Der Glaube an den Osterhasen der europäischen Geldpolitik

<p>Etwas wirklich Neues zur Euro-Krise zu sagen, wird mit fortschreitender Zeit immer schwieriger. Die Probleme &auml;ndern sich nicht - nur die Summen, um die es geht. Eine sprunghafte Erh&ouml;hung der impliziten Haftung Deutschlands f&uuml;r Europas Probleme um einige hundert Milliarden Euro in noch nicht einmal einem Jahr ist allerdings noch der Erw&auml;hnung wert.</p>

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<p>Als ich das letzte Mal &uuml;ber die wenig beneidenswerte Position der Bundesbank innerhalb des Eurosystems schrieb (<a title="Europe&rsquo;s hidden doomsday machine" href="http://www.oliver-marc-hartwich.com/publications/europe-s-hidden-doomsday-machine">Europe&rsquo;s hidden doomsday machine</a>, 8. November 2011); hatte die deutsche Zentralbank Forderungen gegen andere europ&auml;ische Zentralbanken in H&ouml;he von insgesamt &euro; 462 Mrd. angeh&auml;uft (auf Basis der Bundesbank-Zahlen f&uuml;r September 2011). Letzte Woche gab die Bundesbank bekannt, dass diese Zahl sich bis Ende Mai 2012 auf die neue Rekordh&ouml;he von &euro; 699 Mrd. hochgeschraubt hat &ndash; das bedeutet eine Steigerung um &euro; 237 Mrd. in nur acht Monaten.</p>

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<p>W&auml;hrend europ&auml;ische Politiker um ein vergleichsweise mickriges Rettungspaket von &euro; 100 Mrd. f&uuml;r Spanien feilschen, leistet die Bundesbank den L&auml;ndern der Euro-Peripherie praktisch fortlaufend eine &auml;hnliche Unterst&uuml;tzung, indem sie ein Auflaufen dieser Forderungen zul&auml;sst. Leider hat sich die deutsche Zentralbank damit in ein finanzielles Pulverfass verwandelt. Ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen der Eurozone ist inzwischen imstande, Deutschlands Staatsfinanzen und seinen Bankensektor zu ruinieren.</p>

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<p>Das System, das die Risiken der Bundesbank verursachte, ist kompliziert, das Grundproblem ist jedoch einfach. Die L&auml;nder, die im Mittelpunkt der Euro-Krise stehen, haben keinen Zugang zu Kapital mehr, mit dem sie ihre Handelsdefizite finanzieren k&ouml;nnten. Zugleich tritt das Kapital auf der Suche nach einem sicheren Hafen die Flucht aus ihren Volkswirtschaften an.</p>

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<p>Solche Entwicklungen w&uuml;rden unter normalen Umst&auml;nden zu einer Anpassung &uuml;ber den Wechselkurs f&uuml;hren, in der Eurozone geschieht jedoch etwas anderes. Die Zentralbanken der Krisenl&auml;nder drucken virtuell Geld, um ihre Finanzinstitute mit Liquidit&auml;t zu versorgen. Durch das Zahlungssystem &lsquo;Target 2&rsquo; der Europ&auml;ischen Zentralbank wird diese Liquidit&auml;t den Banken in den ges&uuml;nderen Eurol&auml;ndern zugef&uuml;hrt.</p>

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<p>In diesem Prozess sammeln sich in den Zentralbanken der Euro-Kernl&auml;nder Forderungen gegen das Eurosystem, d.h gegen andere europ&auml;ische Zentralbanken. Auf diese Weise h&auml;ufen die Zentralbanken in Deutschland, Finnland, den Niederlanden und Luxemburg (DFNL-L&auml;nder) allm&auml;hlich immer h&ouml;here Positionen gegen die &uuml;brigen Zentralbanken der Eurozone an. Ihre Forderungen sind zusammen rund &euro; 1 Billion wert - zumindest nach dem Nominalwert - und steigen Monat f&uuml;r Monat. Wie viel sie wirklich wert sind, h&auml;ngt von der F&auml;higkeit ab, die Eurozone am Leben zu erhalten. Zerf&auml;llt der Euro, m&uuml;ssten die DFNL-Forderungen wenigstens teilweise abgeschrieben werden.</p>

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<p>Die Aussicht, dass die Bundesbank einen Teil ihrer Target 2-Position von &euro; 699 Mrd. verlieren k&ouml;nnte, mag f&uuml;r Deutschland schon nicht besonders erfreulich klingen, doch das ist nur das erste der Probleme, die im Falle eines unkontrollierten Auseinanderbrechens des Euro auf Deutschland zuk&auml;men.</p>

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<p>Dann w&uuml;rden nicht nur die Abschreibungen die Aktivseite der Bundesbank-Bilanz vernichten, die zu fast zwei Dritteln aus zweifelhaften Target 2-Forderungen besteht. Ger&auml;t die Bundesbank in Schwierigkeiten, ist auch die Stabilit&auml;t des deutschen Bankensektors gef&auml;hrdet.</p>

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<p>Da die deutschen Banken durch den konstanten Zufluss von frischem Zentralbankgeld aus der Euro-Peripherie in Liquidit&auml;t schwimmen, wissen sie sich nicht anders zu helfen, als das Geld bei der Bundesbank zu parken. Dadurch ist die Bundesbank zum Nettoschuldner deutscher Finanzinstitute geworden &ndash; nicht gerade die typische Situation einer Zentralbank und gewiss keine w&uuml;nschenswerte Lage in einer Zeit, in der es um die Solidit&auml;t der Bundesbank-Bilanz schlecht bestellt scheint.</p>

