Sexueller Missbrauch

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Sexueller Missbrauch
Datum: 17.02.2010, 08:19

Angeheizt durch einige Missbrauchsfälle aus kirchlichem Bereich ist das Thema „Sexueller Mißbrauch“ erneut zu einem Medienrenner geworden. Die Motive sind nicht immer lauter: Durch Anprangen einzelner Verstöße die Glaubwürdigkeit der gesamten Institution in Zweifel zu ziehen, ist eine häufig verwendete Masche ihrer Gegner. Doch man mag sich beruhigen: Eindeutige Reaktionen des Klerus, vom Papst bis hin zu  den betroffenen Diözesanbischöfen, haben ein Stehen zu den längst bestehenden kirchlichen Leitlinien zum Problem bewiesen. Das weitere Vorgehen in Bezug auf den einzelnen Fall ist eine Angelegenheit innerkirchlicher Maßnahmen.

Aber man staune: Erstmals seit vollen vierzig Jahren bleiben Vorkommnisse auf diesem Feld nicht mehr nur rasch verrinnender Anlass medialer Sensationslust. Ab dem 15.02.2010 könnte ein Urteil des Hamburger Oberlandesgerichts Schule machen und damit eine dringend notwendige Wende einleiten. Danach ist nun nicht etwa nur Kinderschändertum sondern bereits das Herunterladen und Betrachten von Kinderpornos im Internet strafbar. Bereits der Wille, Kinderpornographie zu betrachten sei ihrem Besitz gleichzusetzen und hätte der Ahndung nach § 184b Abs. 1 im StGB zu unterliegen. Diese neuen Akzentsetzungen sind Silberstreifen am Horizont der Vernunft.

Sexueller Missbrauch ist seit einigen Jahrzehnten ein Menetekel an der Wand des modernen Zeitgeistes. Es ist dringend an der Zeit, das gefährlich Fehlerhafte der Quantität dieses Delikts endlich einmal nachhaltig wahrzunehmen.

Es ist viel zu lange versäumt worden, die Ursachen darüber zu erforschen und durch entsprechende Maßnahmen weiterem Unglück vorzubeugen. Über die bestehende Gesetzgebung hinaus besteht für das Überhandnehmen des „Sexueller Missbrauchs“ gewiss auch für die Allgemeinheit Handlungsbedarf. Allerorts sind die Gerichte damit  beschäftigt.

Aber um wirklich eine Einstellungsänderung zu erwirken, müssen zunächst einmal die bisher verschleierten Ursachen auf den Tisch; denn das Thema hat eine spektakuläre Vorgeschichte. Seit 40 Jahren - angestoßen durch den Ruf der 68-er Revolte nach „Befreiung zur Sexualität“ - hat in unserer Gesellschaft ihre Liberalisierung stattgefunden, die in flächendeckendem
Ausmaß eine Enttabuierung der Normen in diesem Bereich hervorrief. Angeschoben durch die Freigabe der Antibabypille entstand der Tenor „Erlaubt ist, was MIR gefällt“. Von wesentlichen Einschränkungen befreit, wurde Sex auf der ganzen Bandbreite zu einer Sache an sich, auf jeden Fall zu einer von der Fortpflanzung ablösbare, allein der Lust dienende Angelegenheit. 

Über Jahrzehnte hinweg durch exhibierende und pornographische Inhalte besonders in den elektronischen Medien aufgebläht, wurde daraus aber keineswegs für alle die erhoffte lustvolle Befreitheit, sondern es entwickelten sich neue Probleme, neue Krankheiten, die es in diesem Ausmaß nie zuvor gegeben hatte, viel Unglück auch. Aber vor allem: Eine breite Palette von Sexualsüchten trat auf den Plan. Besonders viele Jugendliche und erwachsene Männer gerieten in ein Übermaß perverser sexueller Praktiken.

Es zeigte sich: Die Moderne hat die Großmacht Sexualität offenbar leichtfertig fehleingeschätzt. Es ist dem Menschen unbekömmlich, den so mächtigen, notwendigen Lebensbeweger Sexualität aus seinem Zusammenhang zu reißen. Sie hat das mit allen Grundtrieben des Menschen gemein: Isoliert man sie, setzt man sie absolut, so beginnt sie zu wuchern. Der absolut gesetzte Trieb verselbständigt sich und zwingt so den Menschen in die Abhängigkeit, höchst ähnlich wie beim Alkohol, und auch mit der gleichen Schwierigkeit, das selbst erst zu begreifen, nachdem die Falle längst zugeklappt ist. An den Trieb gefesselt, verliert der  Mensch seine Willensfreiheit!  Nicht er ist noch in der Lage, den Trieb zu beherrschen, sondern dieser beherrscht ihn. Er fordert durch einen immer größer werdenden Anspruch unter Druck von Innen seinen Tribut. Der Mensch wird zu seinem Sklaven. Sehr oft  nahm das Elend mit dem Gebrauch pornographischen Materials seinen Anfang. Und erst recht wird Pornographie heute - nun besonders durch den so leicht erreichbaren Zugang dazu mithilfe des Internets - zum süchtig gesuchten Moloch. Sogar der Kindsmord gerät ins Blickfeld.

