Deutschland sucht den Wende-Song

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Jede große Bewegung braucht einen großen Gesang. Ein Anthem. Einen Choral. Eine Liturgie, welche die Bewegten durch alle Zweifel, Anfeindungen und Rückschläge führt. So bleibt das hehre Ziel als Wille und Vorstellung lebendig. Die „Internationale“ war lange ein Klopfer, ebenso „Brüder zur Sonne zur Freiheit“. Auch das „Horst-Wessel-Lied“ soll zeitweise recht populär gewesen sein.

Aber wo ist die Hymne auf das „wichtigste Menschheitsprojekt des 21. Jahrhunderts“ (Franz „Keine Rechnung“ Alt)? Die Energiewende besitzt noch immer keinen Hit, der ihre Fans mitreißen könnte. Steht es deshalb so schlimm um sie, die designierte Mutter aller Wenden? Könnte ein kraftvoller Rhythmus, der ein starkes Narrativ trägt, die drohende Bruchlandung abwenden?

Blick zurück. Die Älteren erinnern sich an Barry McGuire, das One-Hit-Wonder von 1965. „Eve of Destruction“ hieß die musikalische Begleitung der damals grassierenden Atomkriegsängste („If the button is pushed, there’s no running away“). Der Folkie aus Oklahoma krächzte seine düsteren Visionen ins Mikro, als hätte er gerade eine Kehlkopfoperation überstanden. Barry verkaufte die Doomsayer-Scheibe sage und schreibe fünf Millionen Mal und hatte ausgesorgt. Dieselbe Masche strickte hierzulande der Sänger Hans Hartz. 1982 bereicherte der studierte Sozialpädagoge die westdeutsche, von der DDR gesteuerte Anti-Nachrüstungs-Kampagne mit einem unvergessenen Weltuntergangsgeröchel. Es ging da um müde weiße Tauben, denen starke Falken unvermeidlich den Garaus machen würden. Finaler Schluck aus der Pulle:

„Bleib noch Marie

der letzte Rest reicht für uns beide allemal

ab morgen gibt’s statt Brot nur Steine

komm her und schenk uns noch mal ein

denn so wie heut’ wird’s nie mehr sein…“.

Bei Bob Dylans „Blowin’ In The Wind“ von 1962 hatte noch das Raunende, bloß Fragende, irgendwie Jaunernde eine klare Ansage vermasselt. Den jungforschen, zukunftsweisenden Wendehit landete Dylan erst zwei Jahre später mit „The Times They Are a-Changin’“:

„Come gather ‘round people

Wherever you roam

And admit that the waters

Around you have grown

And accept it that soon

You’ll be drenched to the bone

If your time to you

Is worth savin’

Then you better start swimmin’

Or you’ll sink like a stone

For the times they are a-changin’“.

Zweiundzwanzig Jahre danach trat ein, was His Bobness geweissagt hatte: die Meeresspiegel waren derart angestiegen, dass der Kölner Dom teilweise unter Wasser stand. Zumindest auf dem Cover der „Spiegel“-Ausgabe 33/1986 („Die Klimakatastrophe“). Das Heft ist heute ein begehrtes Sammlerobjekt.

Unterdessen sangen sich Barden wie Franz Josef Degenhardt und Mundart-Combos wie BAP auf den Pressefesten der DKP-Zeitung „UZ“ die Stimmbänder rau, um Protestler diverser Couleurs im gerechten Krieg gegen den Kapitalistenkack zu vereinen. Die Herren Wader, Wecker, Süverkrüp, Lage und Lerryn (aka Diether Dehm aka IM Dieter) mühten sich um eine machtvolle Volksfront aller Gutmeinenden, letztlich vergebens. Denn das meiste Protestliedgut war schlicht zum Einduseln. Mittlerweile ist der Politmusikantenstadl verwaist. Ein Zausel wie Klaus der Geiger, der die Friedensdemos zwischen Mutlangen und Schießmichnichttot notfalls auch zwangsbefiedelte („Nein, nein, wir woll’n nicht eure Welt“), taugte heute höchstens noch für einen Überraschungsgig auf Mottopartys à la „Die wilden Siebziger“.

Was also benötigen wir im neuen Jahr, um bei der Lösung des „drängendsten Problems, der Gestaltung der Energiewende“ (Mutti) mitzuwirken? Wir brauchen die Castingshow „Deutschland sucht den Wende-Song“. Ausgerichtet werden könnte DSWS von bewährten Ministranten der Church of Global Warming aus dem Redaktionsinventar von ARD und ZDF. Gesponsert würde die Veranstaltung von namhaften Profiteuren des ökologisch-industriellen Komplexes (Solarworld, Enercon etc.) Eine Jury (Vorsitz Xaxier Naidoo) wählt aus frischen Talenten (mal bei der Greenpeace-Jugend casten!) die besten Interpreten für fetzige, Mut machende Lieder zum Menschheitsthema Erneuerbare Energien.

Und so könnte das Ganze abgehen, selbstredend zur Prime Time: Girls und Boys mit Street Credibility, welche die Erde nur von ihren noch zu gebärenden Kindern geliehen bekommen haben, performen vor einer Großbildleinwand. Auf der flimmern dramatische Bilder von verstörten Eisbären, die sich auf dümpelnde Schollen gerettet haben. Gletscher kalben wie blöd, verkrustete Erde kündet von globaler Dürre, Vögel fallen dehydriert von Bäumen.

Am Schluss jedes Wettbewerbsbeitrags werden die unheilvollen Sequenzen sanft abgelöst von Fotos blühender Landschaften. Wo sich Windräder über sattgrünen Maisfeldern drehen, schicke Solarpanelanlagen neben rapsgelben Äckern funkeln. Wo an den Küsten Schiffe im Sonnenaufgang mit stählernem Nachschub für Off-Shore-Meereswindparks auslaufen. Schlussapotheose: In Überblendung erscheint auf der Leinwand das gütige Antlitz von Prof. Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Unser großer Klimabruder, der Erlöser!

Ganz wichtig sind die Botschaften der Songs. Bitte nicht zu dünn auftragen! Zwischentöne sind nur Krampf im Katastrophenkampf. Als Texter des Pilotbeitrags für „Deutschland sucht den Wende-Song“ böte sich der kreative Klimarapper Mojib Latif an. Sein Standardreim: „Winter ade, nie wieder Schnee!“

Dann klappt’s am Ende/auch mit der Wende.

Beitrag erschien auch auf: achgut.com

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