Der Scheinsieg der Grünen

Nach einem alten Witz, löst Mathematik keine Probleme, sondern verschiebt sie bloß. So ähnlich ist es bei der Wahl zum EU-Parlament in Deutschland verlaufen. Das Problem: Jene Wähler, die sich entweder für die Sozialdemokraten oder die Grünen entscheiden. Die Verschiebung fand statt zwischen diesen beiden Parteien, speziell gestern von der SPD zu den Grünen.

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Dieses Ergebnis feiern die Medien als großen Erfolg. Die Parteispitze der Grünen reagierte euphorisch. Sie hält a la Möllemann 20% für eine Art Mehrheit und ist offenbar derart trunken vom eigenen Saft, dass sie nicht merkt, dass das nach 40 Jahren Bundestag und penetranter Mediendominanz reichlich armselig ist. Aber sei 's drum. Der kalte Rechner tröstet sich mit den Verlusten von CDU/CSU und Linksgrün - erstere haben 6.5 und letztere 3.9-Prozentpunkte verloren. Für die Einheitsfront war die Wahl wohl doch ein Debakel über das der Scheinsieg der Grünen sie trösten soll.

Im gewissen Sinne haben die Grünen tatsächlich gewonnen. 9.9%-Punkte mehr ist ja nicht gar nichts. Da müssen die Medien auch nicht mehr fragen, gegen wen die Grünen diesen Erfolg denn verbuchen. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Gegen die Sozialdemokraten. Die haben zwar mehr verloren - aber sicherlich wechselt nicht jeder SPD-Wähler, der genug hat, zu den Grünen. Doch die Tendenz ist deutlich zu sehen: Es hat eine interne Verschiebung der Wähler zwischen diesen beiden Parteien gegeben. Damit aber bewegt sich die Analyse des Erfolgs der Grünen ganz zuerst und zentral in diesem Bereich. Es werden allein die Wähler betrachtet, die entweder sozialdemokratisch oder grün wählen würden. Die Frage wird zur Frage, was diese beiden Parteien für wen attraktiv macht.

Das typische Klientel der SPD kommt aus Teilen der Gesellschaft, die in den Medien deutlich weniger präsent sind, als das Klientel der grünen Partei. Da ist der klassische Facharbeiter, der Handwerker, der Arbeiter in den wenigen verbliebenen Industriegebieten. Sie wählen, das ist eine Binsenweisheit, traditionell Sozialdemokraten. Allerdings nimmt ihre Zahl deutlich ab. Facharbeitermangel, Energiewende und Aussterben des Handwerks sind so gesehen ein hautnahes Problem der Sozialdemokraten; eine Rache für das Versagen der SPD in diesen Gebieten.

Auf der anderen Seite steht der typische Grüne. – Wer ist der typische Grüne? Wirklich links im marxistischen Sinne sind sie jedenfalls nicht, auch wenn man sich das bis heute gerne erzählt. Als die Grünen Anfang der 1980er Jahre entstanden, sprachen viele Linke mit einer engen Verbindung zur Studentenbewegung voller Verachtung von den ökologischen Themen der Grünen und der ersten Generation grüner Politiker, die sie propagierten. Figuren wie Petra Kelly, Gert Bastian oder Jutta Ditfurth galten als kleinbürgerlich. Und mit der gepriesenen Gewaltfreiheit hatten Linke noch nie ernsthaft etwas am Hut. In der zweiten Generation - wobei Generation hier mehr den Entwicklungsprozess der Grünen benennt als Personen -, in der zweiten Generation traten dann Personen nach vorne, die den Charakter der Grünen nachhaltig prägten. Sie waren zwar noch immer kleinbürgerlich. Aber plötzlich wurde man schick. Jürgen Trittin steht für diesen neuen Zug im grünen Gesicht. Ein Hang zum Intellektuellen trat als Erbe von 68 zu Tage. Das Verbissene des Ökologismus konnte etwas in den Hintergrund treten, blieb aber als Priesterhaftigkeit weiter vorhanden. Jetzt traten Lehrer, Schauspieler und Philosophen nach vorne und bildeten eine dritte Generation, die sich an Annalena Baerbock, Rainer Habeck und einer Ska Keller kristallisierte. Und damit sind wir beim heutigen Bild. Die Grünen fassen Kleinbürger, Priester, Lehrer, Schauspieler und Philosophen zusammen und sind darüber mit dem heutigen Deutschland verbunden, oder besser, mit dem wofür Deutschland sich gerne hält.

