Homöopathie mit schweren Nebenwirkungen

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Homöopathie mit schweren Nebenwirkungen
Datum: 10.06.2014, 11:59

Nun ist es also doch passiert, Sohn Johann hat mit der Nase voran auf die Fliesen im Wintergarten "Bautz gemacht". Der Schreck war groß, was tun? Zwei Telefonate.

Das erste Telefonat führte ich mit dem Kindernotarzt: Blutet die Nase? Nein. War das Kind bewusstlos? Nein. Das sei schonmal nicht schlecht, aber bei Kleinstkindern gelte ohne Diskussion: Grundsätzlicher Krankenhausaufenthalt zur Beobachtung. Denn es bestehe das (wirklich äußerst geringe) Risiko einer kleinen Blutung im Kopf, die erst mit zeitlicher Verzögerung sich bemerkbar machen könne, was dann aber schon zu spät sein könne. Die Entscheidung fiel uns nicht schwer: Krankenhaus, Sonographie des Kopfes etc., zwei Tage stationär (mit Mama), alle zwei Stunden Check auch während der Nacht und bei eventuell eintretenden Komplikationen könnte sofort eingegriffen werden. Nach zwei Tagen kam dann die Entwarnung. Eltern beruhigt, Kind wohlauf, was statistisch kaum anders zu erwarten war. Das allerdings ist der springende Punkt.

Während ich also vor zwei Tagen mit dem Kindernotarzt telefonierte und obiger Ablauf ins Rollen kam, telefonierte meine Frau mit unserer Hebamme. Was man tun könne? Arnica D10 irgendwas. Also Homöopathie-Hokuspokus! Kein Arzt, keine Beobachtung, kein nichts. Aus der Dilettantenperspektive der wissenschaftlich unbelasteten Homöopathen "half" Arnika D10 ja auch in 99,9% der Fälle. Meine Frau und mich stimmte es aber äußerst ärgerlich.

Nehmen wir obigen Sturz und nehmen wir an, es wäre a) zu keiner Verletzungen im Kopf gekommen. Nach einer Woche Arnika-Zuckerkügelchen stünde der Homöopath mit stolz geschwellter Brust da, die Homöopathie habe womöglich eine schlimmere Entwicklung verhindert, zumindest aber habe sie nicht geschadet!

Nehmen wir nun b) an, es wäre zu einer kleinen Schwellung (ähnlich einem blauen Fleck) im Kopf gekommen. Nach einer Woche würde der Körper - ebenfalls wie bei einem blauen Fleck - die Schwellung abgebaut haben. Der Homöopath würde ein Hohelied auf seine Kunst anstimmen...

Bis hier hin ist Homöopathie lediglich eine vollkommen nutzlose Geldschneiderei, die außer dem Geldbeutel nichts und niemandem schadet, und bedarf weder der Diskussion noch überhaupt der Beachtung - sollen die Leichtgläubigen doch der Homöopathie-Industrie ihr Geld hinterherwerfen. So dachte ich zumindest bisher. Nun bin ich aber auf Fall c) aufmerksam geworden. Was ist, wenn die Schwellung im Kopf größer geworden wäre und es dann "trotz" Arnika D10 nach zwölf oder 36 Stunden zu mittlerweile womöglich lebensgefährlichen Komplikationen oder Langzeitschäden  gekommen wäre? Dann wäre wertvolle Zeit mit unnützen Zuckerkügelchen verschwendet worden und die Schulmedizin hätte in einem Notfalleinsatz retten müssen, was zu retten wäre - so sieht es nämlich aus!

Der Einwurf, dass in 99,9% der Unfälle nichts passiere - Kinder sind doch (nicht etwa "zum Glück", sondern evolutionär bedingt) recht robust - oder, dass in der überwiegende Zahl die Verletzungen so gering sind, dass die körpereigenen Regenerativkräfte wieder alles in Ordnung bringen, ist kein Argument für Homöopathie, denn sie bleibt verzichtbarer Hokuspokus für Hypochonder.

Bei ernsten Fällen allerdings kann Homöopathie ausgesprochen gefährlich sein, da eine wirkliche Behandlung ausbleibt oder erst mit lebensgefährdender Verspätung eingeleitet wird.

Stand ich der Homöopathie bisher eher gleichgültig, wenn nicht belustigt gegenüber, bin ich nunmehr ein ausgesprochener Gegner.

Sven von Storch

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