Ein großes Glaubensgeheimnis

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Ein großes Glaubensgeheimnis
Datum: 29.05.2014 - 11:02 Uhr

Als ich ein Jahr lang in Südtirol studierte, habe ich an einer nachmittäglichen Andacht zu Himmelfahrt teilgenommen. Eine Figur des auferstandenen Christus wurde an einer Schnur durch ein Loch im Gewölbe nach oben gezogen. Den Leuten wurde in dieser sicher aus der Barockzeit stammenden Tradition plastisch vor Augen geführt, was wir in der Ersten Lesung gehört haben: „Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.“ Ein Tiroler Bauer konnte sich das früher sicher auch ganz naiv und kindlich so vorstellen. Wir können das nicht mehr. Sie nicht und ich auch nicht. Deswegen müssen wir ein wenig nachdenken. Der Jesus, der sich den Blicken der Apostel entzog, war nicht mehr der irdische Jesus. Sondern die Himmelfahrt beendet die geheimnisvolle Zeit, in der nach Ostern sich der auferstandene Christus leibhaft den Seinen offenbarte. Und wie aus den Osterberichten deutlich wird, war Er ja als der Auferstandene ganz wirklich da, man konnte Ihn anfassen, mit Ihm essen, seine verklärten Wunden berühren. Und doch wird ja deutlich, daß Er nicht mehr zu dieser Welt gehörte. Er ist plötzlich da, wird auch nicht sogleich erkannt, entzog sich plötzlich wieder der sinnlichen Wahrnehmung der Jünger, tritt durch verschlossene Türen usw. Der Auferstandene war nicht einfach in diese Welt zurückgekehrt, sondern Er begegnete den Jüngern von der himmlischen Welt her, jedoch so konkret und sinnlich wahrnehmbar, daß sie erkannten: die Auferstehung ist kein Märchen, der Auferstandene ist kein Gespenst, der Sieg über den Tod ist ganz real. Aber Er sagt auch zu Maria Magdalena: „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen.“ Unsere Kategorien von Zeit und Raum versagen hier. Es geht ja um die Begegnung mit der Wirklichkeit des Himmels. Trotzdem mußten die Evangelisten all diese Wahrheiten in der begrenzten menschlichen Sprache in Worte zu fassen versuchen. Und wir müssen versuchen, diese Worte nicht als Märchen oder Mythen abzutun, sondern so zu meditieren, daß wir ihren Inhalt erfassen. - Es gab offensichtlich nach Ostern eine Zeitspanne intensiver Begegnungen mit dem Auferstandenen, die aber zu Ende ging. Die Kirche ist seitdem felsenfest von seiner Gegenwart überzeugt, aber sie erfährt diese Gegenwart nicht mehr auf dieselbe Weise wie in der ersten Zeit nach Ostern. Diese Zeitspanne der Erscheinungen des Auferstandenen nach Ostern wird abgeschlossen durch das geheimnisvolle Erlebnis der Jünger, das wir als Christi Himmelfahrt feiern. Die Kirche lernt die Gegenwart Jesu auf eine neue Weise glauben und erfahren. Christus ist ganz beim Vater.

Und wer am Dienstag in der hl. Messe war, hat die Worte Jesu im Johannesevangelium gehört, die ein Schlüssel sind zum heutigen Festgeheimnis: „Es ist gut für euch, daß ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.“ Ja, Brüder und Schwestern, es ist gut für uns, daß Jesus fortgegangen ist. Das Problem ist nur, daß unser Glaube so klein ist. Können Sie sich vorstellen, daß ein Verwandter zu ihnen sagt: Es ist gut für euch, wenn ich in den Himmel komme? Wenn ein lieber Mensch stirbt, sind wir sehr traurig, wir vermissen ihn so sehr. Aber es gibt auch die Wahrheit, die in der Heiligenverehrung deutlich wird: Einer, der wirklich bei Gott ist, kann von da aus noch mehr für uns tun, als wäre er hier. Manchmal zeigen die Heiligen uns das durch regelrechte Wunder, die auch heute noch geschehen. Jesus ist aber nicht nur ein Heiliger, er ist Gottes Sohn. Er geht zum Vater. Aber dadurch geht Er nicht weg von uns, sondern Er sendet den Heiligen Geist. Das werden wir ja in wenigen Tagen zu Pfingsten feiern. Durch den Hl. Geist, mit dem Er in der einen Dreifaltigkeit ganz eins ist, ist ER in Seiner Kirche uns viel gegenwärtiger, als wenn wir erst nach Palästina reisen müßten, um mit viel Glück auf eine Erscheinung des Auferstandenen zu warten… Ja, es stimmt, was Jesus gesagt hat: „Es ist gut für euch, daß ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.“ - Jesus ist da, bei uns. Himmelfahrt heißt nicht, daß ER verschwunden ist, sondern daß ER uns nahe ist. ER ist nahe in den Sakramenten, nahe durch Sein Wort, wenn wir es gläubig hören und annehmen, nahe in der Lehre der Kirche, die trotz aller menschenbedingten Zerbrechlichkeit den Schatz des Glaubens über die Jahrhunderte sicher bewahrt. ER ist nahe durch die Gaben des Hl. Geistes, die in unsere Herzen ausgegossen werden. Christus ist aber kein Besitz, den wir uns ein für alle Mal wie einen materiellen Gegenstand aneignen können, sondern ER will uns nahe sein durch die lebendige Person des Hl. Geistes, der in uns wirkt, der unsere Seelen mit Macht, aber auch unendlich zärtlich und respektvoll berührt und führt, der deshalb aber auch immer wieder empfangen werden will. Deswegen lädt die Kirche uns ein, von heute ab ganz intensiv mit Maria verbunden um die Gabe des Hl. Geistes zu beten, unsere Herzen zu bereiten, uns um die Haltung des Gehorsams zu bemühen, damit der Hl. Geist uns beschenken und führen kann. Denn Er will uns nicht gegen unseren Willen überwältigen. ER kommt besonders gern in die Herzen, die sich Ihm bereithalten. Darum geht es. Christus ist zum Vater gegangen. Aber so kommt Gott uns noch näher. Durch die Sendung des Hl. Geistes. Machen wir ihm mit Maria unsere Herzen bereit. Amen

Sven von Storch

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