Wie gehts jetzt weiter_

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Wie gehts jetzt weiter_
Datum: 28.06.2016, 10:01

Das zeigt, wie weit sie sich von den Menschen „da draußen“ entfernt haben, wie sehr sie sich in der Behaglichkeit ihrer Abgehobenheit selbstzufrieden eingerichtet und damit gerechnet haben, es werde natürlich letztlich eine Mehrheit gegen den Brexit geben und alles werde so weiterlaufen wie bisher.

 

Deswegen haben sie auch nicht vorausgesehen, daß sie und die Medien, besonders die deutschen, allen voran wie immer das Staatsfernsehen, zu dem Ergebnis beigetragen haben: mit den Anklagen, den Abwertungen, den Schmähungen für die Anhänger des Brexit und den Horrorprognosen für die Folgen. Es ist sicher nicht verkehrt anzunehmen, daß die entscheidenden Prozente darauf zurückgehen. Die Engländer sind nun mal dafür bekannt, to keep a stiff under lip. Und der Versuch, sie durch Beleidigungen zu bekehren, durch Drohungen zu erschrecken oder durch Horrorvisionen zu ängstigen, bewirkt deswegen leicht das genaue Gegenteil.

 

Und auch jetzt, nach der Entscheidung für den Brexit, kommen die ersten Äußerungen des Establishments aus der gewohnten Höhe der Selbstgewißheit, die es für ausgeschlossen hält, daß es sachliche Gründe für das Ausscheiden geben könne, nicht etwa nachdenklich, sondern Reaktionen der Wut: Sofort will man den Scheidungsbrief haben, damit man die Tür hinter England zuschlagen könne, als habe man es hinausgeworfen. Martin Schulz findet - wie üblich besonders schnell, besonders scharf und besonders falsch - die Nutzung der einem ausscheidenden Land zustehenden Frist von zwei Monaten „skandalös“, weil Europa damit „in Geiselhaft“ genommen werde.

Wenn das Brüsseler Europa jetzt nicht anfängt, selbstkritisch über die sich immer weiter ausbreitende Ablehnung nicht von Europa, aber der europäischen Politik und seiner selbstherrlichen, machtgierigen und hyperbürokratischen Gestaltung nachzudenken und die anstehenden Verhandlungen über die Bedingungen des Austritts nicht sachlich nüchtern, sondern im Stile eines Rachefeldzuges führt - und dafür gibt es bereits handfeste Hinweise -, dann bestätigt es damit die Briten in der Richtigkeit ihrer Entscheidung. Und zugleich ermuntert es die anderen Kandidaten für den Austritt, sich nicht länger mit dieser europäischen Horrorbürokratie zu identifizieren.

Sven von Storch

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