Wenn Intellektuelle in Deutschland über den Islamismus reden
Wenn Intellektuelle in Deutschland über den Islamismus reden
Datum: 19.09.2016, 10:34
Ahmed Rashid, pakistanischer Journalist, wurde den Zuhörern als eine Institution des Wissens zum Thema vorgestellt. Wenn Herausgeber nicht mehr weiterwüssten, so der Moderator der Veranstaltung, Felix Stephan von der ZEIT, würden sie ihn fragen. Deshalb publiziere er an den wichtigsten Stellen, BBC, New York Times, New York Review of Books. Vor einem Jahr veröffentlichte er ein Buch über die Taliban, um das es hier am Rande auch ging.
Rashid brachte zunächst interessante Details zu den Verwicklungen der verschiedenen Terrorgruppen in Pakistan, Indien, Afghanistan und Irak. Er zeigte seine wahren Farben, als er auf die Doktrin des Islamischen Staates (IS) einging. Was dieser mache, habe mit Islam gar nichts zu tun, denn im Islam gehe es nicht um Bestrafung, sondern um Gnade und Vergebung. Dschihad sei kein wesentliches Konzept des Islam, ebenso die Idee des Kalifates, und Selbstmordattentate seien im Islam sowieso verboten.
Am 15. Jahrestag des 11. September wurden die knapp 30.000 Attentate im Namen des Islam wieder einmal als eine Art unerklärliches Dauermissverständnis dargestellt, diesmal in Berlin und mit freundlicher Unterstützung des Auswärtigen Amtes.
Gegen alle Evidenz
Dutzende Stellen in Koran und Hadith, Dutzende Fatwas zu diesen Themen sind ganz eindeutig. Zentrale Rolle spielt Sure 9, Vers 111, „Töten und getötet werden auf dem Pfade Allahs“, der Kampf gegen die Ungläubigen mit der dazugehörigen Paradiesgarantie inklusive Jungfrauen. Nur dort wird dem Muslim das Paradies versprochen, als automatische Folge seines Sterbens im Kampf, weil der Prophet Mohammed die ‚Kämper‘ vor den ‚Unterstützern‘ klar privilegiert hat.
Die einschlägige Literatur zu Dschihad, Kalifat und Selbstmordattentat sind Herrn Rashid natürlich bekannt, in seiner Heimat lebte Abu Al-Ala Maududi, ein Mann, der von Muslimen auf der ganzen Welt hoch verehrt wird (Sie finden seine Schriften sicherlich in Ihrer benachbarten Moschee!). Er schrieb einen Korankommentar, der sich intensivst dem Dschihad widmet und bei Radikalen aller islamischen Spielarten sehr beliebt ist. Maududi ist bis heute einer der einflussreichsten Schreiber zum Thema Dschihad, weil er so schön offen und deutlich formulierte: „Zieht aus und kämpft! Entfernt die Menschen, die sich gegen Gott aufgelehnt haben, aus ihren Führungspositionen und errichtet das Kalifat.“[
Und was sagt der Großmufti der al-Azhar Universität in Kairo, Ahmed al-Tayeb, die höchste sunnitische Autorität? Aufgefordert, die Taten des IS per Fatwa als unislamisch zu verdammen, weigerte er sich hierzu. Zitat: “Kein Gläubiger könne zum Ungläubigen erklärt werden, was auch immer seine Sünden seien.“
Der Islamische Staat ist für den Islam zum PR- Problem geworden
Doch ein guter Muslim, und das wollte Herr Rashid sein, denn in der ersten Reihe saßen Botschaftsvertreter aus dem Oman, eventuell auch ein Land mit einer ungebrochenen Geschichte von Gnade und Vergebung, ein guter Muslim muss mit allen Mitteln Schaden von der Gemeinschaft der Gläubigen abwenden, von der Umma, also vom Islam an sich. Und dazu darf er lügen, dass sich alle Balken biegen - ähem, Pardon, seine profunde Kenntnis den Zuhörern zur Kenntnis bringen.
Vor einem nichtmuslimischen, westlichen Publikum können diese Fantasieislamapologeten meist noch davon ausgehen, dass man dies schluckt. Besonders in Deutschland, der an Morbus Islamophilia erkrankten neuen Heimat aller Flüchtlinge. Doch es gab auch kritische Töne:
Gefragt, wie es um die Gnade und Vergebung in den Mutterstaaten des Islam, Saudi-Arabien und Iran stehe, wo auch ständig Grausamkeiten im Stil des IS gegen die eigene Bevölkerung stattfinden, da wich Rashid aus. Er sagte, es gebe auch moderat- friedliche Staaten, wie Indonesien und Malaysia, außerdem hätten Epochen wie Al-Andalus, die islamische Besetzung Spaniens, gezeigt, dass ein Miteinander von verschiedenen Religionen im Islam möglich sei.
Das Massaker von Cordoba, ein riesiger Schmutzfleck im schönen Al-Andalus
Mit anderen Worten: der inzwischen vollständig entkräftete Mythos vom Kumbaya- Islam im mittelalterlichen Spanien vor über 1000 Jahren sowie zwei ostasiatische Länder, die sich derzeit auch radikalisieren, das ist alles, was Herr Rashid zur Ehrenrettung seiner Religion zu bieten hat. In den Mutterländern des Islam leben wohl irgendwie die falschen Menschen, die Herrn Rashids Botschaft von der Güte und der Vergebung noch nicht erhalten haben. Es erinnert an den alten Spruch über den Sozialismus: eine tolle Theorie, doch leider noch nie richtig verwirklicht.
