FDH-Appell (iss die Hälfte) in Richtung übergewichtiger Menschen würde hier im Sinne: ‚ab heute verbrauche ich die Hälfte’ eine unübersehbar schnelle Wirkung zeigen.
Wenn junge Menschen in großer Unbedarftheit in ihren Komfortzonen leben
Die Bilanz meiner langjährigen Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen zum Themenfeld Nachhaltigkeit offenbarte in erschreckendem Maße eine übergroße Unbedarftheit bzw. Unkontrolliertheit von Studierenden im Umgang mit den täglich genutzten Ressourcen im Rahmen der persönlichen Lebensführung. Denn wer keine Kenntnisse davon hat, wie hoch der persönliche Strom-, Wasser- und Gas- bzw. Öl-Verbrauch pro Tag oder Jahr ist, was diese Produkte kosten, wie viele Grundstoffe für die Massenhaltung von Tieren verbraucht werden, noch nie bei der Urlaubsplanung das Thema Nachhaltigkeit im Blick hatte bzw. konkret berücksichtigte, keine Konsequenzen für den persönlichen Lebens-Stil aufgrund des jährlich früher einsetzenden Earth Overshoot Day traf, sich Studierende bei mir für den noch nicht in den Blick genommenen Hinweis bedankten, dass ein Absperren des Wassers während des Waschvorgangs beim Duschen 40 – 60% heißes Wasser einsparen könne, dann entlarvt sich auf diesem Hintergrund das ganze Gerede der Wichtigkeit von Umweltschutz inklusive der geäußerten Forderungen an Politik und Gesellschaft mehr als hohl. Auch ein Blick auf die typischen Hinterlassenschaften vornehmlich junger Menschen bei Partys oder nach Konzerten verdeutlichen angesichts immenser Abfall-Mengen, dass noch ganz viel Handlungsbedarf in den eigenen Reihen besteht. Selbst bei so genannten Umwelt-Demos oder Klima-Aktionen weisen wüste Müll-Landschaften darauf hin, dass viele Teilnehmende noch immer nicht verinnerlicht haben, dass ein solches Verhalten den deklarierten Zielen der Aktion diametral zuwider läuft. Und wenn dann auch noch lautstark oder aggressiv vorgetragene Forderungen nach ‚mehr Klimaschutz’ mit Vorwürfen gegenüber einem angeblich fehlenden Umwelt-Bewusstsein der älteren Generation gespickt werden, dann ist dies nicht nur unangemessen, sondern auch sehr kontraproduktiv. Auch der von Greta Thunberg vor der Uno geäußerte Vorwurf, dass ihr die Kindheit gestohlen wurden, scheint mir recht vermessen. Denn Schuldzuweisungen offenbaren meist eine fehlende Selbst-Reflexions-Fähigkeit. Wenn sich Greta Thunberg jedoch wirklich wichtiger Jahre beraubt fühlt, sollte sie diese Botschaft am ehesten an die Vermarktungs-Menschen im Hintergrund ihrer Umwelt-Kampagne richten.
Nicht Plastikprodukte sind das Problem, sondern deren verantwortungslose Entsorgung
Außerdem sollten eigenständig denken Könnende nicht alle ‚grün schillernden’ Forderungen unterstützen, wie z. B. ein radikales Setzen auf die E-Mobilität, wenn grundlegende ökologische und technische Fragen recht ungeklärt sind, deftige Probleme mit der Bereitstellung an grünem Strom bestehen und ergänzend nachgewiesen wurde, dass die Öko-Bilanz neuer Verbrennungs-Motoren günstiger sein kann. Auch die Forderungen nach einer drastischen Reduktion von Plastik-Produkten ist anzufragen, weil manche ‚Ersatzprodukte’ eine erheblich schlechtere Ökobilanz als viele Kunststoff-Produkte aufweisen. Und das die Umwelt - inkl. der Flüsse und Weltmeere - immens durch Plastikmüll verseucht ist, liegt nicht an der Produktion von Gebrauchsartikeln aus Plastik, sondern an der unverantwortlichen Entsorgung von Plastik durch den einzelnen Menschen. