Der verdrängte Genozid

In einem Who is Who der Völkermorde stünden Namen wie Pol Pot, Adolf Hitler, Joseph Stalin und Mao Zedong, Timur der Lahme, Attatürk, Kaltenbrunner und Berija. Doch zu einem anderen Völkermord findet man keine Namen. Schon dieser Völkermord selber wird selten erwähnt; von den Tätern fehlen in fast allen Fällen die Namen; die Opfer werden seltenst gemeldet.

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Die Rede ist von den »verschwundenen Mädchen« - eine Wortwahl, die mehr sagt, als jede Statistik. Denn selbstverständlich sind die Mädchen nicht einfach verschwunden. Sie tauchten, wenn Statistik und Historie nicht grundlegend täuschen, gar nicht erst auf. Sie wurden vor der Geburt fachmännisch beseitigt. Gemeint ist die Abtreibung weiblicher Föten.

Die Technik macht es möglich, das Geschlecht des Ungeborenen bereits im Mutterleib zu erfahren. Und so erlebt eine Tradition in modernen Umgebung eine Art Wiedergeburt: Die Massentötung neugeborener Mädchen. In vielen Ländern war sie insbesondere in den Kreisen der Ärmsten Gang und Gäbe. Weibliche Säuglinge wurden wie junge, überzählige Katzen erstickt, ersäuft oder man ließ sie verhungern. In einigen Gegenden überließ man sie ihrem Schicksal; hängte sie in Körbchen an einen Baum. Schwer vorstellbar, dass jemand das Schreien und Wimmern ertrug.

Die moderne Technik ist da humaner - zumindest die Nerven der Täter werden geschont. Zu sagen, man wüsste nichts von dem Morden, ist jedoch falsch. In Deutschland hat der Gesetzgeber nicht zufällig die Bekanntgabe des Geschlechts auf den Zeitpunkt verlegt, nachdem eine Abtreibung nicht mehr legal ist. In China und Indien ist das Morden seit langem bekannt. Und doch: Erst seitdem nicht mehr alle Männer einen menschlichen Paarungspartner abkriegen, setzt ein Umdenken ein. Der geschädigte Mörder als Weltverbesserer - wenn das keine Ironie ist.

Die Praxis - auch so ein Euphemismus -, weibliche Föten - und gleich das nächste Wort, das der Ablenkung dient; die Praxis weibliche Föten abzutreiben, ist wahrscheinlich unterschiedlich verbreitet. Bekannt sind China, Indien und Albanien; Pakistan ist umstritten. Und noch umstrittener ist der Schluss, dass es sich um Genozid handelt. Denn die meisten Eltern entscheiden sich bei einer Abtreibung für alle möglichen anderen Indikationen. Der Schluss auf den Massenmord wird rein statistisch gezogen. Man kann ihn also, der Mathematik seis gedankt, auch logisch verleugnen, besser verdrängen.

Seltsam - in einer Zeit, in der wir alles mögliche retten, in der Brathähnchen einigen als Mordopfer gelten und Veganer sich wie heilige Kühe benehmen; in einer solchen Zeit widmet sich kaum einer diesem möglichen Massenmord der Moderne. Denn das sollte klar sein: Das Geschlecht eines Fötus lässt sich nur in den besseren Krankenhäusern diagnostizieren. Auch dieser Genozid ist erst möglich geworden durch Technisierung.

Selbst wenn man also überhaupt erst einmal fragte - es wird nicht gefragt! Es herrscht ein Beschweigen, das, im Unterschied zu Holocaust, Holodomor und Armenien, nicht von oben diktiert worden ist. Dabei ließe, wenn die Daten auch nur entfernt der Wahrheit entsprechen, dieser Genozid alles im Schatten des Bösen verschwinden. Doch der potentielle Massenmord an ungeborenen Mädchen erweckt kein Interesse; kein Mahnmal verweist auf die Opfer, kein Tagebuch auf das Leiden. Auf der Liste der Völkermorde scheint es eine Art Abstiegsrang ins Vergessen zu geben. Und das sogar in einem Land, dessen Selbstbewusstsein sich ganz zuerst seiner Begleichung historischer Schulden verdankt.

Warum dieses Schweigen? Warum die Verdrängung? - Nun, der Grund ist recht einfach. Man muss nur fragen, warum der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien durch wen auch immer so skandalös ist. Warum erschreckt uns das hundertausendfache Erschlagen mit einem Spaten oder einer Machete? - Weil uns diese Art des Mordens heutzutage auf beruhigendem Abstand die ungestörte Aufregung des Guten über das Böse erlaubt. Es entsteht nicht einmal im Ansatz die Frage: Wären nicht auch wir dazu fähig?

Das ist bei der Abtreibung anders. Sie gehört zum Geschäft, bei dem wir allenfalls über die Werbemittel in moralische Wallung geraten. Und so hat jede Gemeinschaft ihre Mordwerkzeuge, die sie verdrängt. Wo wir doch stets darauf achten, nicht zu verdrängen.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Hans-Peter Klein

Warum dieser Fokus auf weibliche abgetriebene Föten?
Es mögen weltweit rein zahlenmäßig mehr sein, doch auch die männlichen gehen in die Tausende.
Wenn Sie schon unterscheiden, dann wäre das Resultat kein Genozid, sondern ein Feminizid.
MfG, HPK

Gravatar: Thomas Waibel

Hans-Peter Klein 25.06.2018 - 13:41

Die Anzahl der männliche ungeborene Kinder, die im Mutterleib ermordet werden, gehen nicht in die Tausende, sondern in die Millionen.

Gravatar: Thomas Rießler

Die moderne Gesellschaft ist gespalten in Ihren Moralvorstellungen, daher sind auch rhetorische Fragen wie „Warum erschreckt uns das hundertausendfache Erschlagen mit einem Spaten oder einer Machete?“ unsinnig.

Gravatar: Unmensch

Es ist leicht, einen bösen Diktator irgendwo weit weg des Mordes zu beschuldigen - aber den Nachbarn oder gar sich selbst, das geht nicht, nicht solange es sich nicht in weiterer Folge in eine Lösung verwandeln lässt.

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