Der Marsch für das Leben: Kritische Rück- und Vorausschau

Christliche Lebensschützer stehen vor Herausforderungen, die man im Fall eines solchen Schweigemarsches vielleicht an folgenden Spannungsfeldern verdeutlichen kann: Wir müssen Aufmerksamkeit erregen, Presse erzeugen, ohne dabei auf Krawall aus zu sein!

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Da ich nach dem Marsch für das Leben noch ein paar Tage Berlin hinten dran gehängt habe, konnte ich mir noch Gedanken machen über das, was ich schreiben will. Erstmal vielleicht meine eigenen Erfahrungen beim Marsch: Wir waren mit der ganzen Familie da, das heißt meine Frau mit unseren beiden kleinen Kindern und ich. Wir hatten vorher die Möglichkeit genutzt, eine Messe für den Marsch mit zu feiern: Sicher eine gute Einstimmung für eine solche Demonstration, um sich selbst auch deutlich zu machen, wer eigentlich der Herr der Geschichte ist. Wesentlich auch, dass wir beten konnten auch für diejenigen, die auf der "anderen Seite" stehen, die uns beschimpfen würden.

Angekommen beim Marsch hatte ich den Eindruck, dass es mehr Teilnehmer als im letzten Jahr waren, was sich im Nachgang durch die offiziellen Zahlen bestätigt hat. Aber auch die Gegendemonstranten waren bei der Kundgebung zumindest lautstark dabei. Es waren wieder die alten Sprüche, die skandiert wurden, die ich hier nicht wiederholen möchte; viele andere haben da schon einiges zitiert und ich möchte es einfach dabei belassen, dass diese Sprüche nicht ein einziges Argument enthalten, sehr wohl aber geeignet sind, die religiösen Gefühle der überwiegend christlichen Teilnehmer zu verletzen. Ich will damit keinen besonderen Schutz christlicher Positionen reklamieren, es geht mir nur darum, zu verdeutlichen, dass das Ziel der Gegendemonstranten nicht die Gegendarstellung sondern die Provikation und die seelische Verletzung war.

Selbst waren wir mit unseren Kindern eher am Ende des Marsches, sodass die Gegner des Marsches dort ihr "Pulver" offenbar schon verschossen hatten. Neben den eben erwähnten lautstarken Verunglimpfungen des Glaubens und der Positionen, die im Zweifel mit den Zielen des Marsches gar nichts zu tun hatten (was "Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat" mit dem Lebensschutz zu tun hat, bleibt wohl das Geheimnis derjenigen, die das unermüdlich brüllen ... zumal die Ausstrahlung des einen oder anderen nahelegt, dass durchaus auch Staatsprofiteure darunter gewesen sein werden), habe ich daher nur noch die Reste von Farbbeutelangriffen gesehen. Die Berichte über auch körperliche Angriffe sind ja zwischenzeitlich bekannt, selbst kann ich dafür aber nicht als Zeuge bereit stehen. Schockierend war generell für mich die Besetzung der Gegendemonstration am Brandenburger Tor: Pro familia, SPD, Humanistische Verbände und natürlich Vertreter der Linken, die diese Demonstration, die den Teilnehmern des Marsches ihr Demonstrationsrecht verweigern will, sowohl ideologisch als auch finanziell unterstützt hat: Überwiegend etablierte gesellschaftliche Kräfte, einige von ihnen sogar in Regierungsverantwortung!

Was also ist mein Fazit des Marsches: 5.000 Teilnehmer, damit wiederum mehr als im letzten Jahr, die Gegendemonstranten mit den gleichen Parolen aber erhöhtem Agressions- und Gewaltpotenzial, nebenbei die unrühmliche Rolle des ZDF, die mit einem Team der Heute-Show versuchte, Teilnehmer des Marsches in die Falle zu locken (über den körperlichen Einsatz gegen Hubert Hüppe muss ich hier wohl ebenfalls nichts mehr schreiben) und zuletzt die Störungen des Abschlussgottesdienestes, die ebenfalls einen Tiefpunkt linker Protest- und Anti-Toleranzkultur darstellten - Was bleibt davon?