Schon die Namen stiften eine tiefe Verbindung. Annalena und Ska bilden mit Greta und Rezo eine nahtlose Reihe. Hier Smartphone-Tip-Kürze, dort die Dopplung von Anna und Lena, den Liebslingsnamen in frühen Elternkitas. In allem, was sie sagen und tun, stehen die Grünen für die Folgen übermäßigen Fernsehkonsums. Ihre Sprüche sind Plattitüden. Sie lieben es, wenn es schön bunt ist. Abwechslung, sprich Vielfalt muss her. Aber zugleich muss es auch tiefsinnig scheinen. Die Grünen sind Tagesschau, Spartenprogramm und Kinderstunde in einem. Sie sind der Scheinerfolg in Reinkultur. Offenbar schlagen die schädigenden Wirkungen des Fernsehkonsums erst bei den Enkeln der Schwarz-Weiß-TV-Generation wirklich durch.

Aber sie sehen gut aus. Sie passen. Und das ist entscheidend. Denn Wahlen werden, wie wir wissen, durch Äußerlichkeiten entschieden. Es ist wie auf dem Markt. Sprüche statt Gedanken lautet das Motto auf dem Weg zum Erfolg. Seit mit Robert Habeck ein stets unrasierter Schriftsteller die Grünen anführt, ist zum Schicken das Flair des Geistesmenschen getreten. Eine Art Pirat - wer will da widerstehen. Und wieder tritt die Kleinbürgerlichkeit der Grünen hervor. Früher hängten sich die kleinen Angestellten ein Gedicht von Goethe über die Schlafzimmertüre und Spitzweg zierte die Wohnzimmerwände. So erhob man sich über das einfache Volk. Heute schreiben die Kleinbürger selber, weil das Gedächtnis für zwei Zeilen Goethe-Reim nicht mehr reicht. Spitzweg wird durch fünfblättrigen Picasso in Bauhausvasen ersetzt.

Und nun vergleiche man diese dichtenden Gartenzwerge mit den Sozialdemokraten. Neben Martin Schulz erhält sogar Claudia Roth in ihren peinlichen Kleidern und Jäckchen noch eine Art Flair. Und plötzlich wird das Wahlergebnis von gestern geradezu selbstverständlich. Kein Programm hat hier irgendetwas entschieden. Es ist allein der äußere Eindruck, den Nahles, Maas und Scholz hinterlassen. Die Genossen haben die Erotik des Facharbeiters, der am Wochenende Maschinen entwirft. Nein, Facharbeiter will heute kaum einer werden. Weder die Flüchter noch die Alteingesessenen zieht es in eine Werkstatt. Der Beruf des Metzgers und Schreiners ist in etwa so reizvoll wie der sprichwörtliche Ortsvorsteherposten bei den Sozialdemokraten. Gegen Leute mit Lebensentwurf und Doktor der Philosophie haben sie keine Chance.

