Ein peinlicher Durchbruch

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Ein peinlicher Durchbruch
Datum: 27.01.2010, 15:22

Eine deutsche Familie hat in den USA politisches Asyl erhalten, Grund ist der „German Schulzwang“. Die Aufregung ist groß, Jubel bei den gehetzten deutschen Homeschoolern, die hoffen, nach Deutschland zurückkehren oder sich das Exil ersparen zu können. Großes Erstaunen bei allen anderen.

Meine Gefühle sind zwiespältig. Natürlich ist es gut, dass diese Entscheidung eines US-Richters der „berechtigten Angst vor weiterer Verfolgung durch die Behörden“ Rechnung trägt. Das Asyl macht deutlich, wie unverhältnismäßig und monströs der 1938 unter Hitler eingeführte deutsche Schulzwang in einem Staat wirkt, der von Religionsflüchtlingen auf der Suche nach Freiheit gegründet worden ist. In keiner anderen westlichen Demokratie wird das Engagement von Eltern für die Bildung ihrer Kinder mit Gefängnis oder – schlimmer! - Entzug des Sorgerechts verfolgt.

Aber in die Freude über diesen Durchbruch, der hoffentlich zu einer baldigen Liberalisierung der deutschen Rechtssprechung führen und freies Lernen als einen Weg unter vielen etablieren wird, mischen sich Scham und Trauer.

Ist es nicht peinlich und traurig, dass die USA 60 Jahre nach der Demokratisierung Nachkriegsdeutschlands einer deutschen Familie Schutz vor dem deutschen Staat gewähren muss? Schon die 2008 ausgesprochene Rüge des UN- Menschenrechtsbeauftragten Munoz in seinem Bericht über das deutsche Bildungswesen, Deutschland dürfe Homeschooling nicht weiter diskriminieren, war ein Schlag ins Gesicht gewesen. Als südafrikanische Homeschooler (hier wurde Homeschooling unter Nelson Mandela nach langer Verfolgung wieder zulässig) verfolgten deutschen Freilernern 2006 eine eigene Homepage widmeten, hatte sich das ebenfalls traurig angefühlt.

Wo sind wir denn? Ich sehne den Tag herbei, wo ich mich im Ausland  nicht mehr als Kuriosität vorgestellt werde („Imagine, Germans are not allowed to homeschool!“ -  „I thought they were a democracy now?!“) Vielleicht kommt dieser Durchbruch erst, wenn die Richterstühle von jüngeren Juristen besetzt sind, die mindestens ein Auslandssemester Erfahrung haben – aber vielleicht bewegt sich jetzt endlich auch mal die Politik.

Das hängt vor allem von uns Eltern ab. Bitte verstehen Sie eines, liebe Eltern von Schulkindern: Auch wenn Freilernen für Sie persönlich überhaupt nicht in Frage kommt, ist es wichtig, dass es eine legale Option ist. Denn solange Schulzwang herrscht, wird die Schule sich nicht grundlegend (und vor allem: nicht schnell genug!) ändern, das haben Staatsmonopole nun mal so an sich. Stellen Sie sich vor, es wäre verboten, zu Hause zu kochen, Kinder  müssten dreimal täglich in einer staatlichen Kantine erscheinen. Mit geistiger Nahrung ist es genauso. Das bedeutet nicht das Aus für Kantinen und eine Vielzahl privater Gaststätten in jeder Geschmacksrichtung. Aber die Freiheit, zu Hause zu essen, liefert den Maßstab, an dem sich die öffentlichen Angebote messen lassen müssen. Tun Sie Ihre Meinung kund (www.bildunginfreiheit.de ); informieren Sie sich und helfen Sie mit, deutschen Kindern die gleichen Rechte zu verschaffen wie den Kindern in den Demokratien weltweit.

Sven von Storch

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