Reden wir über gesellschaftliche Wahrnehmung: Bis auf wenige Ausnahmen wurde der Marsch für das Leben medial weithin ignoriert (ob das Team der Heute-Show sich noch traut, ihr Material zu verwerten, bleibt abzuwarten). Das kann man kritisieren, entspricht aber auch dem generellen gesellschaftlichen Interesse: 5.000 Menschen sind mehr als früher, die Gegendemonstranten waren mit ein paar Hundert Aktivisten vor Ort ... aber man muss möglicherweise konstatieren, dass das Thema Abtreibung in der Gesellschaft kaum noch einen Hund hinter dem Ofen vorholt. Selbst gutmeinende Bekannte und Kollegen zeigen zwar Interesse an dem Thema, wenn man darüber berichtet ... aber echte Betroffenheit? Wohl kaum.

Reden wir über die Überzeugung der Anderen: Natürlich ist es erst mal durchaus auch ein Wert an sich, zu sehen, dass man mit seinen Ansichten als Lebensschützer nicht alleine dasteht; auf den Gedanken könnte man ja kommen, wenn man oben beschriebenes Desinteresse und die mediale Beurteilung betrachtet. Da ist es schon gut, mit 5000 (annähernd) Gleichgesinnten, schweigend und betend durch die Straßen der Hauptstadt zu ziehen. Es sollte aber niemand meinen, auch nur ein Gegendemonstrant ließe sich durch den Marsch überzeugen. Ich selbst habe die Hoffnung, dass Passenten, die das ganze von außen betrachten, bei der Frage, ob sie lieber auf der Seite der betenden Lebensschützer oder auf der Seite der krakeelenden Gegendemonstranten stehen wollen, sich für die richtige Seite entscheiden - aber ob das über die kommenden fünf Minuten trägt, da bin ich schon nicht sicher. Was nicht heißt, dass es das nicht auch wert sein kann. Womöglich fragen sich Linke und sogenannte Humanisten in Zukunft doch, ob sie Gegendemonstranten tatsächlich idelogisch und finanziell aufrüsten wollen, wenn die sich benehmen wie eine rot lackierte SA und wirklich niemand mehr objektiv einen Zweifel haben kann, auf welcher Weise eigentlich die toleranten Zeitgenossen stehen. Unterbindet man Finanzierung und ideele Unterstützung kann die Gegendemo im kommenden Jahr schon deutlich stiller ausfallen.

Reden wir also auch noch über gesellschaftliche Entwicklungen: Möglicherweise ist die Dreistigkeit und Kaltschnäuzigkeit der Gegendemonstranten auch damit zu erklären, dass sie der Meinung sind, eigentlich schon gewonnen zu haben, und dass sie meinen, die Ansichten, für die demonstriert wird, seien schon als illegitim enttarnt. Zwar wäre auch das ein schauerliches demokratisches Selbstverständnis, läge aber womöglich trotzdem nicht so ganz weit von der Wahrheit entfernt. Niemand wird ernsthaft erwarten, dass in den kommenden Legislaturperioden noch was am §218 StGB geändert wird, jedenfalls nicht in die Richtung, in die wir Lebensschützer uns das wünschen würden. Und niemand wird auch so naiv sein anzunehmen, dass sich der gesellschaftliche Grundkonsens, dass eine Abtreibung eben doch ein Mittel der Familienplanung darstellt, und das nicht nur in durchaus bedenkenswerten kritischen sozialen oder medizinischen Ausnahmefällen, in ein paar wenigen Jahren ändern wird - die Tendenz erscheint mir eher in Richtung mehr "Liberalisierung" (ich setze den Begriff bewusst in Klammern, das Töten eines ungeborenen Kindes hat schließlich nichts mit Liberalismus zu tun) zu gehen - da steht uns noch zumindest eine lange Durststrecke bevor.

Umso wichtiger, bei allen oben beschriebenen eher pessimistischen Einschätzungen, erscheint mir daher, auf die richtige Art der Öffentlichkeitsarbeit, auch bei solchen Demonstrationen Wert zu legen. Da ist erst mal die Botschaft "pro": Pro Liebe, Pro Kinder, Pro Frauen, Pro Familien! "Marsch für das Leben" ist insofern schon ein wunderbarer Titel, ich selbst erwische mich aber ebenfalls, wenn ich nach den Inhalten gefragt werde, eher in die Negativschiene zu verfallen: Gegen Abtreibung, gegen Euthanasie und Sterbehilfe ... Wir kämpfen FÜR das Lebensrecht jedes Menschen; eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, dass man in einer aufgeklärten Gesellschaft ausgerechnet hierfür noch auf die Straßen gehen muss und dafür auch noch angefeindet wird, nicht zuletzt auch durch Vertreter von Parteien mit Regierungsverantwortung in Bund und Ländern! Das ist unser Argument - Für das Leben!

