Dieser Mann muss in Rente

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Dieser Mann muss in Rente
Datum: 09.06.2016, 13:31

Nachdem er mit zitternden Händen seine Brille abnimmt, erklärt Schäuble den Verbliebenen in scharfen Worten, was zu tun sei, um die drohende Niederlage abzuwenden. Alle Anwesenden hätten nun bedingungslos, ständig und immer wieder die Prächtigkeit und Alternativlosigkeit des eingeschlagenen Schlachtplanes zu betonen. Was die deutsche Bevölkerung brauche, sei ein Trommelfeuer des guten Willens, den Endsieg durch Selbstverleugnung. Schäuble kündigt an, sich die Schreiberlinge nochmals einzeln zur Brust nehmen.

Das Gespräch mit Bernd Ulrich dauerte ganze drei Stunden und findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeit, unter dem prophetischen Titel: Dieser Mann will eine Revolution.

Doch sanft soll sie sein, die Revolution, mit Mut und Disziplin, um einen gerechten Ausgleich zwischen erster und dritter Welt zu schaffen. Ulrich/Schäuble visionieren die in der Globalisierung unumgänglichen Folgen für Deutschland: es gelte, nun „noch einmal eine maßvolle Revolution, einen grundlegenden Wandel ohne Übertreibung zu schaffen.“ Das historische Vorbild hierfür ist Lech Wałęsa, und Schäuble sieht die Große Führerin Angela Merkel in dessen Fußstapfen, denn sie hat „den Wandel der Gesellschaft früher begriffen“ als die anderen.

So ist die Abschaffung der Grenzen nicht nur ein Gebot der Menschlichkeit, sondern auch der Weisheit: „Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe.“

Schäuble weiß, wovon er spricht. Mit dem Bild der degenerativen Inzucht beschreibt er sein Schicksal als Gefangener des Politikbetriebes. In einem als Hintergrundgespräch bezeichneten Teil der Unterweisungen beschreibt er Ulrich, dass er einfach nicht aufhören kann, denn ohne ihn läuft es nicht.

Die Größe und Geschichtsträchtigkeit des Gebäudes, in dem er arbeitet, haben ihn immer mehr verwandelt, abgeschottet, kaputt gemacht. Schäuble weiß, dass sich sein Denken von der Wirklichkeit abgekoppelt hat, doch der Geist einer überwunden geglaubten Terminologie stecke in allen Ritzen und schmutzigen Ecken des Hauses.

Manchmal führe er stundenlang einfach nur durch die leeren Flure. Dann gehe seine Seele auf Reisen und er träume von einer Türkin der dritten Generation und ihrem enormen Potenzial. Doch weil das Wort Potenz so ähnlich klänge, erlebe er die strenge Architektur dann wieder als eine unzumutbare Begrenzung. Sein Wunsch, raus zu kommen, und die Ohnmacht dies zu tun, verwandelten sich zur Idee, alle reinzulassen, zur Akzeptanz der Politik der offenen Grenzen.

General Ulrich verstand seinen Auftrag sofort. Fluchs fertigte er einen Artikel, in welchem es ihm hervorragend gelungen ist, die eigentlich sehr private Situation von Wolfgang Schäuble auf eine globalpolitische Bühne zu heben: einen Verfall, umschrieben zur Sorge um die Gesunderhaltung des deutschen Volkskörpers.

Schäubles Generäle schreiben und senden aus allen Rohren, doch können sie den Untergang noch stoppen?

Sven von Storch

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