Mit diesem kühlen Satz beginnt der amerikanische Journalist (“New York Times”) und Autor Tim Weiner ein fast 700 Seiten langes Epos über die wohl berühmteste Polizeiorganisation der Welt, das FBI (“Federal Bureau of Investigation”) und ihren legendären Gründer J. Edgar Hoover, der die Behörde bis zu seinem Tod 1972 vier Jahrzehnte lang autokratisch geleitet hat. Ob Hoover tatsächlich am Ende seiner Karriere gesagt hat “Wer unter mir Präsident der Vereinigten Staaten ist, ist mir gleichgültig”, lässt sich nicht wirklich klären – eine recht präzise Beschreibung der Macht, die er zeitweise akkumuliert hatte, wäre es allemal.
Viele Europäer, die das FBI vor allem aus Krimis und Filmen kennen, wird überraschen, dass die Behörde nicht primär eine Polizei zur Bekämpfung von schwerer Kriminalität war (und ist); sondern vor allem eine Art Inlandsgeheimdienst, gegründet zur Abwehr, Prävention und gegebenenfalls Verfolgung von Terrorismus, politischer Subversion und staatsfeindlicher Umtriebe ausländischer Mächte. Dass dies manchmal ein ziemlich dreckiges Geschäft sein kann, ist ein Makel, der das FBI seit seiner Gründung begleitet und in der Watergate-Affäre kulminierte.
Dem zweifachen Pullitzer-Preis-Träger Tim Weiner, der bereits ein Standardwerk über die CIA verfasst hat, ist mit “FBI – Die wahre Geschichte einer legendären Organisation” ein publizistisches Großformat gut gelungen. Basierend auf erst vor kurzem freigegebenen 70.000 Seiten an Dokumenten, darunter eine Sammlung Geheimdossiers Hoovers, und mehr als 200 Interviews mit Zeitzeugen zeichnet Weiner ein außerordentlich detailliertes Bild des FBI und seines Gründers. Dessen zentrale Mission aus tiefster Überzeugung war von Jugend an die Bekämpfung des Kommunismus.
Dass er dabei nicht immer feinfühlig vorging, beschreibt Weiner an zahllosen Beispielen: Von Präsident Franklin D. Roosevelt etwa ließ er sich mittels einer geheimen Weisung das Recht einräumen, alle Amerikaner ohne richterliche Genehmigung abzuhören, wovon das FBI in der Folge üppig Gebrauch machte. Eines der berühmtesten Abhör-Opfer des FBI war in den 1960er-Jahren der schwarze Menschenrechtler Martin Luther King. Hoover war davon überzeugt, belegt Weiner anhand neuer Dokumente akribisch, dass der spätere Nobelpreisträger King Teil einer Verschwörung der Sowjets sei – mit dem Ziel, in den Vereinigten Staaten einen Staatsstreich zu organisieren und anschließend eine kommunistische Diktatur zu errichten.
Systematisch wurde der Bürgerrechtler, den Hoover als “den für die Zukunft des Landes gefährlichsten Neger” bezeichnete, von da an überwacht, wobei auch das vielfältige Liebesleben Kings auf FBI-Bändern dokumentiert wurde. “King ist ein streunender Kater mit zwanghaften degenerierten Neigungen”, notierte der FBI-Chef höchstpersönlich. Dass Hoover, der 30.000 Seiten Dossiers über vermeintliche oder tatsächliche Schwule in der US-Regierung anlegen ließ, selbst homosexuell gewesen sei und eine lange Affäre mit seinem Untergebenen Clyde Tolson gehabt habe, wie etwa jüngst der Film “J. Edgar” insinuierte, hält Weiner für nicht wahrscheinlich: “Diese Behauptungen beruhen auf Hörensagen und stammen aus höchst unzuverlässigen Quellen. Es gibt nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass Hoover jemals mit Clyde Tolson oder einem anderen menschlichen Wesen Sex hatte.”
Ignorierte Warnung
Hoover, argumentiert der Autor plausibel, führte nur eine einzige Beziehung in seinem Leben: die mit dem FBI. Diese Behörde wäre, erfahren wir gegen Ende des Buches, 2001 nach den Anschlägen in New York übrigens um ein Haar wegen erwiesener Unfähigkeit aufgelöst worden. Denn im Sommer 2001 hatten FBI-Agenten gemeldet, Al Kaida habe Leute in US-Flugschulen eingeschrieben, doch ihre Berichte wurden ignoriert. Ein Special Agent Greg Jones warnte gar davor, dass die Verdächtigen “ein Flugzeug ins World Trade Center fliegen” könnten. Doch seine Chefs meinten nur, Jones möge die Sache doch bitte der Einwanderungsbehörde überlassen. Das war am Tag, bevor die Türme fielen. (“WZ”)


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