Buchtip: "Keynes/Hayek"

Sommer 1942, Cambridge, England: John Maynard Keynes, damals schon fast 60 Jahre alt, und der deutlich jüngere Österreicher Friedrich August von Hayek verbringen eine ganze Nacht auf dem Dach der Kapelle von King’s College, ausgerüstet mit jeweils einem kräftigen Spaten.

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Nicht etwa, um Wirtschaftstheorie zu diskutieren, sondern um die Kapelle vor Görings Luftwaffe zu retten. Die beiden bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts verbringen, wie ihre Studenten, die Nacht am Dach des Gotteshauses, um von deutschen Bombern abgeworfene Brandsätze eilig mit ihren Schaufeln vom brennbaren Gestühl auf den Boden zu befördern.

Es ist eine gleichermaßen berührende wie charakteristische Szene, die der britische Autor Nicholas Wapshott in seinem Buch “Keynes Hayek – Der Konflikt, der die moderne Ökonomie definiert” beschreibt, einer brillanten Doppelbiografie der beiden weit über ihren Tod hinaus außerordentlich einflussreichen Kombattanten.

Der eine, John Maynard Keynes, kam angesichts der Massenarbeitslosigkeit im England der Zwischenkriegszeit zum Schluss, in solchen Situationen müsse der Staat, und sei es auf Pump, in großem Stil investieren, um die Wirtschaft “anzukurbeln”, wie Keynesianer das bis heute nennen. Dass dies langfristig zu Inflation führen werde, wischte Keynes mit dem legendären Zitat zur Seite, wonach wir “langfristig alle tot” seien.

Der andere, Friedrich August von Hayek, kam dagegen nicht zuletzt unter dem Eindruck der Hyperinflation in Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, die (unter anderem) seine Familie verarmen ließ, zum Schluss, dass jede Form staatlicher Intervention letztlich mehr Schaden als Nutzen stifte, und wurde damit, wenig überraschend, zum großen Antagonisten von Keynes. Doch die ökonomischen Grundlagen dieses Jahrhundertkonfliktes verpackt Wapshott außerordentlich gelungen in eine faszinierende Milieustudie der beiden Herren und ihrer Umgebungen, die zumindest indirekt Einfluss auf ihre jeweiligen Überzeugungen gehabt haben werden.

Da steht auf der einen Seite Keynes, ein intellektueller Dandy und Snob, Alphatier im latent homosexuellen Cambridge-Milieu und in der elitären “Bloomsbury”-Gruppe, einem Zirkel von Künstlern und Intellektuellen um die Autorin Virginia Wolfe. Es muss eine kosmopolitische, diskursfreudige und auch erotisch ziemlich hoch aufgeladene Gruppe Höchstbegabter gewesen sein, deren Epizentrum Keynes damals war (und deren Lebensunterhalt er mit Börsenspekulationen erwirtschaftete).

Auf der anderen Seite der Wiener Friedrich August von Hayek, Schüler des berühmten Ökonomen Ludwig von Mises, des Doyens der “Österreichischen Schule der Nationalökonomie”. Habituell mehr Beamter denn waghalsiger Entrepreneur verbrachte Hayek seine ganze Berufslaufbahn ausschließlich im Staatsdienst; Glamour nach der Art des lebensfrohen Keynes dürfte ihm eher fremd gewesen sein.

Die beiden trafen einander erstmals 1928 in Cambridge, diskutierten angeregt die Funktion des Zinssatzes in der Ökonomie – und entwickelten von da an eine “prickelnde Freundschaft” (Wapshott); die sie nicht davon abhielt, die Lehren des anderen für extrem problematisch zu halten. Für Hayek musste der Keynesianismus früher oder später in Inflation, Verarmung und anschließendem Totalitarismus enden – für Keynes dagegen waren die Lehren der “Austrians” der Weg in die Massenarbeitslosigkeit und das Massenelend.

Entschieden ist dieser fundamentale Konflikt im Grunde bis heute nicht, und das verschafft Wapshotts Bericht über zwei tote Ökonomen ein hohes Maß an Gegenwartsbezug. Denn während die “Austrians” gegen Ende des 20. Jahrhunderts – Hayek wurde 1974 mit dem Nobelpreis geehrt – den Konflikt für sich entschieden zu haben schienen und der Staatsinterventionismus in die Defensive geraten war, änderte sich das mit Ausbruch der Finanzkrise 2008 gründlich. Seither sind die Keynesianer wieder zum Gegenangriff übergegangen.

“Wir unternehmen nichts, weil wir kein Geld haben”, spottete Keynes schon 1930, “aber in Wahrheit haben wir kein Geld, weil wir nichts machen.” Mit “machen” hat er nicht zuletzt Schulden gemeint; eine auch 2013 in Europa höchst populäre Ansicht. Langfristig sind wir schließlich alle tot.

Wapshott, Nicholas: Keynes Hayek, Norton & Co., 384 Seiten, 18,99 Euro


Beitrag erschien zuerst auf ortner.at.

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Gravatar: Mittelalter

Im Gegensatz zum Mainstream (zu diesem gehören neben den Keynesianer, die Monetaristen und die neo-klassischen Syntheser) haben die Austrians alle Krisen der letzten hundert Jahre prognostizerit – auch die sog. Weltfinanzkrise, von welcher der Mainstream maßlos überracht wurde.

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