Die jungen Heroen im Kampf gegen den Neoliberalismus

Veröffentlicht: | Kategorien: Blogs, Blogs - Politik | Schlagworte: Allgemein, Finanzkrisen, Justiz, Wirtschaftspolitik
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Blickt man vom Wiener Küniglberg, wo der ORF amtiert, auf das brennende London hinunter, so eröffnet sich manchen Journalisten offenbar eine etwas eigenartige Perspektive. Denn während andere Stationen von plündernden und brandschatzenden Jugendbanden berichteten, ließ der hiesige öffentlich-rechtliche Rundfunk die User diese Ereignisse auf seiner Homepage „orf.on“ unter der doch eher launigen Überschrift „Großbritannien: Aufstand der Arbeiterklasse?“ debattieren. Ernsthaft.

Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Die biederen britischen Arbeiter mit diesem kriminellen Gesindel in Verbindung zu setzen ist ungefähr so, als würde man im Zustand geistiger Umnachtung die Begriffe „Alexander Wrabetz, ORF-Generaldirektor“ und „politische Unabhängigkeit von den Parteien“ irgendwie in einen Zusammenhang miteinander bringen. Wenn die Geschehnisse in Großbritannien mit der sogenannten Arbeiterklasse auch nur in einem Atemzug genannt werden, stellt sich irgendwie die Frage, welche Substanzen auf dem Küniglberg über die Hausklimaanlage in Umlauf gesetzt werden, um derartige journalistische Halluzinationen zu generieren.

Doch auch wenn man der ferialpraktikantenmarxistischen Analyse des ORF nicht ganz zu folgen vermag, ist die Frage nach den Ursachen dieser Eruption massenhafter Schwerstkriminalität spannend. Viele Kommentatoren aus Medien und Politik, die tagein, tagaus gegen den menschenverachtenden Neoliberalismus kämpfen, haben schon eine Ursache ausgespäht: die unmenschliche Einsparpolitik der Regierung Cameron, die aus irgendwelchen komischen Gründen nicht will, dass England pleitegeht.

Deshalb wird jetzt etwa die Anzahl der Poolbillardtische in den Londoner Jugendzentren reduziert – ein klassisches Symptom neoliberaler, inhumaner Härte. Dass die von diesem Akt der Barbarei betroffenen Jugendlichen daraufhin nicht anders reagieren können, als die schwersten Verwüstungen in London seit Hermann Görings V-Waffen-Blitz anzurichten, ist eigentlich logisch zwingend. Im Grunde ist es ein Schrei nach Liebe, der da in der City wiederhallt, und so sollte er auch behandelt werden: durch eine Entschuldigung der Regierung bei den jungen Menschen (und Entschädigung für Arbeitsmaterial wie Molotow-Cocktails oder Brechstangen).

Doch seit Anders Breiviks Massaker wissen wir ja, dass derart eruptive Gewalt stets ein „gesellschaftliches Umfeld“ braucht, dass irgendjemand „den Boden aufbereitet“ für die auflodernde Gewalt. Instinktiv würde man sofort die FPÖ, Henryk Broder oder Thilo Sarrazin als Brandstifter-Anstifter verdächtigen, doch der Beweis dafür, dass diese üblichen Verdächtigen „an jenem Klima eine Mitschuld tragen, in dem die Gewalt gedeiht“, ist leider noch nicht ganz gelungen.

Bis dahin haben wir uns die tatendurstigen jungen Menschen, die nun endlich unmenschliche Einkommensunterschiede durch robuste Selbstbedienung etwas verringern, wohl ersatzhalber als eine Art politischer Avantgarde vorzustellen, als Speerspitze der antikapitalistischen Bewegung, die mit brennenden Herzen (und Häusern) angeht, wovon die Schreibtisch-Schlaffis in der Sozialdemokratie, bei Attac oder in den affilierten Medien immer nur reden. Kühn nehmen sich die jungen Heroen ganz einfach, was ihnen die inhumane kapitalistische Welt vorenthält: das Menschenrecht auf ein Smartphone von Apple. (“Die Presse”, Print-Ausgabe, 12.08.2011)

ortneronline.at

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Gravatar: jeder weiß

dass alle nur mit Tarnung unterwegs sind, so ist auch klar zu sagen: Liberalismus ist letztlich nur Klientel-Sozialismus, getreu dem Motto Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Es gibt auch keine universelle Freiheit, sondern nur Freiheit für einige wenige. Es gibt keine (menschen)rechte, sondern nur Rechte für den Stärkeren. Diese Liste könnte man unendlich fortsetzen. Leider gibt es auch keine Wahrheit und Aufrichtigkeit, sondern nur verlogene Scheinheilige, egal auf welcher Seite, egal in welcher politischen Gruppe...

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