Buchtip: "Boomerang" von Michael Lewis

Den US-Autor Michael Lewis, 52, kann man sich als eine Art jungen Hugo Portisch der Wirtschafts-Berichterstattung vorstellen: Sachkundig, leicht verständlich und sprachlich brillantzeichnet er seit mehr als zwei Jahrzehnten die Dramen des Geldgeschäftes nach.

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Sein erstes Buch “Liar’s Poker” (1989) beschrieb präzise die bizarre Welt der Wall-Street-Kultur und wurde sofort ein Weltbestseller. Sein jüngstes, “Boomerang”, widmet sich der europäischen Schuldenkrise und ist zweifellos eines der besten Bücher, die bisher zu diesem Thema geschrieben wurden.

 Ausgehend von der vernünftigen Diagnose, ein “Tsunami billiger Kredite” (Lewis); der ab 2002 um die Erde schwappte, sei die Hauptursache der Finanzkrise, nimmt der Autor die Haltung eines Ethnologen ein, der die Reaktion verschiedener Völker auf dieses unanständige Angebot der Notenbanken untersucht. “Komplette Gesellschaften hatten plötzlich die Möglichkeit, Charaktereigenschaften auszuleben, die sie sich sonst nicht leisten konnten. Es war, als hätte man ganzen Völkern gesagt: Das Licht ist ausgeschaltet, macht (mit dem vielen geborgten Geld, Anm.) was ihr wollt (…) Die Amerikaner wollten größere Häuser, die ihre Mittel weit überstiegen. Die Isländer hatten keine Lust mehr, Fische zu fangen, und wollten lieber Investmentbanker sein. Die Deutschen wollten noch deutscher sein, die Iren nicht länger irisch sein …”

Auf einer Reise von Island über Dublin und Berlin nach Athen recherchiert er die nationalen Eigenheiten in Sachen Geld und deren fatale Konsequenzen in Kombination mit praktisch unbegrenzten Krediten. Dabei entsteht zwar keine neue ökonomische Diagnose über die Ursachen der Krise – wohl aber ein atemberaubendes Panorama menschlicher Unvernunft an der Grenze zum kollektiven Wahnsinn.

In Island etwa trifft er einen Investmentbanker, der ihm die Mechanik der dortigen Finanzblase beschreibt: “Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Hund und ich habe eine Katze. Wir einigen uns darauf, dass beide eine Milliarde Dollar wert sind. Sie verkaufen mir den Hund für eine Milliarde und ich ihnen die Katze für eine Milliarde. Jetzt sind wir beide keine Haustierbesitzer mehr, sondern isländische Banken mit einem Milliardenvermögen.” (Wobei in Irland vor dem Crash natürlich nicht Hunde, sondern Immobilien diese Funktion hatten.)

Milliarden-Fax aus dem Pub
Das Ergebnis ist bekannt: Als am 6. Oktober 2008 die gewaltige Spekulationsblase platzte und das Land pleite war, “stellten die rund 300.000 Bürger des Landes plötzlich fest, dass sie für die rund 70 Milliarden Euro Verlust geradestehen mussten” – 230.000 Euro pro Kopf für jeden Isländer, vom Säugling bis zum Greis.

In Griechenland hingegen stößt Lewis nicht nur auf den mittlerweile gut dokumentierten Betrug aller an allen, sondern unter anderem auf zwei Mönche, die aus einer dubiosen, uralten Eigentumsurkunde an einem völlig uninteressanten See innerhalb weniger Jahre mit Hilfe politischer Intrigen, nützlicher Zahlungen an Beamte und jeder Menge billiger Kredite innerhalb weniger Jahre ein milliardenschweres Immobilienimperium zimmerten, letztlich zu Lasten der wenigen griechischen Steuerzahler.

Dass der damalige irische Finanzminister eine Haftungserklärung des irischen Staates über 440 Milliarden Euro vom Faxanschluss eines Dubliner Pubs an die Europäische Zentralbank faxte, fand Lewis auf seiner Spurensuche ebenso heraus wie das Faktum, dass am Höhepunkt des Booms irische Bauträger Kredite für neue Projekte in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro manchmal binnen weniger Stunden und ohne jede bürokratische Überprüfung bekommen konnten.

Nicht wirklich gut kommen auch die Deutschen weg: “Clevere Händler an der Wall Street erfinden unfaire und teuflisch komplizierte Papiere und schicken dann ihre Händler los, um nach einem Deppen zu suchen, der sie kauft. In den letzten Jahren saß ein unverhältnismäßig hoher Anteil dieser Deppen in Deutschland …”

Zu viel zu billig bereitgestelltes Geld verdirbt eben überall den Charakter – wenn auch in unterschiedlichen Kulturen auf höchst unterschiedliche Weise.  (“WZ”)

Michael Lewis: Boomerang. Übersetzung: Jürgen Neubauer. Campus Verlag, 248 Seiten, 25,70 Euro.

ortneronline.at

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