Diese sich merkantil steigende Entwicklung hatte auch zur Folge, dass jede Menge für Kinderaugen und -ohren verderbliche Ware den Medienmarkt überschwemmte. Viele Kinder mussten erleben, dass die Sexualität viel zu früh aus ihrer natürliche Latenz herausgerissen und geweckt wurde. Pädophilie wurde in den siebziger und achtziger Jahren fast zu einer Art Kavaliersdelikt und selten überhaupt zur Anzeige gebracht, geschweige denn geahndet.

Als obligatorische Sexualerziehung für das Grundschulalter fand viel Verfrühtes, Unangemessenes, die Kinderseelen manchmal sogar Schockierendes, Verletzendes oder auch Antreibendes im Unterricht statt. Und der Jugendsex wurde durch diese Einstimmung im allgemeinen Trend bei den Pubertierenden in manchen Schulklassen fast zur verpflichtenden Mode.

Aus sexualisierten Kindern wurden nicht selten sexualsüchtige Erwachsene - besonders unter den Männern. Die zu frühe Stimulierung des Triebs drängt später zu immer gleicher, oft nur scheinbefriedigender Entlastung; denn eigentlich bleibt dann die Sexualität der so Fehlgeleiteten im Kindsstatus hängen. Ein Teil ihrer Seele selbst bleibt infantil. Auf diese Weise werden pädophile Bedürfnisse geweckt, schon ganz und gar, wenn die Beeinträchtigten bereits als Kind direkt zum missbrauchten Objekt geworden sind. Obgleich die Verführten dann im Erwachsenenalter nicht selten zu Tätern werden, sind sie im Grunde doch elende Opfer einer ihnen aufgenötigten Triebsucht mit Wiederholungs- und Verstärkungszwang.

Was müssen wir über das gestrige Hamburger Urteil hinaus daraus für Schlüsse ziehen? Was müssen wir  aus dieser leidvollen bedenklichen Entwicklung lernen?

1) Die Eskalation der Pädophilie und anderer Perversionen, die Zunahme des sexuellen Missbrauchs auch im privaten Bereich als konsequente Folge einer allgemeinen sexsüchtigen Fehlentwicklung sind eine große Herausforderung für jeden menschlich denkenden Bürger. Nötig ist unser aller wachsamer Protest gegen die enthemmenden bzw. pornographischen Trends  besonders in den Medien, die bereits die Kinder in eine falsche Weichenstellung ihres Lebens zu nötigen suchen.

2) Da Sexualstraftäter in den allermeisten Fällen Sexualsüchtige sind, und das heißt, dass der pathologisch gewordene Drang stärker ist als der Wille, und den Menschen so zum Wiederholungstäter macht, ist es dringend an der Zeit, dass hier endlich wieder Erfahrungswissenschaft an die Stelle einer blauäugigen Fehleinschätzung tritt: Ein in dieser Weise auffällig gewordene Mensch bedarf der Therapie, und er muss - selbst nach der Entlassung aus dem Strafbereich - zu seinem eigenen Schutz weiter beobachtet  und vor Tätigkeiten bewahrt werden, die neue Versuchung begünstigt.

3) Der Sexualkundeunterricht in der Grundschule sollte wieder entfallen. Und die Schulbücher sollten nach Sexideologie durchforstet werden. Kids müssen hingegen über  die Gefahr süchtig machender Pornographie - vor allem per Internet gewarnt werden. Klarsicht über die Folgen und wacher Widerstand vieler mündiger Bürger sollten bewirken, dass hier mehr Schutz von Kindern und Jugendlichen möglich wird.

4) Vor allem müssen die unzähligen leichtfertigen verantwortungslosen Schreibtischtäter im Medienbereich (besonders in staatlich hochsubventionierten Institutionen und Gazetten) in die Verantwortung gerufen werden; denn sie tragen schwere Schuld. Ja, viele von  ihnen machen biedermännisch die Kinderschänder-Katastrophen abermals zu ihrem Geschäft, nachdem sie vorher jahrzehntelang daran mitgewirkt haben, dass die Auswüchse ein solches Ausmaß angenommen haben.

Auf eine Veränderung ist nur zu hoffen, wenn die Zusammenhänge durchschaut werden und in der Bevölkerung eine  Einstellungsänderung erfolgt. Aber das hieße vor allem zu erkennen, dass der Mensch seine eigene Steuerungsfähigkeit überschätzt hat - dass er überheblich das Machen nach der eigenen Mütze an die Stelle der Vernunft und des Lernens an der
Erfahrung gesetzt hat. Erst nach einer solchen Rückkehr zur Realität menschlicher Ohnmacht angesichts der Großmacht Natur, die sich rächt, wenn man sie missbraucht, ließe sich auf echten Fortschritt hoffen.

Sven von Storch

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