Geografisch begrenzte Wirkung

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Geografisch begrenzte Wirkung
Datum: 18.04.2014 - 06:00 Uhr

Freiewelt.net: Herr Hartmann, braucht Europa nach der Finanzkrise eine Bankenunion?

Ullrich Hartmann: Rein fachlich betrachtet ist die Bankenunion grundsätzlich nicht unbedingt notwendig. Idealer wäre eine global einheitliche Regulierung der Banken, da die Bankgeschäfte heutzutage nun mal global sind. Es sollten weltweit einheitliche Regeln geschaffen werden, wie wir sie jetzt für die Eurozone erreicht haben, nämlich insbesondere eine bessere Eigenkapitalausstattung der Banken durch Vorgaben zu Eigenmittel- und Liquiditätsanforderungen. Die Wirkung der Bankenunion ist also geografisch begrenzt. In den USA und Asien können ganz andere Regelwerke gelten. Global aufgestellte Banken könnten ihre Geschäfte daher nach Asien oder in die USA verlagern, wenn die Regulierung dort nicht so streng ist wie in Europa.

Freiewelt.net: Die erste Säule der Bankenunion ist eine verbesserte Aufsicht der Banken durch die EZB. Kann die EZB dies leisten und welche Instrumente hat die EZB, auf die Banken einzuwirken?

Ullrich Hartmann: Rein formell betrachtet, ist es absolut richtig, dass die „Superaufsicht“ EZB dazu in der Lage ist. Die EZB hat alle notwendigen Instrumente – angefangen von Geldstrafen bis hin zum Abberufen der Geschäftsführung oder gar zur Schließung der Bank.

Freiewelt.net: Die Bankgläubiger müssen künftig fürchten, im Falle eines Bail-In ihre Gelder zu verlieren. Wird dies die Banken zu einer risikoärmeren Politik verleiten, da sie sonst immer fürchten müssen, dass ihnen die Kapitalgeber aus Angst vor einem Bail-In davonlaufen?

Ullrich Hartmann: Das ist das angestrebte Ziel des ganzen Regelwerks. Ob das wirklich so ist, muss sich erst zeigen.

Freiewelt.net: In welcher Reihenfolge müssen Anteilseigner und Gläubiger herangezogen werden?

Ullrich Hartmann: Es gibt eine genau festgelegte Reihenfolge, die geht über die einzelnen Eigenkapitalbestandteile, bis hin zu den nationalen Fremdkapitalgebern. Ausgenommen sind: Besicherte Schuldverschreibungen wie Pfandbriefe, Einlagen bis 100.000 Euro pro Sparer sowie Gelder für Angestellte, Lieferanten und Dienstleister.

Freiewelt.net: Was müssen Bankkunden mit Einlagen von über 100.000 Euro konkret befürchten?

Ullrich Hartmann: Im Zweifel kann ihnen das gleiche passieren wie in Zypern, nämlich dass Einlagen über 100.000 Euro nicht geschützt sind.

Freiewelt.net: Im ersten Schritt des Bail-Ins werden acht Prozent der Verbindlichkeiten der Bankbilanz „herangezogen“. Wie ist diese Zahl zu bewerten?

Ullrich Hartmann: Das klingt zunächst nach relativ wenig. Es handelt sich jedoch um eine gängige Größe in der Bankenregulierung, die zur Risikoabsicherung auch in anderen Bereichen herangezogen wird. Insgesamt stellen acht Prozent der Verbindlichkeiten für eine Bank eine beachtliche Größe dar.

Freiewelt.net: Genügen die ersten acht Prozent der Verbindlichkeiten nicht, werden bis zu fünf Prozent der Verbindlichkeiten vom Abwicklungsfonds getragen. Die Zielgröße des Fonds liegt bei 55 Mrd. Euro. Ist das nicht viel zu wenig – angesichts der Beträge, die 2008 und 2009 aufgewendet werden mussten?

Ullrich Hartmann: Das ist grundsätzlich richtig. Aber das Geld muss ja irgendwo herkommen. Die Banken können ja nicht von heute auf morgen 1.000 Milliarden Euro in den Fonds einzahlen. Das Geld muss erst erwirtschaftet werden. Insofern ist dies eine pragmatische Lösung.

Freiewelt.net: Was ist Ihrer Meinung nach der größte Vorteil der Regelung?

Ullrich Hartmann: Der größte Vorteil ist, dass jetzt – zumindest auf der Ebene der Euro-Zone – international einheitliche Regulierungsstandards aufgestellt wurden.

Freiewelt.net: Was ist Ihrer Meinung nach der größte Nachteil?

Ullrich Hartmann: Die Bankenunion ist auf die Euro-Zone begrenzt. Schon die Schweiz und Großbritannien können im Detail andere, abweichende Regelungen erlassen. Das schränkt natürlich die Wirkung ein.

Freiewelt.net: Herr Hartmann, wir danken für das Gespräch!

Ullrich Hartmann, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, ist Partner bei PwC und leitet die Bereiche FS Risk & Regulation sowie FS EMEA Regulatory.

Sven von Storch

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