Dazu kommt auch die notwendige Offenheit für die andere Seite: Für meinen Geschmack wird beim Marsch für das Leben zu sehr auf "die anderen", "die da draußen" Bezug genommen. Das ist nur insofern richtig, als man sich gegen - nennen wir es mal so - "systemseitige" Gegner wendet: Vertreter eines pervertierten Freiheitsbegriffs, Vertreter einer pervertierten Vorstellung davon, was den Wert der Sexualität ausmacht etc. Der einzelne Gegendemonstrant dagegen ist nicht der Feind des Lebens, auch wenn er oder sie sich auf diese Seite stellt. Wir haben auf dem Marsch eine Gegendemonstrantin bemerkt, die Lebensschützer mit den Worten anging, was sie denn wollten, sie hätte schließlich abtreiben müssen, sie hätte keine andere Wahl gehabt. Wenn ich erst mal davon ausgehe, dass das ernst gemeint ist, dann ist eine solche Frau keine Gegnerin, sie ist in erster Linie Opfer. Und diese Opfer gibt es viele, nicht nur Opfer der sozialen Umstände, nicht nur Opfer des persönlichen Umfelds, auch Opfer der Gesellschaft, die immer mehr dazu neigt, ungewollte - weil zu frühe, zu viele oder zu kranke - Kinder entsorgt sehen zu wollen. Richard Dawkins, der von einer ethischen Pflicht zur Abtreibung von Down-Syndrom-Kindern spricht, lässt grüßen.

Zuletzt geht es auch um unsere Verantwortung, verstanden werden zu können. Durch die Medien ging ein Plakat mit der Aufschrift "Inklusion statt Selektion", deren junge Trägerinnen nach der Bedeutung des Plakates gefragt wurden, und die eine Antwort schuldig bleiben mussten. Das ist sicher ein krasses Beispiel, aber wir müssen in Argumentation und Wortwahl in jedem Fall den Nerv der Gesellschaft treffen. Es nutzt nichts, wenn die umstehenden Mitdemonstranten kopfnickend zustimmen, es geht darum, dass andere verstehen, was wir meinen. Da sind Zeugnisse, wie sie auch bei der Kundgebung immer wieder vorgetragen werden, hilfreich. Aber auch hier Vorsicht vor zu viel Theologie und - ich muss es leider sagen - Vorsicht vor zu viel Gottesbezug. Natürlich haben die meisten der Demonstranten eine starke christliche Prägung ... "die Welt da draußen" hat sie aber nicht, und wird von zu viel "Jesus hat mich gerettet" und "Gott will auch Dich retten" abgeschreckt. Ich bin überzeugt, dass uns Gott am Ende nicht danach beurteilen wird, ob wir den Gottesbezug unserer Ziele immer eindeutig hervorgehoben haben, sondern ob wir unser möglichstes getan haben, Menschen zu Christus, zu Gott zu führen ... und auf diesem Weg Leben zu retten. Das ist, hoffentlich einsichtig, nicht das gleiche.

Christliche Lebensschützer stehen vor Herausforderungen, die man im Fall eines solchen Schweigemarsches vielleicht an folgenden Spannungsfeldern verdeutlichen kann: Wir müssen Aufmerksamkeit erregen, Presse erzeugen, ohne dabei auf Krawall aus zu sein! Wir müssen unsere Positionen deutlich machen, ohne dabei andere von vorne herein auszugrenzen! Wir müssen im Gespräch die Wahrheit vertreten, ohne dabei das Gespräch einzuschränken! Und bei alldem muss das Priorität haben, was Leben rettet, nicht das, was uns - vor den anderen - gut dastehen lässt! Das Unfaire daran ist, dass die Gegendemonstranten auf solche Spannungsfelder keine Rücksicht nehmen müssen; die stehen aber auch - in ihren eigenen Augen - nicht in Verantwortung vor Gott. Der Maßstab, den Gott anlegt, ist ein anderer als der, den die Welt anlegt: Die Welt belohnt - siehe Heute-Show - die Pointe, Gott belohnt das kluge Zeugnis für die Wahrheit!

Zuerst erschienen auf papsttreuer.blog.de

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