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Plastik-Artikeln könnte beispielsweise fast von heute auf morgen erreicht werden, wenn alle Menschen dafür sorgen würden, dass die genutzten Plastik-Gegenstände erneut in den Wertstoff-Kreislauf eingebracht werden. Parallel dazu würde - wenn auch mit einem geringen Kostaufwand - eine Bepfandung möglichst aller Verpackungs-Produkte schlagartig das Problem der ‚Wegwerf-Entsorgung’ wirkungsvoll reduzieren. Ergänzend müsste die unverantwortliche ‚Entsorgung von Plastik in der Natur’ mit hohen Geldstrafen belegt werden. Und da der Plastik-Müll in den Weltmeeren auch in einem erheblichen Umfang durch die Schiff-Fahrt verursacht wird, wäre durch internationales Recht zu regeln, die vorgeschriebene Entsorgung des Mülls (und auch von Ölen) in den Häfen überprüfbar vornehmen zu müssen. Angesicht dieser riesigen Probleme wirkt ein gesetzliches Verbot von Plastik-Trinkhalmen oder Watte-Stäbchen fast so wie ein möglicher Hinweis, bei Starkregen viele Eimer auf versiegelte Flächen setzen zu sollen, um so Überflutungen drastisch zu reduzieren, auch wenn Beides von der Logik in die richtige Richtung weist. (Weiter Hinweise zum Umgang mit Starkregen-Überschwemmungen sind hier zu finden: www.freiewelt.net/blog/unwetter-katastrophen-und-vorschnelle-deutungen-10086034/
Nicht ständig fordern sondern selber aus Überzeugung vorbildhaft handeln
Die nachhaltigsten Veränderungen in der Weltgeschichte entwickelten sich nie aus Forderungen an Andere, sondern waren das Resultat eines engagierten, vorbildhaften und glaubwürdigen Handelns einzelner Persönlichkeiten oder Gruppen. Diese Haltung wünsche ich allen Umwelt-Aktiven, ergänzt durch eine deutliche Geste der Dankbarkeit gegenüber den diesbezüglichen Leistungen der vorherigen Generationen. Der aus meiner therapeutischen Arbeit entnommene Grundsatz: „Sage nicht, was du tun willst, sondern tue, was du sagen wolltest“ würde dann hier heißen: ‚Stelle keine Forderungen an Andere, sondern fange beherzt mit vielen Gleichgesinnten einfach mit nachhaltigeren Lebensformen an.’ Das hat die glaubwürdigste Wirkung bei den notwendigen drastischen Einschränkungen unseres Konsum-Verhaltens. Und daran kann dann auch das politische Handeln gemessen werden.
Auf diesem Hintergrund hier meine Reaktion auf die von Luisa Neubauer auch an mich persönlich gerichtete Einladung, ‚48 Stunden vor der Wahl mit Hundetausenden auf die Straßen zu gehen und einen konsequenten Klimaschutz zu fordern’. - Ja, in die Öffentlichkeit gehen ist wichtig, wenn alle dann Transparente mit folgender Botschaft hoch halten: Ich /wir haben im letzten Jahr:
… den Stromverbrauch um ? % gesenkt
… die Heizungskosten um ? % gesenkt
… den Wasserverbrauch um ? % gesenkt
… Autofahrten um ? % reduziert
… seit ? auf Urlaubs-Flugreisen verzichtet
… meine Smartphone- bzw. Medien-Zeiten um ? % gekürzt
… den Fleischkonsum um ? % reduziert
… seit ? nur noch nachhaltige Reisen gebucht
… seit ? alle meine Plastik-Abfälle vorschriftgemäß dem Wertstoff-Kreislauf zugeführt
… seit ? den Kauf neuer Artikeln von deren Nachhaltigkeit anhängig gemacht
… treffen uns seit ? regelmäßig als WG / Familie / ich mit mir, um die zum Jahresanfang
gesetzten Nachhaltigkeitsziele auf ihre Einhaltung zu überprüfen
… ich plane seit ? mit Gleichgesinnten, durch welche Initiativen wir die Vernichtung der
weltweiten Regenwälder wirksam stoppen und dann für deren Aufforstung sorgen können.
Wer solche Erfolge nicht vorweisen kann, schreibt stattdessen in deutlicher Selbstkritik auf sein Plakat: ‚Ich bin Spät-Zünder. Ab morgen beginne auch ich zu handeln.’
So wird die Straße - jenseits von lautstarken Forderungen an Andere - zum Aktions-Raum für das öffentliche Bekenntnis, die Nachhaltigkeitsziele der UN als ‚die’ Überlebensaufgabe für die Zukunft der Menschheit zu begreifen und aufzugreifen. Denn, so ein Impuls aus dem fernen Osten: ‚Wenn du die Welt verändern möchtest, dann beginne bei dir selbst!’
© Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17
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