Die Grünen verkörpern das heutige Deutschland soweit es die Medien prägen. Deshalb können sie die Sozialdemokraten bei jeder Wahl fleddern. Ob das so bleibt, wird sich zeigen. In Bremen waren die Grünen – auch wenn die Medien darauf nicht eigens verweisen – schon einmal bei 22%; dann ging es abwärts. Und die Sozialdemokraten haben Hamburg mit einem griffigen Namen zurück in ihre Baracke geholt; in Holland zeigten sie gestern Zeichen von Wiederbelebung. Das wird außer die Medien kaum jemanden stören. Solange Sozialdemokraten und Grüne zusammen verlieren, ist Deutschland noch nicht verloren. 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Joachim Datko

Europawahl in Deutschland:

Verlierer:
Das linke Lager -3,6 % (SPD -11,5 %, Grüne +9,8 %, Linke -1,9 %)
Die Regierungsparteien -17,9 % (SPD -11,5 %, CDU/CSU -6,4 %)

Gewinner:
Grüne +9,8 %
AfD +3,9 %

Gravatar: R. Avis

@Unmensch: im Laufe der Zeit wächst der Anteil der Links/Grün -Wähler eben doch, weil die Konservativen altersbedingt aussterben und weil die indoktrinierte Jugend, mangels besseren Wissens, an die Propheten der Klimareligion glauben.
Im Englischen gibt es ein Sprichwort:
"Schlechte Zeiten erzeugen starke Menschen; starke Menschen erschaffen gute Zeiten; gute Zeiten erzeugen schwache Menschen, schwache Menschen sorgen für schlechte Zeiten."
Es ging uns einfach zu lange zu gut und ich bin froh, daß ich diese letzte, große Blüte der Zivilisation noch erleben durfte.

Gravatar: Unmensch

Es gibt die Theorie, dass das das Verhältnis von Links zu Rechts in etwa konstant bleibt, es gibt nur Verschiebungen zwischen unterschiedlichen linken bzw. rechten Parteien (und den Nichtwählern). Dem entsprechend kann die AfD vor allem von der CDU gewinnen, aber kaum von der SPD.

Gravatar: Hajo

Das kann man alles so oder so sehen. Die grünen Neomarxisten haben im Laufe der Zeit den roten Genossen eine große Anzahl intellektueller Wähler abgestaubt und diese wollten die Roten wieder zurückholen und haben dabei ihre angestammte Klientel der Arbeiterschaft und der kleinen Leute übersehen und nun sitzen sie zwischen den Stühlen und werden nur noch von wenigen Überzeugten gewählt und der Auftritt der drei Interimsvorstände von heute nachmittag offenbarte die ganze Ohnmacht einer Partei, die es über Frauenpower versucht nochmals Land zu gewinnen, obwohl sie ja viele Jahre Zeit hatten um sich eines besseren zu besinnen und die Schwarzen ereilt das gleiche Schicksal, die zerbröseln ebenso und die lachenden Dritten werden die Grünen und die Blauen sein und dann entstehen wieder klare Fronten und der sozialistische/marxistische Einheitsbrei ist von gestern und auch die Grünen waren sehr lange die Schmuddelkinder der Nation, das ist halt so wenn sich neue etablieren und wir bekommen dann wieder angestammte Verhältnisse Konservativ gegen marxistische Tagträume, die Realität holt sie ein und das ist der Stoff für Rechts und keineswegs für links, wenn es auch derzeit so erscheinen mag.

Gravatar: karlheinz gampe

@ Täufer

Grüne sind zum Teil K Gruppen, einst von der Stasi finanziert. Sozialisten klingt da zu harmlos. Grüne stehen links und Umweltschutz ist ihre Tarnung. Nur am Anfang waren die für Umweltschutz, dann haben die K Gruppen und perverse Minderheiten die Grünen übernommen haben. Grüne sind Umweltzerstörer und drehen, wie CDUs Stasi Erika ihr Mäntelchen im Wind ! Sind opportune Täuscher wie im Islam.

Gravatar: Täufer343

Das ist ein extrem interessantes Thema. Manche Grüne sind verkappte Sozialisten, befürworten z. B. die Freigabe von Abtreibungen. Es ist aber ein konservativer Standpunkt richtig. Abtreibungen gehören (außer in extremen Ausnahmefällen) verboten. Andererseits ist es natürlich gut, dass die Grünen den Umweltschutz befürworten. Es sollte eine öko-konservative Politik etabliert werden. Die AfD sollte mit der ÖDP zusammenarbeiten.

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