Rashids Haltung zeigt den tragischen Konflikt vieler muslimischer Intellektueller in der Moderne: Sie kennen alle Fakten, aber wenn die Glaubensfamilie angegriffen wird, können sie nicht anders, als den Islam zu verteidigen, wie in einer Art Beschützerinstinkt. Auch wenn dabei jegliche Vernunft den Raum verlässt.
Rashid war zum fünften Mal zum Berliner Literaturfestival eingeladen. Er ist ein idealer Vertreter der politisch korrekten Islambewältigung in Deutschland. Er hat Islamhintergrund und achtet genau auf die scharfe Trennung der Problemfelder Islam und Terror. Daher: Der Islamische Staat ist nicht islamisch, hat das nun jeder verstanden?!
Peter Neumann, deutscher Terrorismusexperte vom Londoner King’s College, sprach danach über sein neues Buch „Die neuen Dschihadisten. ISIS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus.“ Auch er konnte für alle Zuhörer, die sonst nicht so viel über das Thema wissen, einiges Interessantes erzählen. Der exzessiv bräsige Moderator Arno Widmann, ein journalistisches Urgestein des linken Zeitgeistes, tat mit vielen abseitigen Fragen leider sein Bestes, die Präsentation zu verflachen.
Neumann ging so weit zu sagen, der Islamische Staat sei ohne Islam nicht vorstellbar. Doch auch er bediente, dies mehr am Rande, die politisch erwünschten Reflexe: extreme Dschihadisten und rechte Populisten gingen derzeit eine Symbiose ein, arbeiteten beide quasi Hand in Hand an der Vernichtung des derzeitigen Gesellschaftsmodelles, das dadurch auf dem Spiel stünde.
Köpfe abschneiden oder Reden halten - beides ist gefährlich
Einer Zuhörerin ging dies nicht weit genug, sie verlangte von Neumann die Beantwortung der Frage nach der Ursache des Terrorismus, mit einer klaren Schuldzuweisung an den Westen. Er sei doch letztlich an allem schuld. Neumann wollte dies nicht leisten und blieb in seiner Antwort sehr sowohl als auch. Neumann formulierte teilweise wie auf Eierschalen – er ist recht jung und hat noch eine Karriere vor sich.
Ganz anders verlief die Buchvorstellung von „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ von Jan Ilhan Kizilhan. Der Orientalist und Psychologe schildert dort das Schicksal einer jungen jesidischen Frau, die Sexsklavin des Islamischen Staates war. Ihre Qualen, ihre Alpträume noch jetzt. Wie sie von der Ehefrau eines IS-Kommandanten festgehalten wurde, damit dieser sie vergewaltigen konnte. Wie sie auf dem Sklavenmarkt in Raqqa verkauft wurde. Wie das jesidische Volk im Nordirak gerade den 74. Genozid erlebt. Und wie für selbstverständlich für die Jesiden diese Kultur des Dschihad und der Sklaverei aus dem Islam kommt.
Der Islamische Staat stand hier nicht in Anführungszeichen. Denn Kizilhan sammelte seine Erfahrungen vor Ort. Er war der medizinische Gutachter eines Sonderprogrammes der Regierung von Baden-Württemberg für Traumatisierte des IS. Im Irak interviewte er 1400 Frauen und Mädchen, bis zum Alter von acht Jahren, die in den Fängen des IS waren und über Monate, manchmal Jahre als Sexsklavinnen gehalten und weiterverkauft wurden.
Hierzu berichtete er ein interessantes Detail: die Käufer der Mädchen und Frauen kommen aus vielen Ländern, oft von weit her, aus dem gesamten arabischen Raum, aber auch aus Pakistan, Afghanistan, Afrika. Viele sind ältere, gut situierte Herren. Sie kaufen ‚natürlich‘ nur, wenn die Mädchen noch Jungfrauen sind.
Die großartige Arbeit von Prof. Kizilhan
Prof. Kizilhan leistet eine großartige Arbeit, er konzipierte und überwacht die individuellen Therapien der 1100 Opfer, die sich im Namen des Programmes nun alle in Deutschland befinden.
Es ist das genaue Gegenteil eines Zufalles, dass sich Kizilhans Sicht auf das Thema Islamismus so sehr von den anderen Rednern unterschied. Er ist Jeside und muss keine Umma verteidigen. Er ist Wissenschaftler außerhalb der politisch beschränkten Islamdiskurse und muss keine Karrierehindernisse fürchten. Ihn interessieren die Opfer, jenseits ihrer Religionszugehörigkeit (es sind auch Christen und Alewiten in seinem Programm). Was er quasi nebenbei über die islamische Kultur zutage fördert, und nicht nur über den IS, sondern auch über die freiwillig komplizenhafte Bevölkerung in den IS- Gebieten, ohne die die Herrschaft des IS nicht möglich wäre, ist schreiendes Zeugnis in einem Meer von Leugnung.
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