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<p>Falls der Euro zerf&auml;llt und die deutschen Target 2 Forderungen nur teilweise eingezogen werden k&ouml;nnen, k&ouml;nnte die Bundesbank technisch von einem Tag auf den anderen bankrott sein. Aber was dann? M&uuml;ssten Deutschlands Gesch&auml;ftsbanken ihre Einlagen bei der Bundesbank ebenfalls abschreiben? W&auml;re die Bundesregierung in der Lage, die Bundesbank zu rekapitalisieren? Oder w&uuml;rde es der Zentralbank gelingen, sich um den Preis der Inflation am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, indem sie zur Abwechslung einmal sich selbst Liquidit&auml;t bereitstellt? Niemand wei&szlig; es.</p>

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<p>Sicher ist nur, dass jede Korrektur der Target 2-Forderungen Deutschlands (und der anderen DNFL-L&auml;nder) au&szlig;erordentlich schmerzhaft w&auml;re &ndash; nicht f&uuml;r die Euro-Peripherie, sondern f&uuml;r das Euro-Kernland. W&auml;hrend es im bisherigen Verlauf der Euro-Krise die Peripherie-L&auml;nder waren, die am meisten gelitten haben, wird es im Euro-Endspiel die Kernl&auml;nder am h&auml;rtesten treffen. Sie werden pl&ouml;tzlich erkennen, wie gro&szlig; ihre Risiken gegen&uuml;ber dem &uuml;brigen Europa &uuml;ber ihre Zentralbanken geworden sind, und das nicht nur durch explizite Rettungspakete, den EFSF oder den ESM, die beherrschenden Themen in der &ouml;ffentlichen Diskussion.</p>

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<p>F&uuml;r jeden, der eine Bilanz lesen kann, ist es offensichtlich, dass die DFNL-Zentralbanken in eine verwundbare und risikoreiche Lage gebracht wurden. Und doch ist die Antwort auf diese Entwicklung nicht ein Kurswechsel, sondern das Gegenteil: Mit ihren verzweifelten Versuchen, den Euro am Leben zu erhalten, lassen die Europ&auml;er zu, dass die Target 2-Bilanzen Monat f&uuml;r Monat weiter aufgebl&auml;ht werden, so dass sich das Problem verschlimmert und die Rechnung am Ende noch h&ouml;her wird.</p>

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<p>Die offizielle Linie in dieser Misere besagt, dass es zu keiner Eskalation der Lage kommen wird, weil es keine Eskalation geben darf. Im Wunschdenken der EZB ist weder eine Aufl&ouml;sung der W&auml;hrungsunion noch die Abschreibung von Target 2-Forderungen eine Option. Europas Zentralbanken beharren darauf, dass es keine technische Grenze dieser Forderungen gebe und sie sich im Laufe der Zeit von selbst verringern w&uuml;rden. Das ist die geldpolitische Version des Glaubens an den Osterhasen.</p>

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<p>Europa hat diese Krise zu lange schwelen lassen. Nun gibt es keine einfachen L&ouml;sungen mehr. Target 2 jetzt einzustellen, w&auml;re eine Katastrophe, da es den Bankensektor in der Euro-Peripherie vernichten w&uuml;rde. Target 2 am Leben zu erhalten, wird in Zukunft eine noch gr&ouml;&szlig;ere Katastrophe verursachen, da hierdurch die Zentralbanken der DFNL-L&auml;nder ruiniert werden. Darauf zu hoffen, dass das Target 2-Problem sich von selbst in Luft aufl&ouml;st, ist jedoch die unverantwortlichste Option von allen.</p>

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<p>Eine Fortsetzung des Target 2-Irrsinns verhindert die seit langem &uuml;berf&auml;llige Berichtigung der innereurop&auml;ischen Handels- und Zahlungsbilanzen. Sie sperrt sowohl die PIIGS- als auch die DNFL-L&auml;nder in ein W&auml;hrungssystem ein, das keinem von ihnen Vorteil bringt.</p>

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<p>Wenn die B&uuml;rger Europas nur halbwegs verst&uuml;nden, wie ernst dieses Problem ist, h&auml;tten wir morgen fr&uuml;h eine Revolution. Einstweilen jedoch bietet die Fu&szlig;ball-Europameisterschaft eine h&ouml;chst willkommene Ablenkung.</p>

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<p><em>Dr. Oliver Marc Hartwich ist Executive Director der The New Zealand Initiative (<a title="www.nzinitiative.org.nz" href="http://www.nzinitiative.org.nz">www.nzinitiative.org.nz</a>).</em></p>

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<p><em><strong><a title="&lsquo;Believing in Europe's financial tooth fairy&rsquo;" href="http://www.oliver-marc-hartwich.com/publications/believing-in-europe-s-financial-tooth-fairy">&lsquo;Believing in Europe&rsquo;s financial tooth fairy&rsquo;</a></strong> erschien zuerst in Business Spectator (Melbourne); 12. Juni 2012. Aus dem Englischen von <strong><a title="Cornelia K&auml;hler (Fach&uuml;bersetzungen - Wirtschaft, Recht, Finanzen)" href="http://www.kaehler-uebersetzungen.de/index.php">Cornelia K&auml;hler (Fach&uuml;bersetzungen - Wirtschaft, Recht, Finanzen)</a></strong>.</em></p>

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<p>Beitrag erschien zuerst auf <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_glaube_an_den_osterhasen_der_europaeischen_geldpolitik/" target="_blank">achgut.com</a></p>

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Hans von Atzigen

Exzelenter Beitrag: Ende der Fahnenstange.Offen ist lediglich die genaue Laenge der Fahnenstange.

Gravatar: Meier

Danke für den hervorragenden Fachbeitrag.

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